Die Stolpersteine von Emil und Selma Burkart sind eine Warnung: Alltagsrassismus kann auch in extremer Gewalt enden. Foto: Kuster

Evelin Nolle-Rieder, Leiterin der Kleinkunstbühne K3 und Regisseurin Laura Tetzlaff, haben eine App entwickelt, die ihre Nutzer nach dem Geo-Caching-Prinzip durch Winterlingen schickt und dabei hautnah eine spezielle Erfahrung vermittelt: Alltagsrassismus.

Winterlingen - Ich spaziere das Rössle-Winkele in Winterlingen entlang und genieße das schöne Wetter. Eine ältere Dame kommt mir entgegen und grüßt mich. Ich lächle zurück. Ehe ich etwas sagen kann, streckt sie ihre Hand nach mir aus. Erschrocken ziehe ich meinen Kopf ein und sie verlegen ihre Hand zurück. Lächelnd schaut sie mich an und sagt: "Oh, du hast aber schöne Haare. Darf ich die mal anfassen?". Was? Nein! Wir kennen uns doch gar nicht! "Schade, ich hätte auch gerne solche Locken – aber sag mal, kannst du die überhaupt waschen?" Mir klappt die Kinnlade runter: Wie kann man nur so dreist und unverschämt sein?!

 

Mir wird die Sache zu viel, ich will weg. Aber die Dame steht immer noch vor mir, und das Winkele ist zu eng, um ihr auszuweichen. Hinter mir sitzt eine junge Frau auf einer Mauer und schaut zu mir herunter. Sie trägt ein gelbes Shirt, hat lange krause Haare und eine dunkle Haut. Wissend schaut sie mich an, sie kennt die Situation zur Genüge. "Immerhin hat sie gefragt" sagt sie nur. Was soll das denn heißen?!

Daily rac[e]ism "spielerisch" erlebt

Leider werde ich auf meine Frage keine Antwort erhalten, denn weder die junge Frau noch die ältere Dame sind echt. Sie sind Darstellerinnen in einem Video, das ich auf meinem Smartphone sehe. Es ist eines von elf, das für die interaktive App "Daily Rac[e]ism" gedreht wurde. Die Perspektive ist immer meine eigene – via Geo-Caching werde ich zu verschiedenen Punkten in Winterlingen gelotst, um – so die Webseite www.dailyraceism.de – "alltäglichen Rassismus spielerisch am eigenen Leib erfahren und verstehen".

Die Idee zu der App stammt von Evelin Nolle-Rieder, der Leiterin der Kleinkunstbühne K3, und von Regisseurin Laura Tetzlaff. Ursprünglich wollten sie zum Anlass der Stolperstein-Verlegung ein Theater-Konzept auf die Beine stellen. Wegen der Corona-Pandemie fiel diese Idee zwar ins Wasser, eine Alternative wurde aber schnell gefunden: Beide entdeckten das Förderprogramm "dive in. Programm für digitale Interaktion" und dachten sich: "O.K., das probieren wir."

Evelin Nolle-Rieder beobachtet zunehmend besorgt die wachsende Spannung im Zollernalbkreis: "Jedes Grüppchen bleibt eher für sich und kennt die anderen nicht. Bis auf das Afrika-Festival zum Beispiel gibt es kaum Berührungspunkte." Tetzlaff beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, warum man sich kaum mit der Lösung des Problems Rassismus befasst.

Bildung, Beruf, Wohnungssuche – wie privilegiert bist du wirklich?

Die App soll die Nutzer zu mehr Verständigung und Mitgefühl anregen und so ihren Teil zu einer Lösung beitragen. "Sie soll da ansetzen, wo jeder anfangen kann: bei sich selbst", sagt Nolle-Rieder. "Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Wann mache ich mein Gegenüber zum ›Anderen‹?" Oder: Was ist Alltagsrassismus und wo fängt er an?

Gute Fragen. Vor allem, wenn man wie ich zur "dominanten Kultur" gehört und selbst nicht betroffen ist – oder zu sein glaubt. Das erste Video muss ich zweimal abspielen, um zu erkennen, dass die Menschen, die mir entgegen kommen, mich kritisch beäugen und einen weiten Bogen um mich machen. Auch die weiteren Situationen sind mir neu: Noch nie bin ich wegen meines Äußeren in eine "verdachtsunabhängige" Polizeikontrolle geraten oder musste fürchten, wegen meines Namens eine Wohnung oder einen Job nicht zu bekommen.

Spätestens am Ende der "Schnitzeljagd" ist mir klar, wie privilegiert ich bin: Auf dem Parkplatz des K3 sind elf Linien zu sehen. Jedes Mal, wenn eine von zehn Aussagen auf mich zutrifft, darf ich bis zur nächsten Linie vorgehen – wenn nicht, muss ich stehen bleiben. "Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen" – einen Schritt vor. "Ich kann problemlos ins europäische Ausland reisen"- noch einer. Am Ende stehe ich fast ganz vorne, nur eine Aussage passte nicht: "Meine Freunde sehen alle genauso aus wie ich". Wie mag sich einer fühlen, der kaum vorwärts gekommen ist?

Alles nicht so schlimm? Wie man’s nimmt – möglicherweise haben die Eheleute Emil und Selma Burkart diesen Satz in den 1930er Jahren auch hin und wieder zu hören bekommen. Was aus ihnen wurde, das steht auf ihren Stolpersteinen in der Ebinger Straße. Auch sie sind eine Station der Winterlinger "Daily-Rac(e)ism"- App.