Das Apothekensterben geht um. Die Apotheker in Weil am Rhein fordern eine Anpassung ihres Honorars, um sich für die Zukunft zu wappnen.
Das Apothekensterben geht um. Der Druck auf die Betriebe erhöht sich auch in Weil am Rhein, weil steigende Kosten einer seit 2013 stagnierenden Vergütung gegenüber stehen. Zudem macht der Wettbewerb durch den Online-Handel den Apotheken zu schaffen, „vor allem seit Günther Jauch im Fernsehen dafür wirbt, auch rezeptpflichtige Medikamente beim Internet-Anbieter zu bestellen“, sagt Peter Schiffmann von der Markgräfler Apotheke in Haltingen auf Anfrage unserer Zeitung.
Ende Oktober gab es noch 17 041 Apotheken in Deutschland, was einen Rückgang von 300 seit Jahresbeginn bedeutet. Die Zahl der Apotheken in Baden-Württemberg ist im ersten Halbjahr 2024 um 41 zurückgegangen, wobei 44 Schließungen drei Neueröffnungen gegenüberstanden.
Gleiche Bedingungen für den Wettbewerb gefordert
Besonders schwer wiege für die Pharmazeuten hierzulande, dass die Konkurrenz mit dem Online-Handel zu unterschiedlichen Bedingungen ausgetragen wird. Während der Apotheker vor Ort bei der Herausgabe verschreibungspflichtiger Medikamente einen Festzuschlag erhält, der in der deutschen Arzneimittelpreisverordnung geregelt ist, hat der Europäische Gerichtshof im Jahr 2016 festgestellt, dass die in dieser Verordnung festgelegte Preisbindung für ausländische Versandapotheken mit der unionsrechtlichen Warenverkehrsfreiheit unvereinbar ist. „Da braucht also nur jemand eine Versandapotheke in Holland eröffnen“, sagt Schiffmann.
Bei der Preisbildung gebunden
So geschehen mit Medpex, einer der größten Online-Apotheken Deutschlands. Im Jahr 2018 hatte die Schweizer Rose Group, zu der auch DocMorris gehört, die Versandaktivitäten von Medpex übernommen. Und DocMorris wiederum hat ebenso wie die Shop-Apotheke eine Niederlassung in den Niederlanden.
Die Apotheker in Weil am Rhein sind bei der Preisbildung aber an die deutsche Arzneimittelverordnung gebunden, bei der Abgabe von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Der Grundgedanke dabei ist, dass Patienten ein bestimmtes Arzneimittel in jeder Apotheke zu den gleichen Bedingungen erhalten. Dieser Verordnung zufolge erhält der Apotheker vor Ort zudem einen Festzuschlag, der Anfang Januar 2013 von 8,10 auf 8,35 Euro angehoben wurde – letztmals.
Unrealistische Preisanker von Online-Apotheken
Julia Hahnemann von der Apotheke im Rheincenter in Friedlingen sieht im Wettbewerb mit den Online-Apotheken noch eine weitere Herausforderung: „Sie setzen oft unrealistische Preisanker und nutzen dabei Vorteile, die sonst in Deutschland nicht gelten.“ Sie hätten geringere Mitarbeiterkosten, weniger strenge regulatorische Anforderungen, könnten Rabatte auf verschreibungspflichtige Arzneimittel geben, leisteten keine Notdienste und stellten keine Rezepturen her.
Sie selbst verteufle den Onlinehandel nicht. „Es sollten jedoch gleiche Wettbewerbsbedingungen gelten, die eine qualifizierte pharmazeutische Betreuung sicherstellen.“
Viele Fachkräfte wandern in die Schweiz ab
Einen weiteren Faktor, der die Apotheker in Weil am Rhein immer wieder beschäftigt, ist laut Hahnemann der Personalmangel. Immer weniger entschieden sich dafür, in einer öffentlichen Apotheke zu arbeiten. Vor allem hier an der Grenze böten die Pharmaunternehmen eine lukrative Alternative. Auch Elena Harms von der Apotheke am Rathaus in Weil am Rhein sieht in der nahen Schweiz einen Konkurrenten in Sachen Fachkräfte, denn viele wanderten wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten ab. Harms sieht zudem, ebenso wie Monika Csecsei von der Adler- und der Bären-Apotheke, im Wegfall des Skonto für Apotheken einen weiteren Grund für die Erhöhung des Drucks.
Digitalisierung verursacht zusätzliche Kosten
„Es ist Geld, das fehlt und für Investitionen nicht zur Verfügung steht“, sagt Harms. Und investieren müssten die Apotheken, zum Beispiel in die Digitalisierung für die Einlösung von E-Rezepten.
Und weil Apotheker es je nach Medikament auch mit fünf- bis sechsstelligen Beträgen im Einkauf zu tun haben können, spiele der nun fehlende Apothekenabschlag von 1,77 Euro pro Packung wirtschaftlich durchaus eine Rolle. Zudem müssten die Apotheker in Vorleistung gehen, bevor die Krankenkassen die Beträge gegen Vorlage der Rezepte erstatteten.
Für viele ist Apotheker ein Traumberuf
Doch trotz aller Unwegsamkeiten lebt Csecsei als Inhaberin der Adler- und der Bären-Apotheke ihren Traumberuf. Im Jahr 2023 hat sie beide von ihrem Vorgänger Axel Gehrhardt übernommen. Sie ist motiviert, mag die Herausforderung und „hat noch so viele Pläne“, sie räumt aber auch ein: „Es muss irgendetwas verändert werden, weil sonst nicht nur die Apotheken sterben, sondern auch der Beruf.“
Die Möglichkeiten der Apotheken vor Ort
Apotheken könnten zum Beispiel auch Arztpraxen entlasten, indem sie Impfungen oder einfache Gesundheitstests übernähmen. Doch Service koste Personal und dies müsse sich der Apotheker leisten können. Dennoch könnten die Apotheken vor Ort gegenüber Versandapotheken damit punkten.
„Die Beratung ist persönlich und unmittelbar“
Und auch Hahnemann betrachtet ihre Apotheke nicht als reine Ausgabestelle für Arzneimittel, sondern als Haus der Gesundheit: „Die Apotheke ist ein Ort an dem die Menschen kompetente Beratung zu all ihren Themen rund um einen gesunden Körper und Geist bekommen und zwar persönlich und unmittelbar.“ Gemeinsam hoffen sie, dass auch die Politik sich für die Apotheken vor Ort einsetzt und attraktivere Rahmenbedingungen schafft.