Plötzliches Fieber, eine Frau braucht die Pille danach oder ein Rezept aus der Notfallpraxis muss eingelöst werden – Apotheken stehen auch am Wochenende, Feiertagen oder mitten in der Nacht im Notdienst zur Verfügung. Seit 1. Januar werden die Notdienste anders unter den Apotheken verteilt. Was bedeutet das für Kunden und die Apotheken selbst? Wir haben nachgefragt.
Thomas Karcher hat einen langen Dienst hinter sich. Er ist inzwischen seit über 24 Stunden im Einsatz. Über Nacht hatte seine Apotheke in der Villinger Paradiesgasse Notdienst. 13 Kunden zählte er nach der regulären Öffnungszeit ab 18.30 Uhr am Montagabend bis zum nächsten Morgen um 8 Uhr, wenn die Türen der Paradies-Apotheke wieder regulär für die Kunden öffnen.
KI verteilt die Notdienste seit 1. Januar
Das neue System Von 8.30 Uhr bis 8.30 Uhr des Folgetages muss eine Apotheke den Kunden im Notdienst zur Verfügung stehen. Bislang wurde die Notdienstverteilung über sogenannte Notdienstkreise geregelt. Seit 1. Januar hat die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg jedoch ein neues System eingeführt: Mithilfe von KI werden die Notdienste in einem flächendeckenden Plan nun landesweit verteilt.
„Bisher wurden in den landesweit knapp 100 Notdienstkreisen die Notdienste einzeln ermittelt und selten wurden diese mit benachbarten Notdienstkreisen abgestimmt. Dadurch kam es teilweise zu Überschneidungen und unregelmäßigen Entfernungen. Mit dem neuen System wird eine möglichst gleichmäßige Abdeckung mit Notdienstapotheken erreicht“, erklärt Mirjam Taufenbach, Sprecherin der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, auf Anfrage unserer Redaktion. Mit der computergestützten Verteilung der Notdienste sollen demnach Apotheken um circa 20 Prozent entlastet werden.
Müssen Kunden jetzt weiter fahren?
Doch was bedeutet das für die Versorgung in Villingen-Schwenningen? Müssen Kunden künftig im Notfall weitere Wege in Kauf nehmen? In Städten ab 75 000 Einwohnern werde es laut Taufenbach immer mindestens eine Notdienstapotheke geben. Im landesweiten Schnitt liege die Entfernung zwischen zwei Notdienstapotheken bei acht Kilometern und in über 98 Prozent der Fälle bei maximal 25 Kilometern, sagt Mirjam Taufenbach.
Ein Blick in die Notdienstübersicht auf der Webseite der Landesapothekerkammer zeigt, dass im Januar an vier Tagen keine Apotheke aus Villingen-Schwenningen Dienst hat. Doch auch diesen Umstand kann Mirjam Taufenbach erklären: Die neue Notdienstverteilung orientiere sich im Fall von Villingen-Schwenningen zur Entlastung der Apotheken in VS am alten Notdienstkreis, zu dem Bad Dürrheim und Tuningen dazu gehört haben. Das bedeutet, dass aufgrund der geringen Entfernung täglich entweder eine Apotheke aus Villingen-Schwenningen oder aus Bad Dürrheim oder Tuningen Notdienst hat.
„Für Bürger ändert sich in den Städten nicht viel – die Änderungen sind eher auf dem Land zu spüren. Das liegt maßgeblich auch an den bundesweiten Veränderungen in der Apothekenlandschaft“, resümiert Mirjam Taufenbach.
Für ein Resümee ist es noch zu früh
Umsetzung in der Praxis Doch wie sieht es in der Praxis aus? Für ein Resümee sei es aktuell noch zu früh, sagt Thomas Karcher, Inhaber der Paradies-Apotheke. Im vergangenen Jahr habe die Apotheke 21 Notdienste gehabt, im neuen Jahr seien es nun 19. Ein kleiner Rückgang, der aber überschaubar bleibt.
Das bestätigt auch Christoph Behrendt, Inhaber der Klosterring-, Mozart-, Delta- und Berthold-Apotheke. „Grundsätzlich haben wir nicht mehr Dienste als früher, aber auch nicht merklich weniger“, sagt er. Für ein Urteil über die neue Regelung ist es aber auch für ihn noch zu früh. Seine vier Apotheken hätten immer ungefähr alle zehn bis elf Tage einen Notdienst, die Notfälle seien dabei in der Hälfte der Fälle Rezepteinlösungen aus der Notfallpraxis.
„In den Notdienstkreisen waren die Notdienste für einzelne Apotheken in regelmäßigen Abständen über das Jahr hinweg verteilt – das ist so jetzt nicht mehr gegeben“, sagt Mirjam Taufenbach. Ein Umstand, über den Thomas Karcher gut hinweg sehen kann. Dass es keinen festen Rhythmus mehr gibt, findet er nicht weiter dramatisch.
Nicht nur Notfälle sind im Notdienst Thema
Herausforderungen Doch von einer Entlastung der Apotheken durch das neue System könne laut Christoph Behrendt nicht die Rede sein. „Im Prinzip heben sich die vielen Apothekenschließungen und längeren Anfahrtswege für die Kunden auf, im Endeffekt haben wir dann mehr Kunden zu schultern“, erklärt er die neue Problematik.
Außerdem: „Leider verstehen immer noch viele Bürger nicht, dass wir nicht einfach länger offen haben und man wie zu einem Späti gehen kann, um sich sein Nasenspray oder einen Schwangerschaftstest zu holen. Das ist vor allem nachts um 3 oder 4 Uhr sehr anstrengend“, erläutert Behrendt ein weiteres Problem, das die Arbeit im Notdienst erschwert. „ Es wäre schön, wenn vielen nochmal klar gemacht werden würde, dass wir für Notfälle da sind und das dann natürlich gerne“, beteuert der Apotheken-Inhaber. Wenn diese vermeintlichen Notfälle weniger werden würden, wäre der Notdienst auch leichter zu schultern.
Notfallpraxen erhöhen das Aufkommen
Hinzu komme in Villingen-Schwenningen noch eine weitere standortbedingte Herausforderung für notdiensthabende Apotheken, erläutert Thomas Karcher. Durch die hier angesiedelten Notfallpraxen sei das Aufkommen teils besonders groß. Gerade an Sonn- und Feiertagen sei der Dienst sehr anspruchsvoll, deshalb seien in der Paradies-Apotheke an solchen Tagen zwischen 10 und 17 Uhr immer zwei Arbeitskräfte vor Ort. An Neujahr hatte Thomas Karcher beispielsweise fast 200 Kunden, die den Notdienst der Apotheke in Anspruch genommen haben. An normalen Wochentagen liege die Zahl zwischen zehn und 15 Kunden.
Er setzt dabei auf ein gut gefülltes Lager und führt eine Liste mit Präparaten, die man im Notdienst häufiger braucht, um zu vermeiden, dass er seine Kunden zu einer anderen Notdienst-Apotheke schicken muss. „Klar, es kann immer sein, dass etwas verordnet ist, was wir nicht da haben“, sagt er. Durch das neue System könne es nun sein, dass der Kunde dann bis zur nächsten Apotheke weiter fahren muss als bisher. Die Paradies-Apotheke beispielsweise hatte mit dem alten System immer mit einer Apotheke in Trossingen Dienst, beim letzten Notdienst im Januar war die nächste diensthabende Apotheke nun aber in Schramberg.
Grundsortiment an Medikamenten sinnvoll
Appell an die Bürger Deswegen hat Thomas Karcher einen dringenden Appell: Er empfiehlt den Bürgerinnen und Bürgern dringend, ein gewisses Grundsortiment an Medikamenten zu Hause zu haben, wie beispielsweise etwas gegen Erkältung, Schmerzmittel oder Verbandstoffe. Gleichzeitig sei es wichtig, die Apotheken vor Ort zu unterstützen, die in immer größerer Konkurrenz zu den Versandapotheken im Netz stehen. Schließlich seien es ausschließlich die Apotheken vor Ort, die im Notfall – sei es am Wochenende, an Feiertagen oder mitten in der Nacht – für die Kunden da sind.
Die Notdienste können im Internet unter www.lak-bw.de eingesehen werden.