Apothekensterben und Arzneimittelmangel – das Gesundheitssystem krankt auch in der Region. Doch wer ist eigentlich der Schuldige?
Gottfried Schmidt, der CDA-Vorsitzende im Schwarzwald-Baar-Kreis weist nimmermüde auf den desolaten Zustand des Gesundheitswesens hin. Immer wieder legt er den Finger tapfer in die Wunde – oder er hebt den Zeigefinger mahnend in Richtung der Politik.
Nun, bei einem Infogespräch zur Apothekenkrise in Villingen-Schwenningen ist aber auch zu erfahren, ob es tatsächlich Sinn macht, auf die Ärzte und die Politiker zu schimpfen, oder ob am Ende doch ganz andere die Schuldigen sind.
Junger Apotheker – ein Exot
In der Schwenninger Rieten-Apotheke ist der CDU-Bundestagsabgeordnete zu Gast. Gemeinsam mit Gottfried Schmidt und dem CDA-Vize Karl-Heinz Kienzler macht sich Frei im Gespräch mit dem Apotheker Frank Klaiber und seiner Mitarbeiterin Dorit Egert ein Bild von der Situation vor Ort.
In Schwenningen, wo einst 15 Apotheken auf Kundschaft warteten, gibt es gerade einmal noch fünf. Als junger Apotheker, der sich gerade erst ein solches Geschäft ans Bein gebunden hat, ist Frank Klaiber also schon fast ein Exot. Gemeinsam mit seiner Familie habe er auch sorgfältig und lange überlegt, ob er dieses Wagnis überhaupt eingehen will, erzählt der Unternehmer im Gespräch. Und immer öfter kommen ihm offenbar Zweifel, wohin die Reise geht.
Eine Apotheke als Lizenz zum Geld drucken? Das war einmal. Stattdessen klaffen in den Kassen der Apotheken in der Region immer häufiger tiefe Löcher – obwohl der Absatz der Medikamente eigentlich brummt, und die Preise für Medikamente für den Endverbraucher häufig stattlich sind.
Oft zahle die Krankenkasse gar nichts
„Es ist nicht mehr so lukrativ eine Apotheke zu übernehmen“, erklärt Klaiber und freut sich, dem Politiker die Sorgen und Nöte der Apotheker näher bringen zu können. „Es brennt nicht nur, es ist schon halb abgebrannt.“
Für Thorsten Frei sind zwei Dinge wesentlich: „die Lieferkettenschwierigkeiten und die Arzneimittelversorgung“. Und schon hakt Frank Klaiber ein. „Die Preisbindung ist schuld“ – die Bevölkerung schimpfe auf die Ärzte und Apotheker, „und wissen aber gar nicht warum das so ist“. Da würden Hersteller gezwungen, ein Säuglingsnasenspray für 90 Cent herzustellen – „wie soll das funktionieren?“ Die Richtung seines Fingerzeigs ist klar: die Krankenkassen seien die Schuldigen. Sie arbeiteten weder im Sinne der Patienten, noch nähmen sie Rücksicht auf die Apotheken. Im Gegenteil.
Angesichts der angespannten Liefersituation für Paracetamol oder Ibuprofen gebe es nun beispielsweise die Möglichkeit, so etwas als Apotheke selbst herzustellen. „Und dann gibt es mittlerweile Krankenkassen, die zahlen diesen Apotheken null dafür, und das obwohl der Versicherte ordnungsgemäß versorgt ist“, sagt Klaiber aufgebracht und formt mit den Fingern seiner rechten Hand eine runde Null.
Fieberkinder werden weggeschickt
„Wir mussten Mütter mit Fieberkindern tatsächlich wegschicken und sagen, ’wir haben keinen Fiebersaft, wir haben keine Alternative, gehen sie zurück in die Klinik’“, schildert Dorit Egert den Apothekenalltag und ärgert sich maßlos: „Wir sehen schon die Medikamente, aber wir kommen da nicht dran, weil die Bürokratie eine Hürde aufbaut“, spricht sie ein weiteres Problem an, das offenbar in Deutschland gemacht ist und in Nachbarstaaten keine Rolle spiele. Ein geänderter Beipackzettel, das führe nicht selten zum Desaster – „die Ware ist da, der Beipackzettel ist da, aber der Behördenstempel fehlt...“ Die Genehmigungsverfahren in Deutschland seien zu kompliziert, langwierig und gar nicht praxistauglich.
„Ich hatte zum Beispiel an einem Samstagvormittag eine Mutter mit einem Kind, das asthmatische Anfälle hatte. Das Kind konnte das Salbutamol nicht benutzen, es brauchte ein Zwischenstück, um das Medikament einzuatmen. Tja – das Aerosol darf ich abgeben, aber das Spray nicht – das darf ich erst nach Rücksprache mit der Krankenkasse“, was am Samstagvormittag ein Ding der Unmöglichkeit sei. „Ich habe die Mutter zurückgeschickt ins Krankenhaus.“ Dorit Egert schaut bitter drein.
Eine Gängelei
Apotheken, gegängelt von den Krankenkassen, dieses Bild zeichnen Frank Klaiber und seine Angestellte Dorit Egert mehrfach ganz deutlich an diesem Nachmittag im Hinterzimmer der Rieten-Apotheke.
Ein weiteres riesiges Ärgernis für die beiden: Erbsenzählerei beim Einlösen der Rezepte. „Ich verbringe meine Hauptarbeitszeit mittlerweile über dem Papier, um Formfehler zu finden“, erklärt Dorit Egert und anstelle von wirklich sinnvollen Seminaren zu Krankheitsbildern besuche sie mittlerweile Workshops zum Thema „Wie ist ein Rezept richtig ausgestellt?“ Denn passiere nur der kleine Lapsus, sähe die Apotheke am Ende kein Geld von der Krankenkasse – und das, obwohl der Patient mit der Ware längst versorgt ist. „Die Krankenkassen haben externe Prüfer, die das genau prüfen“, meint Klaiber und hält das für „höchst fragwürdig“.
Wie leicht Fehler passieren, verdeutlicht er an einem Beispiel: „Ich habe acht Nummern zu begründen, warum ein Medikament gerade nicht lieferbar ist. Mache ich da einen Fehler, bezahlt die Krankenkasse nicht.“
Plötzlich ein Loch in der Kasse
Seine Worte stehen noch kurz im Raum, ehe er auf Nachfrage klarstellt, was genau das für eine Apotheke bedeutet: Verluste, die so genannte Retaxation der Krankenkassen, also deren Weigerung der Kosten-Erstattung eines bereits an den Patienten abgegebenen Medikaments. Konkret: „Bei uns betrugen die Verluste in den vergangenen drei Monaten etwa 3000 Euro“, erklärt Klaiber auf Nachfrage. „An dieses Agglomerat der Krankenkassen wagt sich keine einzige Partei ran!“, moniert der Apotheker zudem und schaut Frei erwartungsvoll an. „Die Politik muss da etwas machen, auch gegen die Krankenkassen!“
Ob Thorsten Frei diesem Ruf folgt? Er sehe Koordinierungs- und Transparenzprobleme, auch Organisationsschwierigkeiten, bestätigt er. Und vieles sei in der Tat „nicht akzeptabel“.„Uns bleibt im Grunde nur das Parlament als Ort der Debatte“, zeigt der CDU-Bundespolitiker auf und verspricht: „Wir thematisieren das im Bundestag.“