Christoph Behrendt übt den Beruf mit Leidenschaft aus. Hart ins Gericht geht er mit der Gesundheitspolitik. Denn die Kosten steigen und für die Familie bleibt wenig Zeit. Ihm ist es wichtig, den Kunden weiter als Berater zur Seite zu stehen
Die letzte Streikwoche der Apotheken Ende November blieb in Berlin bislang ungehört. „Gesundheitsminister Lauterbach sieht und hört uns nicht“, klagt der Apotheker Christoph Behrendt.
2019 übernahm der 42-Jährige die Villinger Berthold-Apotheke. Dann kam Corona und damit „eine größere Herausforderung für die Branche, als man gemeinhin glaubt“. Die Kranken kamen in der Pandemie aus Angst vor Ansteckung nicht mehr, die Umsätze brachen ein. Ein Irrtum sei es, zu glauben, das Geschäft mit Masken und der Betrieb von Testzentren hätten die Verluste aufgefangen, sagt Behrendt.
Inzwischen haben sich die Umsätze zwar normalisiert, von einer „Effizienzreserve“ könne aber keine Rede sein – im Gegenteil: Generelle Kostensteigerungen und die von der Politik jüngst verordnete Erhöhung der Rabatte, die Apotheken den Krankenkassen bei verschreibungspflichtigen Arzneien einräumen müssen, machen der Branche das Leben schwer. Die gerade um zwei Euro gekürzten 8,35 Euro Vergütung pro Rezept würden nicht reichen, es müssten zwölf sein, um wenigstens die Inflation auszugleichen, rechnet er. Für die Apotheken sei die Kürzung eine wirtschaftliche Katastrophe, zumal die Honorare seit 2004 nicht mehr angehoben wurden.
Nachfolger fehlen
Christoph Behrendt kennt die Auswirkungen: von 18 000 Apotheken in Deutschland stehen 6000 wirtschaftlich auf der Kippe. Ganz zu schweigen davon, dass keine Nachfolger für die Betriebe mehr gefunden werden. Christoph Behrendt ist gebürtiger Hamburger, stammt aus einer Apothekerfamilie und beendete sein Pharmaziestudium in Düsseldorf mit einer Promotion. Nach dem frühen Tod seiner Großmutter übernahm er schon in jungen Jahren deren Apotheke in der Hansestadt und führte sie acht Jahre lang. Er unterbrach die Selbstständigkeit zu Gunsten seiner Familie und arbeitete im Angestelltenverhältnis bei verschiedenen Apotheken in Hessen, woher seine Frau stammt.
„Doch ich wollte wieder in die Selbstständigkeit“, erklärt er seine folgenden Bemühungen. Über seinen ehemaligen Kommilitonen Marc Thiel, heute ebenfalls Apotheker in Villingen-Schwenningen, entdeckte er den Süden der Republik und die Schönheit des Schwarzwalds. „Ideal, hier Kinder großzuziehen“, sagt er heute und genießt die Natur mit Frau und zwei kleinen Söhnen in jeder freien Minute.
Steigende Arbeitsbelastung
Davon gibt es nicht so viele, denn 2020 übernahm Behrendt von Thiel die Delta-, die Mozart- und die Klosterring- und 2021 auch noch die Berthold-Apotheke. Er beschäftigt knapp 60 Mitarbeitende und bewältigt eine 60- bis 70-Stunden-Woche. Um die Kosten zu senken, arbeite er häufig „vorne mit“, sagt er. Die ansteigende Arbeitsbelastung seines Personals und der notwendige Überstundenabbau zwingen ihn außerdem dazu, demnächst die Öffnungszeiten seiner Apotheken zu kürzen. Die Antwort auf die Schieflage in der Branche könne nämlich nicht sein, die Qualität herunterzufahren.
Anzahl von Kranken steigt
Derzeit sei er noch in der glücklichen Lage, genug motivierte Mitarbeitende zu haben, die der Kundschaft auch mit ihrer Lotsen- und Beraterfunktion zur Seite stehen und damit dazu beitragen, Folgekosten im Gesundheitswesen zu verhindern. „Wir tun das, was wir gelernt haben“, sagt der Apotheker selbstbewusst. Er wendet sich vehement gegen Lauterbachs Idee der „Gesundheitskioske“, in der die Begleitung der Patienten künftig wegfallen würde – unverantwortlich angesichts der durch die Demographie wachsenden Anzahl von Kranken.
Von der Politik an einen Tisch gebeten zu werden, um gemeinsam Lösungen zu finden, das wünschen sich Christoph Behrendt und seine Berufskollegen. Derweil kämpft er um eine Selbstständigkeit, „die sich auch lohnt“– und auch um eine familiengerechte Freizeitgestaltung. Gut könne er sich einerseits vorstellen, seine Apothekenlandschaft noch zu vergrößern, doch solange nicht klar sei, wohin die Reise gehe, blieben alle Perspektiven offen.
In Digitalisierung investiert
Um das Geschäft mit nicht verschreibungspflichtigen Produkten anzukurbeln – die einzige Möglichkeit für zusätzliche Einnahmen zum Ausgleich der Verluste – schuf er eine eigene Kosmetiklinie (Dr. Behrendt exclusiv). Und er investiert in eine fortschreitende Digitalisierung. So kann die Kundschaft bereits online bestellen und wird kostenlos beliefert, und demnächst gebe es einen „Abholautomaten“. Am 1. Januar wird das E-Rezept eingeführt. „Wir sind darauf vorbereitet“, sagt Christoph Behrendt augenzwinkernd.