Hansel beim Narrensprung 2020 Foto: Schwarzwälder Bote

Umzug abgesagt. Bälle abgesagt – diese Meldungen treffen einen aktiven Fastnachter

Umzug abgesagt. Bälle abgesagt – diese Meldungen treffen einen aktiven Fastnachter oder begeisterten Zuschauer in diesen Tagen schwer, vor allem in einer Stadt, die so eine historische und reizvolle Fasnet besitzt wie Oberndorf.

Seit Jahrhunderten wird hier Fasnet nicht nur gefeiert – hier wird Fasnet gelebt. So ist dieses Thema das ganze Jahr über aktuell getreu dem Motto: "Nach der Fasnet ist vor der Fasnet." Unermüdlich werden Narrenkleider vorbereitet, gereinigt und repariert, an Stammtischen debattiert und geforscht.

In unserer heutigen digitalisierten Welt ist es einfacher geworden, an benötigte Informationen zu kommen. Ein Stichwort im Internet auf einer Suchmaschine eingegeben, und schon erscheinen Tausende von zeitgenössischen und historischen Quellen, mittlerweile sind aber auch einige Bücher von renommierten Volkskundlern erschienen, welche einen tiefen Einblick in das Phänomen Fastnacht und seine Entwicklung erlauben. Diese Quellen zu sammeln und auszuwerten, ermöglicht uns, hin und wieder etwas Neues zu berichten aus der Welt der Fasnet und ihrer Figuren, von denen wir eigentlich dachten, sie genau zu kennen.

Nicht wenige Entstehungsmythen wurden zum Beispiel unserem Oberndorfer Hansel schon angedichtet – sei es eine Darstellung des berühmten Schwedenkönigs Gustav Adolf, einer Schlüsselfigur des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) oder eine Verulkung der Landsknechte aus dem Mittelalter.

Gerade bei der zweiten Theorie schlägt jedoch jeder Geschichtslehrer die Hände über dem Kopf zusammen: Landsknechte gab es nämlich im Mittelalter noch gar nicht.

Betrachten wir zunächst nicht sein Erscheinungsbild, sondern den Namen: Hansel. Nicht zu verwechseln mit "Hänsele", ein Name der seine Ursprünge beim "Hänslin", sprich dem Teufel, hat. Aber unser Hansel, keine Sorge, hat nichts mit dem Leibhaftigen gemeinsam.

Der Name Hansel ist die Kurzfassung von Hans Wurst. Die Figur des Hanswurstes ist bereits seit dem 16. Jahrhundert bekannt und wird zum ersten Mal 1497 in einer mittelniederdeutschen Übersetzung des berühmten Buch "Das Narrenschiff" von Sebastian Brant erwähnt.

Der Hanswurst stellt einen einfältig-pfiffigen Spaßmacher dar, der hauptsächlich durch Völlerei, Triebhaftigkeit, vulgäre Art, aber auch Bauernschläue und kindliche Ehrlichkeit auffällt und sehr beliebt beim Volk war. Er trat auf Wanderbühnen und Jahrmärkten auf, und sogar am Alt-Wiener Volkstheater hatte er eine Hauptrolle inne.

Und genau hier könnte unser Oberndorfer Hansel seinen Ursprung haben. Joseph Anton Stranitzky, ein Wiener Schauspieler, stellte den Hanswurst zu Beginn des 18. Jahrhunderts in einer Salzburger Bauerntracht dar: grüner Spitzhut, ein hölzernes Schwert am Gürtel, weite gelbe Hose, rote offene Jacke mit bauschigen Ärmeln, Herz auf der Brust und weißer Kragen.

Diese Gestaltung des Hanswurstes gewann schnell in Österreich und seinen Vorlanden, zu denen Oberndorf bis 1806 gehörte, an Beliebtheit. In anderen Ländern bekam er meist eine regionale Kleidung und Namen: Jean Potage in Frankreich, Jack Pudding in England und den Pickelhäring im Niederländischen, also immer einen typischen Vornamen mit einem regionalen Gericht.

Doch ab etwa 1730 rührte sich Widerstand aus der politischen Obrigkeit gegen den Hanswurst, er sollte von den Bühnen verschwinden, um die Qualität des deutschen Theaters und dessen soziales Ansehen zu verbessern. Die Funktion des Theaters sollte sich von reiner Unterhaltung zu einem pädagogischen Werkzeug ändern.

Zunächst wurde sein Wesen stark verharmlost, seine Rolle zur Nebensache, er bekam ein buntes Rautengewand und wurde schlussendlich fast gänzlich durch seinen weniger provokanten Nachfolger, den Kasperle, ersetzt.

Noch in den 1930er-Jahren schrieb man vom Oberndorfer "Hansel im roten Kittel mit gelben Hosen und närrisch beschützt vom Sonnenschirm". Die ersten Farbfotografien und eine Hand voll historischer Hanselkleidle zeigen noch die ursprünglichen Farben Gelb und Rot, welche sich im Laufe der Zeit durch Verwaschungen und Mode ins heutige Orange und Braun gewandelt haben.

Im 18. Jahrhundert, als das Färben von Stoffen noch mit Naturmaterialien und von Hand durchgeführt wurde, waren Rot und Gelb recht günstige Farben (im Gegensatz zu Blau und Purpur). Gelb wurde beispielsweise mit Zwiebeln und Blumen, Rot mit Wurzeln gefärbt.

Im Unterschied zum Original Hanswurst trägt unser Hansel eine Perücke und einen Sonnenschirm. Typisch für die Narren, ist doch ihre Aufgabe, der Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten und so karikiert unsere Version des Hanswurstes wohl die Perücken- und Schirmmode des Spätbarocks und Rokoko, was ebenfalls auf eine Entstehung im 18. Jahrhundert hindeuten könnte. Somit könnte er die älteste unserer Narrenfiguren sein.

Die Barttracht des Hanswurstes ist je nach Region und Epoche anders ausgeprägt, so trug er gelegentlich auch einen Knebelbart, wie wir ihn von unserem Hansel kennen.

Auch in anderen Fasnetshochburgen kennen wir Figuren, welche den Namen Hansel tragen, wie in Villingen, Donaueschingen oder Hüfingen. Aber keine hat sich so ausgeprägt wie der Oberndorfer Hansel mit seinem gelb-roten Gewand, blumengeschmückter Flachsperücke und Sonnenschirm.

Für diesen Ursprung der Narrenfigur sprechen somit gute Gründe, aber wie so vieles in der Fastnachtsdeutung ist auch dies nur eine Theorie, denn niemand von uns war damals vor 300 Jahren dabei. Und schriftliche Quellen sind uns keine überliefert oder wurden bisher noch nicht gefunden.

Aber das macht auch den Reiz an der Fasnet aus – nicht alles ist ergründbar, bleibt im Nebel der Geschichte verborgen und macht unsere Fasnet und ihre Figuren ein Stück weit mystischer. n Der Autor ist ein alter Oberndorfer Narr und der Fasnet mit Leidenschaft verbunden. Nach altem Narrenbrauch trägt er eine Maske und will unerkannt bleiben.

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