Foto: Thomas Fritsch

Wir dürfen wieder in Urlaub! Raus ins Leben. Fremde Regionen, gar fremde Länder bereisen. Wer den Koffer packt, der weiß: Ein wirklich gutes Buch gehört unbedingt dazu! „Unser Team hat die letzten Wochen kräftig gelesen“, erzählt Burhan Mutlugöz, passionierter Buchhändler beim „Zaiser“ in der Nagolder Marktstraße. „Und wir haben viel Neues und Gutes entdeckt!“

Seine ganz persönlich Empfehlung, für die Freunde von eher ernsten, tiefgehenden Lese-Stoffe: „Siegerin“ von Yishai Sarid. Zum Inhalt: Als Psychologin berät Abigail seit Jahren erfolgreich das israelische Militär, wie es Soldaten besser auf Einsätze vorbereitet. Doch dann wird ihr einziger Sohn Schauli einberufen, und sie muss sich entscheiden: Was wiegt schwerer, das Wohl ihres Landes oder das ihres Kindes? Mit der zentralen Frage: Wie lernt man zu töten, ohne daran zu zerbrechen? Harter Tobak, der sich mit den existentiellen Fragen des Lebens beschäftigt – vor dem Hintergrund der israelischen Tragödie mit all ihren vielen Facetten. Was durch die ganz aktuellen Geschehnisse im Nahen Osten auf einmal eine ganz eigene Dynamik und Relevanz gewinnt. Wobei Buchhändler Mutlugöz „Sieger“ als herausragendes literarisches Werk dieser Lese-Saison bereits im Januar für sich entdeckt hatte – bevor die Situation vor Ort in Israel so eskalierte. „Dieses Buch hallt lange nach“, bietet ungewöhnlich viel Stoff für Diskussionen und Gespräche.

Tipp von Tatjana Lunz: „Das Leben ist zu kurz

für irgendwann“ von Ciara Geraghty

Terry und Iris sind Irinnen, beste Freundinnen und würden durchs Feuer füreinander gehen. Aber Iris ist krank. So krank, dass sie sich heimlich entschließt, ihr Leben in der Schweiz zu beenden, solange sie es noch kann. Als Terry feststellt, dass Iris auf dem Weg dorthin ist, zögert sie keine Sekunde. Mit ihrem betagten Dad im Auto holt sie Iris gerade noch am Hafen von Dublin ein. Die drei begeben sich auf eine abenteuerliche Reise durch England und Frankreich, und was die schlimmsten Tage in Terrys Leben hätten werden können, werden ihre besten. Denn durch Iris entdeckt sie ungeahnte Seiten an sich – und dass es ein Geschenk ist, unser Leben zu leben, jeden Tag und bis zum letzten Tag. „Sehr lustig, sehr bewegend und ohne jegliche Sentimentalität“, schreibt die Irish Times.

Tipp von Louisa Konrad:
„Die Telefonzelle am Ende der Welt“ von Laura Imai Messina

Eine Tagesfahrt von Tokio entfernt steht in einem Garten am Meer einsam eine Telefonzelle. Nimmt man den Hörer ab, kann man dem Wind lauschen – und den Stimmen der Vergangenheit. Viele Menschen reisen zu dem Telefon des Windes, um mit ihren verstorbenen Angehörigen zu sprechen und um ihnen die Dinge zu sagen, die zu Lebzeiten unausgesprochen blieben. So kommt eines Tages auch Radiomoderatorin Yui an den magischen Ort. Im Tsunami von 2011 verlor sie ihre Mutter und ihre kleine Tochter. Yui lernt in dem Garten den Arzt Takeshi kennen, auch er muss ein Trauma verarbeiten. Die beiden nähern sich an, gemeinsam schöpfen sie neuen Mut. Und erlauben sich zum ersten Mal, dem Leben einfach seinen Lauf zu lassen. Ganz gleich, was es für sie vorgesehen hat. Zitat eines Rezensenten: „Eine wunderbare Geschichte über Verlust, Einsamkeit und die Schönheit des Lebens ... kraftvoll und poetisch erzählt.“

Tipp von Tanja Kruckau:

„Der ehemalige Sohn“ von Sasha Filipenko

Auch hier gibt es ein ernstes Thema – Leben im Weißrussland unter Diktatur und Korruption. Aber Autor Filipenko ist gelernter Satiriker, und sein Held Franzisk Cello, der nach zehn Jahren Koma in einem „unveränderten“ Land aufwacht, weiß mit den Absurditäten und bizarren Situationen unter aberwitzigen Lebensumständen bestens sprachlich umzugehen. In der Heimat des Autors ist dessen fulminanter Debütroman bereits 2014 erschienen. Mittlerweile ist Filipenko wegen seiner deutlichen Kritik an Machthaber Lukaschenko mit Schreibverbot belegt und mit Haft bedroht. Umso mehr Spaß macht dieses subversive Werk, das auch in der limitiertesten Sprache noch ganz große Tragödien darzustellen vermag.

Tipp von Sindy Paeslack:

„Die Beichte einer Nacht“ von Marianne Philips

In einer Nervenklinik vertraut die Niederländerin Heleen einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Sie erzählt vom Aufwachsen in einer kinderreichen protestantischen Familie, ihrem gesellschaftlichen Aufstieg, den sie sowohl ihrer eigenen Schönheit als auch ihrem Sinn fürs Schöne zu verdanken hat. Und sie berichtet von ihrer großen Liebe Hannes und der jüngeren Schwester Lientje, um die sie sich seit dem Tod der Eltern kümmert. Mit ungeahnten Folgen, denn ihre Eifersucht treibt Heleen schließlich zu einer verheerenden Tat. Wobei die Geschichte dieses Buches mindestens genauso spannend ist wie das Buch selber: Marianne Philips (Jahrgang 1886) Bücher wurde von den Nazis verboten. In diesem bereits 1930 im Zuge einer Therapie verfasstem Roman, verarbeitete die politisch aktive, jedoch psychisch labile jüdische Schriftstellerin ihre eigene Herkunft und den sozialen Aufstieg von einer Näherin zur bekannten Politikerin: Philips wurde 1919 als eine der ersten Frauen zum Ratsmitglied der Niederlande gewählt.

Tipp von Ted Elias:

„Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman

Ein Mann kehrt in seinen Heimatort zurück. Wie durch Magie zieht es ihn zu der Farm am Ende der Straße. Dort ist ihm damals ein bemerkenswertes Mädchen begegnet. Der Mann hat seit Jahrzehnten nicht mehr an sie gedacht. Doch nun, als er an dem Teich sitzt, der angeblich ein Ozean sein soll, kehren die Erinnerungen wieder zurück. Erinnerungen an eine Welt, in der Menschen nichts zu suchen haben. Und in der etwas Böses lauert, das seine

Finger nach ihm ausstreckt. Wer sich auf diese Geschichte einlässt, darf in eine besonders tiefe Welt der Poesie eintauchen. Ein Text, der einen gefangennimmt, der den Leser derart verzaubert, dass er die seltsame Vertrautheit des Erzählers mit allem jenseits der Realität einfach akzeptiert. Kein Wunder, dass dieses Buch mit dem „British National Book Award“ als bester Roman des Jahres ausgezeichnet wurde.

 

 

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