Foto: Thomas Fritsch

175 Jahre Stadtgeschichte – die vereint die Buchhandlung Zaiser in sich. Eine wechselvolle Geschichte...

175 Jahre Stadtgeschichte – die vereint die Buchhandlung Zaiser in sich. Eine wechselvolle Geschichte, in der es eigentlich nur ein Kontinuum gibt: den steten Wandel. Womit das traditionsreiche Unternehmen auch ein Spiegelbild der Stadt und der Stadtgesellschaft ist.

Im Jahre 1846 erwarb der aus Stuttgart stammende Buchdrucker Gottlob Zaiser die von Wilhelm Friedrich Vischer bereits 1823 gegründete Buchdruckerei in der Nagolder Marktstraße. Man könnte das Zaiser-Haus ab diesem Zeitpunkt auch das geistige, intellektuelle Zentrum der Stadt nennen. Denn hier wurde die erste Zeitung („Der Gesellschafter“) verfasst und gedruckt. Hier gab es immer die Bücher der Zeit und des Zeitgeists zu kaufen. Bildung, Zerstreuung und Ordnung. Letztere Dank der württembergischen Formulare und später Wahlzettel, die ebenfalls „beim Zaiser“ gedruckt wurden. „Dieses Haus hat eine beeindruckende Geschichte“, begeistert sich Burhan Mutlugöz, heute einer der leidenschaftlichen Buchhändler des Hauses.


Bereits seit seinem 16. Lebensjahr arbeitet Mutlugöz in der zentralen Buchhandlung Nagolds. Hat hier seine Ausbildung gemacht, seine Gesellenjahre verbracht und leitet heute den Buchhandel. „Ich habe mich früh durch die Archive des Hauses gewühlt“, erzählt Mutlugöz. „Ich hab einfach ein Faible für Nostalgie!“ Und schwärmt von den Devotionalien der eindreiviertel Jahrhunderte Unternehmens und Stadtgeschichte in diesen Archiven: Alte Verkaufsplakate – der Ullstein-Sonderhefte zum Beispiel
„Wie bleibe ich jung und schön?“; Preis: 1,25 Mark. Oder – noch älter – von der Deutschen Reichstinte Marke „Widder“, mit der wohl so manche Klausur im alten Lehrerseminar zu Nagold verfasst wurde.

Eigentlich hätte es zum großen, runden Jubiläum des Hauses Zaiser in diesem Jahr eine hübsche Ausstellung mit diesen einzigartigen Exponaten und vielem mehr geben sollen, die auch die Nagolder Stadtgeschichte auf sehr eindrucksvolle Weise lebendig machen können: Da gibt es noch die alten Kataloge, die beim großen Stadtbrand von 1893 ordentlich angekokelt wurden und auch noch heute den Brandgeruch von damals erahnen lassen. Das gesamte Anwesen Zaiser in der Marktstraße wurde bei diesem Feuer, der ganze Straßenzüge vernichtete, ein Raub der Flammen. Auch die Druckeinrichtung wurde vom Feuer vernichtet. Doch bald erstand aus dem Schutt und der Asche das neue Haus Zaiser, das bereits nur ein Jahr später bezogen werden konnte.

Der stete Wandel.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Druckerei stillgelegt. Weil die Angestellten und der Sohn im Krieg waren, führte Emilie Zaiser – Mutlugöz nennt die Zaiser-Ahnin „eine der Nagolder Powerfrauen“ – das Unternehmen mit Bravour fort. Nach den Zwei Weltkriegen musste sich die Buchhandlung samt Druckerei immer wieder neu erfinden.

Nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft ab 1947 führte Emilies Sohn Hans Zaiser, den Mutlugöz noch persönlich als Patriarch des Hauses kennenlernen durfte, die Druckerei. Der erzählte manches Mal, wie in den besonders schlechten Jahren die Nagolder ihren Lesestoff, ihr Bleistifte, ihre Hochzeitsbibel mit Naturalien wie Weizen, Mehl und Kartoffeln bezahlten. Im Vergleich zu solchen Zeiten, scheint die aktuelle Pandemie eine überschaubare Herausforderung zu sein. „Diese Stadt“ – und mit ihr der Zaiser – „haben ganz andere Krisen, ganz andere Herausforderungen gemeistert“. Und sind gestärkt und neu erfunden aus diesen Prüfungen hervorgegangen.

Ende der 1970er-Jahre setzte dann der große Umbruch im grafischen Gewerbe ab. Der Bleisatz wurde vom Fotosatz abgelöst und der Buchdruck wurde vom Offsetdruck verdrängt. Deshalb holte Hans Zaiser seinen Sohn Ulrich Zaiser und seinen Schwiegersohn Heiner Blum als Geschäftsführer in die Firma. Ab 1982 wurden die Buchhandlung und das Schreibwarengeschäft in der Marktstraße deutlich vergrößert. Durch die damit verbundene und immer größer werdende Belastung der Fußgängerzone in der Turmstraße entschloss man sich, den Druckereibetrieb schließlich auf den Wolfsberg auszulagern. 1995 wurde hier die neue Druckerei eröffnet. Dies schuf Platz, um auch die Buchhandlung – wieder einer neuen Zeit angemessen – in ihrer jetzigen, modernen Form zu präsentieren.

Ob es mit der Zaiser-Ausstellung im Jubiläumsjahr noch etwas werden darf? Buchhändler Mutlugöz ist da eher skeptisch. Corona und seine strengen Hygiene-Regeln. „Vielleicht im Herbst.“ Die gleiche Hoffnung gibt es für das zweite, „ganz große Geschenk“, das sich das Haus Zaiser in diesem besonderen Jahr auf jeden Fall noch selbst und seinen Kundinnen und Kunden machen will: Eine Lesung mit Nagolds „Lieblings-Autor“ Benedict Wells. Denn der hat dieses Jahr seine raren Lesungen „handverlesen“ selbst ausgewählt und will nur dort auftreten, wo es eine „besondere Verbindung“ zum Lesepublikum und zur Buchhandlung für ihn gibt. Wie in Nagold, in der Buchhandlung Zaiser. Das intellektuelle Zentrum, auch das schöngeistige Zentrum der Stadt. Die Verkaufsräume „voller Träume, fremder Welten“. Und ganz viel Wissen. Die eben nicht nur durch Krisen wie 'ner Pandemie hindurch tragen können. „Sondern durch Jahrhunderte!“

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