Bis heute dominiert noch immer das vor allem medial vermittelte Bild einer männlich geprägten „Gastarbeiterzuwanderung“. Foto: KI/Midjourney

Am 20. Dezember 1955 wurde das deutsch-italienische Anwerbeabkommen abgeschlossen. Heute leben in Baden-Württemberg bundesweit die meisten Menschen mit italienischen Wurzeln.

Der Arbeitsmarkt im Nachkriegsdeutschland war leer gefegt. Nicht nur in der Landwirtschaft wurden händeringend Leute gesucht. Deshalb schrieb 1955 der Landesverband des Hotel- und Gaststättengewerbes, der besonders vom Arbeitskräftemangel betroffen war, direkt an die Landesregierung mit der Bitte, „Maßnahmen für einen Einsatz ausländischer Arbeitskräfte zu treffen“.

 

Die Wirtschaftsverbände erreichten ihr Ziel: Am 20. Dezember 1955 unterzeichneten Bundesarbeitsminister Anton Storch (CDU) und der italienische Außenminister Gaetano Martino in Rom das deutsch-italienische Anwerbeabkommen: „Vereinbarung zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Italienischen Republik über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften nach der Bundesrepublik Deutschland“ – so lautete der offizielle Titel.

„Hier geht es zu wie auf einem Viehmarkt“

Der Vertrag schrieb fest, dass die Arbeitserlaubnis „längstens ein Jahr“ gelten sollte – eine Bestimmung, die aber bald wieder aufgehoben wurde, weil sie sich angesichts des Arbeitskräftebedarfs als unrealistisch herausstellte und die Arbeitgeber eingearbeitete Arbeitskräfte längerfristig behalten wollten. Die ersten Vermittlungen erfolgten 1956, im Laufe des Jahres wurden insgesamt 10 273 italienische Arbeitnehmer angeworben.

Alles war damals darauf ausgerichtet, so schnell wie möglich die angeforderten Arbeitskräfte zu vermitteln. Die „Deutsche Kommission“, eine Verbindungsstelle der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung, begann nach Inkrafttreten des Anwerbeabkommens ihre Tätigkeit zunächst in Mailand und zog später nach Verona um. Dort entstand in einer Kaserne das „Centro di Emigrazione“. Der damalige Personalchef einer Ludwigsburger Firma stellte in Verona fest: „Hier geht es zu wie auf einem Viehmarkt.“

Hans-Jörg Eckardt, der für das Landesarbeitsamt in Anwerbekommissionen arbeitete, schilderte Ende der 1980er Jahre seine Erfahrungen: „Damals kamen Fernschreiben unserer deutschen Firmen – auch aus dem ‚Ländle‘ –, in denen es dann ganz einfach hieß: ‚Bitte sofort fünf Stück Hilfsarbeiter‘.“ Im „Vermittlungsauftrag“ stand dann manchmal auch einfach „ein Stück Transportarbeiter“ oder „ein Stück Lagerarbeiter“. Eine andere Firma schrieb: „Wir bitten nachstehende Personen (.. .) umgehend in Marsch zu setzen.“ Hans-Jörg Eckardt hat seine Erinnerungen als junger Mann akribisch notiert. Bei einer Firma fand sich im Vertrag der Zusatz: „Nach Arbeitsschluss kann über die Freizeit nach eigenem Ermessen verfügt werden.“ Eckhardt begleitete die Züge, die Arbeitsmigranten nach Deutschland brachten. Der Bahnhof in Singen am Hohentwiel spielte bei der Verteilung eine wichtige Rolle – damals „Neapelschleuse“ genannt.

Auch viele Frauen kamen zum Arbeiten nach Deutschland

Bis heute dominiert noch immer das vor allem medial vermittelte Bild einer männlich geprägten „Gastarbeiterzuwanderung“, als ob die Frauen „nur“ im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland gekommen seien. Dabei lebten 1973, im Jahr des Anwerbestopps, rund 706 000 solcher Arbeitsmi-grantinnen in Deutschland. Das entsprach etwas über 30 Prozent aller ausländischen Arbeitskräfte. Oft gezielt von den deutschen Anwerbebüros angesprochen, arbeiteten die Arbeitsmigrantinnen vor allem in der Textil- sowie der Bekleidungs- und Nahrungsmittelindustrie, aber auch in der Elektro-, Eisen- und Metallindustrie.

Damals setzte sich die Sozialarbeiterin Silva Burrini für italienische Gastarbeiter und ihre Familien in Deutschland ein. Die Italienerin, die 1957 als 17-Jährige und ohne Sprachkenntnisse nach Süddeutschland kam, wusste um die Probleme des „Nicht-Verstehens“, des „Fremdseins“. Sie betreute lange Zeit im Ludwigshafener Stadtteil Hemshof vor allem Gastarbeiterinnen aus Italien: „Sie kamen aus Sizilien, aus Sardinien, aus Kalabrien, Apulien, Kampanien. Leute, die mehr oder weniger in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Sie waren gewohnt, den ganzen Tag draußen zu sein, an der frischen Luft. Und dann kamen sie in eine Fabrik, acht Stunden am Tag. Bei der BASF waren es sogar zwölf Stunden. Aber danach hat kein Mensch gefragt.“ Die Frauen nahmen alles auf sich, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Ihre größte Angst war, die Arbeit zu verlieren. Nicht wenige Arbeitgeber drohten mit Kündigung, wenn sie schwanger waren. „Ich habe Fälle gehabt, wo Frauen versucht haben abzutreiben – und gestorben sind“, berichtet Burrini.

In den fünf Jahrzehnten nach dem ersten Anwerbeabkommen kamen fast vier Millionen Italienerinnen und Italiener zum Arbeiten nach Deutschland, wobei auch der Familiennachzug eine Rolle spielte. Drei Millionen kehrten wieder zurück. Die Italiener stellten bis 1970 die größte Gruppe von Arbeitsmigranten und prägten nachhaltig das Bild vom „Gastarbeiter“. Zugleich wurde Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg weltoffener und entdeckte Italien als Reiseland. „Bella Italia“ wurde zum geflügelten Wort. Die Italiensehnsucht schlug sich auch im Schlager nieder, in Liedern wie „Zwei kleine Italiener“ oder „Caprifischer“. 1958 reisten vier Millionen Deutsche nach Italien. Für viele wurde das Land, „wo die Zitronen blühen“, fast zur zweiten Heimat. Im Urlaub fühlten sich viele Deutsche bald wie zu Hause. Das konnte man von den in Deutschland lebenden Italienern nicht behaupten.

In den 1960er Jahren wurden die „Gastarbeiter“– auch von staatlichen Stellen – noch „Fremdarbeiter“ genannt und ihre Unterkünfte (eigentlich zutreffend) als „Baracken“ bezeichnet. Die italienischen Arbeitskräfte und die ihnen folgenden aus der Türkei und den anderen Anwerbeländern erlebten Ausgrenzung und Rassismus. Oftmals dienten sie als „Feindbilder“ – eine „Tradition“, die sich bis heute bei Geflüchteten fortsetzt. So schlug den Italienern der ersten Stunde in Deutschland keineswegs nur Sympathie entgegen. Im Gegenteil: „Spaghettifresser“ war ein Schimpfwort, das lange Zeit hängen blieb. Italiener würden „deutsche Frauen belästigen“ oder seien „Messerstecher“, hieß es nicht nur an den Stammtischen.

Generalkonsul beschwerte sich über ein Schild

Am 28. Juni 1965 schrieb der damalige italienische Generalkonsul in Stuttgart, Alberto Solera, an den Oberbürgermeister von Böblingen und beschwerte sich, dass der neue Besitzer des Eiscafés Kerngast (früher Café Palermo) ein Schild mit der Aufschrift „Eintritt für Italiener verboten“ angebracht hatte. Er halte diese Geste des Besitzers für einen Angriff auf die Würde seiner Landsleute, so der Generalkonsul. Er bat darum, dass das Schild „schnellstens entfernt wird“.

Inzwischen gelten die Italiener als gut integriert, werden als „halbe Deutsche“ empfunden. Hinter den Kulissen sieht es weniger rosig aus. Zwar ist die soziale Integration in vielen Bereichen gelungen. Nimmt man die Schulbildung und den Übergang in den Beruf als Kriterium, muss man aber ein großes Fragezeichen setzen.

Erfolgsstorys und tragische Fehlschläge

Auf die Integrationsprobleme der italienischen Kinder in Baden-Württemberg hat 2007 der damalige Stuttgarter Generalkonsul Faiti Salvadori in einer Untersuchung hingewiesen und Alarm geschlagen. Nur eine geringe Zahl schaffte damals den Sprung aufs Gymnasium oder auf die Realschule. Heute sieht es etwas besser aus. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ist die italienische Gruppe der Realschülerinnen und -schüler deutlich gewachsen. An den Gymnasien hat sich der Anteil von Lernenden mit italienischer Staatsangehörigkeit gegenüber 2007 fast verdoppelt.

Es gibt sie also, die Erfolgsstory vom italienischen „Gastarbeiter“, der es zu etwas gebracht hat, aber eben auch viele Beispiele von tragischen Fehlschlägen. Die italienischen „Pionier-Gastarbeiter“, die längst in Rente sind, sprechen oft schlecht Deutsch. Viele wissen nicht, wo sie ihren Lebensabend verbringen sollen. Freunde, Bekannte und Familienangehörige in Italien gibt es häufig nicht mehr. In Deutschland haben manche nie so richtig Fuß gefasst.

Die Italiener waren die Pioniere der „Gastarbeiterbeschäftigung“ in Deutschland. Von 1955 bis zum Anwerbestopp 1973 kamen rund 14 Millionen Frauen und Männer als ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland. Elf Millionen sind wieder abgewandert. Das Anwerbeabkommen mit Italien war die Vorlage für die folgenden Abkommen, die Deutschland 1960 mit Spanien und Griechenland abschließen sollte. Es folgten die Türkei (1961), Portugal (1964) und das damalige Jugoslawien (1968). Mit dem italienischen Abkommen begann die Entwicklung Deutschlands zum Einwanderungsland.

Derzeit leben rund 565 000 Personen mit italienischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. In Baden-Württemberg sind es etwa 176 000. Blickt man auf die Menschen mit italienischem Migrationshintergrund, also auf die Staatsangehörigkeit der Personen zum Zeitpunkt der Geburt (Menschen, die entweder selbst zugezogen sind oder von denen mindestens ein Elternteil in Italien geboren wurde), liegt Baden-Württemberg an der Spitze aller Bundesländer.

Italien wollte Devisen einnehmen

Mit Italien und Deutschland hatten sich zwei Länder gesucht und gefunden. Italien wollte Arbeitskräfte, die keine Zukunft im eigenen Land hatten, „exportieren“ und Devisen aus den Auslandsüberweisungen seiner Landsleute einnehmen. 1955 lagen diese Transfers in Italien bei 200 Millionen D-Mark. Deutschland suchte „Gastarbeiter“, weil durch den Mauerbau keine Arbeitskräfte mehr aus der DDR verfügbar waren. Das „Wirtschaftswunder“ und der Aufbau der Sozialsysteme wären ohne die „Gastarbeiter“ nicht möglich gewesen.

Dennoch fehlt es bis heute an Wertschätzung für jene Frauen und Männer, die als Arbeitskräfte ins Land geholt wurden. Nur noch wenige Zeitzeugen können ihre Erfahrungen aus der „Gastarbeiterzeit“ der jüngeren Generation weitergeben. Ein landesweites Projekt zur Erinnerungskultur der Migration und Integration in Baden-Württemberg wäre deshalb wünschenswert. So könnte der Bogen von der „Gastarbeiterzeit“ bis in die Gegenwart gespannt werden, werden doch wieder Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus aller Herren Länder vor allem für die Krankenhäuser und für die Altersheime in Deutschland angeworben.

Einen ersten Schritt in diese Richtung geht das Hauptstaatsarchiv Stuttgart mit einer Ausstellung zum 70-Jahr-Jubiläum des Anwerbeabkommens, die bis zum 30. Januar 2026 zu sehen ist.