Häusliche Gewalt gibt es insbesondere gegen Frauen, aber auch gegen Männer. Foto: © sdecoret – stock.adobe.com

Nur jede fünfte Tat wird angezeigt, schätzt der Weiße Ring. Opferanwalt Jochen Link spricht über Zahlen, Scham, Abhängigkeiten – und warum viele Betroffene keine Hilfe suchen.

Opferschutzrechtler Jochen Link schaut auf die Uhr. Eine Stunde später kommt ein Mandant. Einer, der psychische und körperliche Übergriffe durch seine Partnerin erleben musste.

 

Häusliche Gewalt ist Links großes Thema und trifft häufig Frauen, aber nicht nur.

Ein weiterer, äußerst trüber Winternachmittag, doch Jochen Links Miene hellt sich plötzlich auf. Seit weit über 20 Jahren ist er als Opferanwalt tätig und seit 2013 Leiter der Außenstelle des Opferhilfevereins Weißer Ring im Schwarzwald-Baar-Kreis.

Während sich im Gespräch mit unserer Redaktion fast alles um das Thema Häusliche Gewalt und mögliche Präventionsmaßnahmen dreht, erhält Link eine Nachricht vom Landespräventionsbeauftragten des Weißen Rings Baden-Württemberg, Günther Bubenitschek, der mitteilt, dass der Landtag das Gesetz zum besseren Schutz vor Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und Gefahren aufgrund häuslicher Gewalt beschlossen habe.

Mit diesem Schritt werde eine elektronische Aufenthaltsüberwachung auch zur Abwehr häuslicher Gewalt möglich.

Elektronische Fußfessel

Jochen Link lässt das Smartphone sinken: „Wir sind wieder einen Schritt weiter.“ Einen Schritt weiter, um vor allem Frauen vor Attacken ihrer Ex-Partner zu schützen. Denn künftig wird die elektronische Fußfessel Teil des baden-württembergischen Polizeigesetzes werden.

Über diese Fessel für Gewalttäter werden mutmaßliche Täter nicht nur überwacht, sie zeigt der Polizei auch an, wo sich die gefährdete Person aufhält, zum Beispiel über eine App auf ihrem Smartphone, soweit die gefährdete Person dies wünscht.

Wird der erforderliche Abstand nicht eingehalten, werden Person und Polizei informiert. Studien zeigen, dass Betroffene sich dadurch sich angstfreier bewegen.

Großes Dunkelfeld

Ansonsten ein Zahlenmensch, tut sich Jochen Link mit konkreten Opferzahlen mit Blick auf das große Dunkelfeld bei häuslicher Gewalt schwer. Er erläutert die große Differenz zwischen den tatsächlich begangenen Straftaten und den polizeilich erfassten Fällen.

Fälle häuslicher Gewalt, bei denen Link auf die Unterscheidung zwischen Partnerschaftsgewalt und Innerfamiliärer Gewalt verweist, werden oft nicht angezeigt und damit der Polizei gar nicht bekannt. Interfamiliäre Gewalt betrifft insbesondere Kinder.

Blick auf Zahlen

Wenn Link sich in polizeiliche Statistiken vertieft, zeigt sich, dass deutlich mehr Frauen Opfer von häuslicher Gewalt werden als Männer: 70 Prozent zu 30 Prozent ist das aktuelle Verhältnis. Auffällig beim Blick auf die Zahlen: Wenn es um Partnerschaftsgewalt geht, gab es 2024 bundesweit 132 weibliche und 24 männliche Todesopfer. Mit Blick auf innerfamiliäre Gewalt kehrt sich das Verhältnis um: 59 weibliche Todesopfer und 71 männliche Opfer waren zu beklagen. „Das sind insgesamt 286 getötete Opfer häuslicher Gewalt und damit exakt 286 zu viel“, so Link empört.

Hinter Türen

Wie es hinter verschlossenen Türen wirklich zugeht, das kann auch der erfahrene Anwalt und Opferschutzrechtler oft nur erahnen. Zum einen gehen nicht alle Betroffene zur Polizei. Männer, die attackiert werden, scheuen den Gang zur Behörde: „Nicht wenige haben Angst davor, nicht ernst genommen oder ausgelacht zu werden“, zeigt Jochen Link auf. Zudem sei eben das Dunkelfeld groß.

Der Weiße Ring schätzt, dass nur etwa jede fünfte Tat angezeigt wird und damit 80 Prozent der Fälle nicht zur Strafanzeige gelangen.

Wenig Anzeigen

Warum so wenig Anzeigen, warum ein solch großes Dunkelfeld? Aus Gesprächen wissen Link und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass sich Menschen mit Anzeigen gegen Ehemänner oder Ex-Partner sehr schwer tun. Das kann aufgrund eines Abhängigkeitsverhältnisses so sein oder weil existenzielle Ängste dominieren. Wenn es zur Anzeige kommt, dann spielt das Gewaltschutzgesetz eine große Rolle und auch die nun beschlossene, elektronische Fußfessel.

Verschärfte Maßnahmen bei Fällen häuslicher Gewalt sind das eine, genaue Dokumentationen und damit Beweise über erfahrene Gewalt das andere. Dabei, so Link, seien etwa auf dem Handy versteckte Apps hilfreich, um eine Art Tagebuch zu führen.

Seine Gedanken zum neuen Jahr? Genauso wichtig wie strengere Gesetze und sicherlich hilfreiche Apps sei auch anderes: „Wir sollten besser aufeinander aufpassen...“ Was Jochen Link damit meint: Genau hinschauen, und nicht nur, wenn blaue Flecken ein Wegschauen unmöglich machen.“ Ein wichtiges Indiz für erfahrene Gewalt: Wenn Freunde und Familie gemieden werden, Ausreden erfunden werden, um Treffen zu vermeiden.

Info-Telefone

Wer auch immer Gewalt erfährt, kann sich an den Opferschutzverband Weißer Ring wenden, Telefon: 07721/50 72 13. Zudem gibt es ein Hilfetelefon für Frauen: 11 60 16 und ein Hilfetelefon für Männer: 08 00/1 23 99 00