Diskutierten über die Herausforderungen der Seelbacher Wirtschaft (von links): Marius Hacker, Vorsitzender Unternehmer-Netzwerk Seelbach, Landrat Thorsten Erny, Bürgermeister Michael Moser und Gastgeber Markus Juchheim (Geschäftsführer Julabo). Foto: Köhler

Seinen Antrittsbesuch absolvierte der Landrat am Donnerstag in Seelbach. Dabei stand vor allem die Wirtschaft im Fokus. Thorsten Erny hörte bei einer Podiumsdiskussion bei der Firma Julabo die Sorgen der Firmenchefs, versprach jedoch vor allem mit Blick aufs Geld „nichts, was ich nicht halten kann“.

Es war ein vollgepackter Donnerstag für Landrat Thorsten Erny. Nach Ottenhöfen und Haslach war Seelbach die dritte Gemeinde, bei der er zum ausführlichen Antrittsbesuch vorbeischaute. „Es ist uns eine Ehre“, sagte Bürgermeister Michael Moser. Für Erny stand zunächst eine Gesprächsrunde mit dem Rathauschef und den Fraktionssprechern an, anschließend erhielt er eine Führung durch die Räume von Seelbachs größtem Arbeitgeber Julabo. Bevor es weiterging zum Campingplatz (wir werden noch berichten), nahm Erny an einer Podiumsdiskussion des Unternehmer-Netzwerks Seelbach teil.

 

Wie trat der Landrat auf?

Als Realist und erstaunlich nahbar. Erny ging nicht nur bei der Diskussion in direkten Austausch, sondern nahm sich anschließend auch Zeit, den ein oder anderen Sachverhalt im Vier-Augen-Gespräch zu klären. Obgleich die Runde vergleichsweise klein und vertraulich war, präsentierte sich Erny fachlich überaus neutral und zeigte auch mal klare Kante, vor allem wenn es ums Geld ging. Mit dem Austausch wolle er „aus erster Hand erfahren, was geht und was nicht geht“ sowie für seine Verwaltung einige „Hausaufgaben mitnehmen“, sagte der Landrat eingangs. Teil der Diskussion, moderiert von Marius Hacker, dem Vorsitzenden des Unternehmer-Netzwerks Seelbach, waren einige knackige Fragen.

Wie wird die Infrastruktur im Kreis ausgebaut?

Hacker erklärte, dass die Unternehmer auf gute Verkehrswege angewiesen seien. Das betreffe sowohl die Arbeitnehmer als auch die Logistik. Erny ging darauf ein, dass man für schnelle Wege weiter am Plan festhalte, die neue Kreisstraße Ringsheim-Lahr bis 2028 fertigzustellen. Vor allem aber müsse sie vor Beginn des Ausbaus der Rheintalbahn fertig sein. Erny stellte während der sechsjährigen Bauphase in Aussicht, dass es Ersatzbahnhöfe an den neuen Gleisen an der A 5 geben werde. Einer in Lahr, einer zwischen Ringsheim und Herbolzheim. Den Breitbandausbau, der ebenso zur Infrastruktur zähle, wie Erny erklärte, will man mit der Breitband Ortenau in den Seelbacher Außenbezirken 2027 abgeschlossen haben.

Wie geht die Entbürokratisierung voran?

Einige Unternehmen, leitete Hacker die nächste Frage ein, würden munkeln, dass die Kreisverwaltung bürokratische Vorschriften besonders streng auslege. Wie beurteilt also der Landrat die Abläufe in der – für Seelbach zuständigen – Baurechtsbehörde des Kreises? Erny wies die Vorwürfe entschieden von sich. Aus Seelbach erhalte man viel Lob für die Abwicklung. „25 von 27 Anträgen haben wir im vergangenen Jahr innerhalb der Frist genehmigt. Das ist Rekord.“ Die Maßgabe im Landratsamt sei, dass immer auch im Sinne der Ortenau gehandelt werde. Die bürokratischen Hürden „müssen wir an anderer Stelle angehen“. Dafür versprach Erny, sich einzusetzen.

Welche Lösungen gibt es in der Tempo-30-Debatte?

Für die Klagen der Unternehmer, dass es ihnen aufgrund von Tempo 30 auf der B 415 immer schwerer fällt, Kunden und Beschäftigte aus Lahr anzuziehen, hatte Erny keine Lösung parat. Er beteuerte, nicht in interkommunale Diskussionen eingreifen zu wollen. Bürgermeister Moser erklärte, in gutem Austausch mit der Stadt Lahr zu stehen und deren Zwänge zu kennen. Die Befürchtungen, die Stadt Lahr hätte das Ergebnis des Gutachtens beeinflusst, wiesen beide entschieden von sich.

Rund 30 Gäste aus Wirtschaft und Kommunalpolitik verfolgten die Podiumsdiskussion. Foto: Köhler

Wann gibt es eine Buslinie über den Schönberg nach Biberach?

Auf absehbare Zeit gar nicht, war den Ausführungen des Landrats deutlich zu entnehmen. Er betonte, dass eine solche Linie nach Biberach sinnvoll sei – genau wie ein Anschluss den Schuttertals an das Elztal – doch aktuell „müssen wir hoffen, dass wir den vorhandenen Bestand halten“. Auch ein durchgehender Ein-Stunden-Takt sei wünschenswert, würde aber mit mindestens zwölf Millionen Euro zu Buche schlagen. „Das können wir uns nicht erlauben.“ Der Landrat erinnerte auch daran, dass „um jedes Zehntelprozent bei der Kreisumlage gefeilscht wurde“. Stephan Heuberger hakte nach: „Wie will der Kreis mehr Kohle beschaffen?“ Das Konnexitätsprinzip (Wer bestellt, der bezahlt) müsse bei Land und Bund „endlich verstanden“ werden, entgegnete Erny. Bis dahin arbeite er realistisch: „Ich verspreche keine Dinge, die ich nicht halten kann.“ Bürgermeister Moser sprach ebenfalls davon, ehrlich zu kommunizieren, was man umsetzen könne. Er bedankte sich abschließend bei Erny und dem Unternehmer-Netzwerk für die Diskussion. Gastgeber Markus Juchheim schloss sich dem an und fasste die Runde als „Reality-Check“ zusammen.

Das Unternehmer-Netzwerk Seelbach

Aus der Seelbacher Werbegemeinschaft heraus hat sich das Unternehmer-Netzwerk Seelbach (UNS) entwickelt. Das Ziel, so Vorsitzender Marius Hacker, sei, den Wirtschaftsstandort Seelbach attraktiv zu gestalten. Die Unternehmen arbeiten deshalb zusammen, um festzustellen, wo der Schuh drückt, und gegebenenfalls gemeinsam Lösungen zu finden. Erfolgreiche Beispiele, so Hacker, seien das gemeinsame Praktikumsportal und der Ausbildungstag im Herbst. Zwei Formate, bei denen die „Rädchen ineinander greifen“. Auch zukünftigen Aufgabe, wie dem Einsatz von KI, wolle man sich gemeinsam stellen. Landrat Thorsten Erny zeigte sich bei seinem Besuch vom UNS beeindruckt. Er lobte ausdrücklich, dass sich die Unternehmen, darunter auch die gastgebende und von Erny als „Hidden Champion“ geadelte Firma Julabo, auf diese Art zusammengeschlossen haben.