Als „Artist in Residence“ kuratiert Antoine Tamestit beim SWR Symphonieorchester mehrere Konzerte. Dabei setzt der Bratschist besondere Akzente, etwa mit ungarischer Musik.
Bei der Probe im Freiburger Konzerthaus sitzt Antoine Tamestit auf einem kleinen Podest links vorne und hat das in Kammerorchesterbesetzung aufgefächerte SWR Symphonieorchester im Blick. Violinen sind bei Johannes Brahms‘ 2. Serenade in A-Dur, op. 16, keine besetzt.
War das der Grund für die Programmierung? Tamestit lacht und erzählt einen Bratschenwitz, bei dem Geiger nicht gut wegkommen. Nein, das spiele keine Rolle, sagt er – aber besonders sei diese Instrumentation schon. Besonderes ist bei den „Linie2“-Konzerten des SWR Symphonieorchesters, die er in dieser Saison als „Artist in Residence“ kuratiert, ausdrücklich erwünscht. Auch die Locations wie das Freiburger E-Werk oder das Stuttgarter Wizemann und die damit verbundene größere Nähe zum Publikum gefallen dem Franzosen. Angefangen hat die vierteilige Reihe mit einem Programm, das jüdische Musik in Facetten zeigte. „Ich bin selbst Jude. Religiös bin ich zwar nicht, aber ich habe ein tiefes Verständnis für jüdische Musik, weil ich sie als Kind oft gehört habe“, sagt der 46-jährige Bratschist.
Beim Dirigieren ist sein ganzer Körper involviert
Bereits in der Saison 2019/2020 war Antoine Tamestit „Artist in Residence“ beim SWR Symphonieorchester. Die Vertrautheit mit den Musikerinnen und Musiker spürt man in der konzentrierten Probe. „Wir müssen der Linie folgen. So gesungen wie möglich“, sagt er zu einer Passage im ersten Satz und möchte, dass die Celli die Klarinettenmelodie ganz organisch weitertragen.
Er spricht ruhig und präzise, meistens auf Deutsch, manchmal wechselt er ins Englische. Die melodischen Anschlüsse sind ihm wichtig und die dynamische Balance. Und er möchte, dass alle sich gegenseitig zuhören und miteinander vernetzen. Deshalb pickt er immer wieder einzelne Stimmen heraus, um motivische Zusammenhänge zu zeigen. Dabei sitzt er ganz aufrecht auf der Stuhlkante und dirigiert, wenn er nicht selbst spielt, mit dem Bratschenbogen. Sein ganzer Körper ist involviert – seine Füße bewegen sich zum Rhythmus. Nach der Probe klärt er mit einzelnen Details. Eine Bratschistin sagt ihm auf dem Weg zum Künstlerzimmer, wie sehr sie das kammermusikalische Musizieren mit ihm genieße.
„All’ Ongarese“ heißt der Titel des kommenden Konzertes. „Ich interessiere mich schon lange leidenschaftlich für ungarische Musik. Das begann mit dem Bratschenkonzert von Béla Bartók und den ‚Ungarischen Tänzen‘ von Johannes Brahms. Auch manche seiner Volkslieder und beispielsweise die Streichquintette sind von ungarischer Musik inspiriert – vom Rhythmus, dem Rubato, der Harmonik“, sagt Tamestit. Auch in der im Konzert gespielten 2. Serenade entdeckt Tamestit Spuren davon. Und betont den natürlichen Schwung und das Rubato, das diese Musik haben müsse. György Ligetis „Old Hungarian Ballroom Dances“, die ohne jede Verfremdung erklingen und Carl Maria von Webers „Andante e Rondo ungarese“, bei der er als virtuoser Solist zu hören ist, sind noch näher am Ungarischen. Tamestit mag es, zwischen den verschiedenen Rollen zu wechseln: mal Kammermusiker, mal Solist, mal „Play and Conduct“, also die musikalische Leitung vom Pult aus. Das Wort „Dirigent“ vermeidet er ganz bewusst.
„In dieser Bratsche finde ich meine Stimme“
Seine Vielseitigkeit hat er von seiner letzten Lehrerin, der aus dem mittelbadischen Lahr stammenden Berliner Professorin Tabea Zimmermann vermittelt bekommen. „Wegen ihrer vollen Klasse hatte ich zwar nur einmal im Monat Unterricht. Den musste ich aber vorbereiten wie ein Konzertexamen.“ Spieltechnisch konnte sie ihm kaum mehr etwas beibringen. Im Unterricht schauten sie sich vor allem intensiv die Partituren an. Es ging um die Analyse der Struktur und den eigenen Zugang. Schon nach wenigen Monaten nahm Zimmermann ihren Meisterschüler mit auf die Bühne und konzertierte mit ihm. „Da habe ich natürlich viel gelernt“, sagt Tamestit. Fehlte nur noch das richtige Instrument.
Nachdem er sich wie Tabea Zimmermann eine moderne Bratsche von Étienne Vatelot besorgte, passte dieser Klang nicht zu dem seiner neuen Triopartner Frank Peter Zimmermann und Christian Poltera, die Stradivari-Instrumente spielten. Seit 2008 spielt Tamestit die „Gustav Mahler“-Viola von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1672, die ihm von einer Schweizer Stiftung zur Verfügung gestellt wird. Dabei war der Anfang mit ihr nicht leicht. Das lange nicht gespielte Instrument reagierte auf Reisen sensibel. Manche Töne sprachen gut an, manche nicht. „Es ist wie in einer Beziehung. Man muss Kompromisse machen und aufeinander eingehen.“ Die Beziehungsarbeit zahlte sich aus. „Die Bratsche wird jedes Jahr besser!“ Tamestit holt das makellose Instrument aus dem Geigenkasten und zeigt den nur schwach gewölbten Boden aus Pappel. Für ihn verbindet diese Stradivari-Viola die Leichtigkeit der Violine mit dem dunklen Klang des Violoncellos in idealer Weise: „In dieser Bratsche finde ich meine Stimme.“
Antoine Tamestit im Wizemann
Termine
„All’Ongarese“, 13. Februar, 20 Uhr. Das SWR Symphonieorchester spielt György Ligetis „Old Hungarian Ballroom Dances“, Carl Maria von Webers „Andante e Rondo ungarese für Viola und Orchester“ (Solist: Antoine Tamestit). „Feldman“, 8. Mai, 20 Uhr. WDR Rundfunkchor (Dirigent: Philipp Ahmann), Mitglieder des SWR Symphonieorchesters. Morton Feldmann: „The Viola in My Life“ I-III, „Rothko Chapel” für Sopran, Alt, Chor und Instrumente, John Cage: „Dream” (Fassung für Viola solo/Antoine Tamestit und vier Violen). „Bach und Nachwelt“, 19. Juni, 20 Uhr.