Im Mittelalter traf man sich beim Bader – zum Waschen und Tratschen. Im Schwarzwald lebt die Tradition neu auf. Unser Reporter ist eingetaucht.
An einem gewöhnlichen Donnerstag im Frühsommer stehe ich halb nackt in einer alten Schwarzwaldstube und betrachte misstrauisch mein Abbild im Wandspiegel neben der Kuckucksuhr. Die Badehaube auf dem Kopf. Den rot-weiß gestreiften und viel zu engen Badeanzug, in den ich mich gerade gezwängt habe. Meine Füße, die auf dem kühlen Dielenboden stehen. Ich komme mir vor wie das Sams, das sich für Fasching verkleidet hat. So soll ich gleich vor die Tür treten, um baden zu gehen? Auf was zum Teufel habe ich mich da bloß eingelassen?
Zwei Stunden zuvor habe ich mein Auto auf einer schmalen Straße aus Oppenau-Ibach, einem Dorf zwischen Offenburg und Freudenstadt, gelenkt. Vorbei an Kuhweiden, urigen Bauernhöfen und bemoosten Felsen führte der Weg immer tiefer in den Schwarzwald hinein, bis er auf 700 Meter Höhe in einem Weiler endete, der wie eine Festung auf einer Lichtung thront. Ich sah ein paar Hütten und ein Bauernhaus, vor dem Eingang einen Zaun und das Ortsschild: „Bergdorf Hinter-Ibach – Baden auf der Alm“.
Eine alte, beinahe vergessene Tradition
Hier oben wird eine alte, beinahe vergessene Tradition wiederbelebt: das Baderhandwerk. Früher, im Mittelalter, gab es in fast jedem Dorf eine Badestube, in der man sich zum Waschen und Haareschneiden traf, aber auch zum Tratschen und Flirten. In hölzernen Zubern saß man zusammen, vergaß den mühsamen Alltag und ließ es sich gut gehen. Wellness im Stil des Mittelalters – das will ich unbedingt ausprobieren.
Zwei Männer sind dabei, ein aufgesägtes Holzfass mit Erde zu füllen und Narzissen hinein zu pflanzen. Einer der beiden kommt auf mich zu. Er trägt Cordhose, Leinenhemd, Weste und Strohzylinder, eine Kluft wie vor 100 Jahren. Mariano Bosch ist sein Name, er ist 31 Jahre alt und hat hier seit einem Jahr das Sagen. Er übernahm das Bergdorf von seinem Vater Reinhard, der es in den vergangenen zwei Jahrzehnten Hütte für Hütte aufgebaut hatte. „Na, dann komm mal rein“, sagt er. „Aber Vorsicht: Hier oben ticken die Uhren etwas langsamer.“
Bosch öffnet eine schwere Holztür und führt zur Begrüßung durch das Minidorf. Durch die Markthalle, in der die Gäste abends bei einem Bier oder Wein zusammensitzen, vorbei an ein paar kleinen Chalets für je zwei Personen, dem alten Bauernhaus mit Platz für bis zu 16 Gäste. Zur Terrasse mit einem langen Tisch, zu einem Holzschuppen, in dem sich eine Außenküche befindet, zu einem Brunnen und einer alten Backstube. Und schließlich zum Herzstück: dem Marktplatz. „Wahrscheinlich der kleinste in Deutschland“, sagt Bosch. Von hier aus überblickt man das ganze Dorf.
Das Wichtigste aber sind die acht Zuber aus Eichenholz. In einem davon werde ich gleich baden gehen. Am Hang oben dampft schon ein großer Kessel. Ein Angestellter hat darin seit dem Morgen eiskaltes Bergquellwasser erhitzt, damit Bosch es gleich in die Holzzuber pumpen kann.
Aber zuerst darf ich mir ein Zimmer aussuchen und mich in Ruhe umziehen. Die Räume im Bauernhaus heißen Wildererstub, Knechtskammer, Saustall. An den Wänden hängen Emailleschilder, Uhren, Hüte und Schwarz-Weiß-Fotos, im Flur steht ein uriger Streichholzautomat. Ein Streifzug durch die fast 400-jährige Geschichte des Hauses.
Im Zimmer hängt eine Kuckucksuhr über dem Bett, auf der Bettdecke liegen Badesachen bereit: der rot-weiß gestreifte Badeanzug und die weiße Badekappe. Muss ich das wirklich anziehen? Ich will kein Spielverderber sein und steige etwas widerwillig hinein.
Draußen in der Frühlingssonne lehnt Bosch bereits an einem der Holzfässer und lässt grinsend das heiße Wasser durch den Schlauch einlaufen. Dann nimmt er eine Kelle und schöpft Flüssigkeit aus einem Steinkrug in das Fass, das Wasser färbt sich giftgrün. Der Duft lässt schnell erahnen, was es ist: Fichtennadelessenz. Aus der Backstube kommen zwei andere Gäste, ebenfalls in Badeanzügen. Auch sie tapsen erst unsicher über die Terrasse, aber als wir uns sehen, müssen wir lachen. Das Outfit hat einen Vorteil: Es bricht jedes Eis.
„Papa sieht aus wie ein Mann, der eine Frau sein will“
Sebastian und Christine kommen aus Darmstadt, zu Hause warten drei Kinder auf ihre Rückkehr aus dem dreitägigen Urlaub. Das Bergdorf haben sie in einer Fernsehdoku über den Schwarzwald kennengelernt, Christine hat ihrem Mann den Aufenthalt zum 50. Geburtstag geschenkt. „Das bleibt doch lange in Erinnerung“, sagt sie und schickt ein Foto ihres Mannes in den Familienchat. Die Tochter antwortet: „Papa sieht aus wie ein Mann, der eine Frau sein will.“
In den beiden Fässern knistern weiße Schaumberge. Ich sinke hinein wie früher in die Badewanne, als ich noch ein Kind war. Bosch schaltet Musik auf einer Bluetooth-Box ein und schenkt Riesling in Gläser, die er auf die Holzbretter über den Fässern stellt. Ein paar Minuten später schöpft er ein Häufchen Salz daneben. Basensalz, erklärt er, das öffne die Poren. Wir streichen unsere Gesichter, Schultern und Arme damit ein, es prickelt angenehm auf der Haut.
Nebenher erzählt Bosch, was das hier eigentlich alles soll. Sein Vater Reinhard habe bei einem Besuch in einem japanischen Kloster eine Badestätte kennengelernt und zurück zu Hause in den Geschichtsbüchern entdeckt, dass es diese Tradition auch in Deutschland gab. Er ließ sich zum Physiotherapeuten ausbilden und begann daraufhin, die Zeremonie in den Wellnessbereichen verschiedener Hotels im Schwarzwald wieder aufleben zu lassen.
Auf einer Motorradfahrt stieß Reinhard Bosch dann zufällig auf das alte Bauernhaus, das gerade zum Verkauf stand. Er renovierte es, und als sich eines späten Abends ein paar Wanderer hierher verirrten und nach einer Herberge fragten, ließ er ihnen heißes Wasser in Kübel laufen und kam dabei auf den Werbeslogan: Baden auf der Alm. Von da an nannte er sich Fritz Bader und baute sich sein eigenes Dorf auf.
Bosch junior war damals noch ein Teenager, der die Liebe des Vaters zu einem baufälligen Bauernhaus und die Sache mit den Badezubern anfangs nicht ganz verstehen konnte. Er machte eine Ausbildung zum Koch, reiste nach Japan, Australien und Italien. Doch als er sah, wie gut die Idee des Vaters angenommen wurde, stieg er als „Black Forest Chef“ ein und zauberte fortan Grillgerichte in der Außenküche. Vor einem Jahr übernahm er den Betrieb.
„Wir nehmen die Leute mit in eine andere Welt“
Die Idee: „Wir nehmen die Leute mit in eine andere Welt.“ Es gibt hier oben kaum Handyempfang, keine Ablenkung. „Unsere Gäste sollen miteinander ins Gespräch kommen.“ Das funktioniert. Nach einer halben Stunde im Badezuber unterhalten Sebastian, Christine und ich uns über unsere Zukunftspläne und unsere schönsten Reiseziele. In einem Hotel hätten wir uns vielleicht nur in der Lobby kurz zugenickt und wären dann in unseren Zimmern verschwunden.
Doch auch der Wellnessfaktor kommt nicht zu kurz. Von Minute zu Minute werde ich träger. Am Himmel zwitschern die Vögel, im Wald wogen die Fichten, und aus der Musikbox trällert Phil Collins. Warum badet man eigentlich nur noch so selten?
Schließlich gibt Mariano Bosch noch eine Handvoll Steinkreide auf das Brett. Mit Wasser verrührt, soll sie die Giftstoffe aus der Haut ziehen. Als die Kreide in der Sonne trocknet, spannt mein Gesicht wie unter einer Gipsmaske.
Nach einer guten Stunde steigen wir aus den Eichenzubern und schälen uns aus den nassen Badeanzügen. Nebenan streift sich Bosch schwarze Gummihandschuhe über. Aus dem Bader wird der „Black Forest Chef“. Während wir uns umziehen, legt er Schaschlik-Spieße auf den Grill, Maispoularde, Knöpfle und Brokkoli. Wir setzen uns an die lange Tafel und essen alles auf.
Um acht legt sich Abendruhe über das Dorf. Der Mond schiebt sich aus dem Wald, das Quellwasser plätschert in eine Gießkanne. Bosch fährt heim zu seiner Frau und der einjährigen Tochter und überlässt uns, wie wir den Abend gestalten. Oft kommen Freundesgruppen oder Kegelklubs und machen die Nacht durch. Doch wir gehen bald schlafen.
Am nächsten Morgen dampft oben am Berg bereits erneut der Wasserkessel. Eine Angestellte hackt ein paar Scheite Holz, um den Ofen in der Stube anzufeuern, und trägt dann für das Frühstück Kaffee, Brötchen, Rührei, Wurst und Käse hinein.
„Sie verlassen die stressfreie Zone“
Während Christine, Sebastian und ich in der Stube das Gespräch vom Abend zuvor weiterführen, herrscht draußen reges Treiben. Bosch fährt mit einer Schubkarre durch das Dorf, sein Kollege räumt Bierflaschen in die Kühlschränke, eine Frau hängt Wäsche auf. Am Mittag werden 30 Leute anreisen, an den Wochenenden ist das Dorf meistens komplett ausgebucht.
Ich packe meine Sachen, verabschiede mich, werfe einen letzten Blick auf das gemütliche Bergdorf und passiere dann das Ortsschild. Auf dieser Seite steht: „Sie verlassen die stressfreie Zone.“