Sephora Kids Wenn Zehnjährige auf Tiktok über Hautpflege sprechen

Janina Drewes
Teure Kosmetikprodukte werden schon bei Kindern hoch gehandelt, wenn sie von den Idolen beworben werden. Foto: KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Auf TikTok präsentieren Sephora Kids stolz ihre Hautpflege. Stuttgarter Expertinnen und Experten klären über Risiken und Hintergründe des Trends auf – und geben Tipps für Eltern.

„Das ist meine absolute Nummer eins, wenn ich ausgehe. Der Partyhit. Morgens vor der Schule brauche ich definitiv das hier. Psst, Leute, SOS gegen Augenringe“, erklärt ein zehnjähriges Mädchen ihren vier Millionen Followerinnen und Followern auf TikTok. Sie steht vor einem Hochbett mit pinken Vorhängen, auf der cremefarbenen Bettdecke galoppieren gescheckte Ponys. Im angrenzenden Regal stapeln sich Plastiktuben, Fläschchen und Tiegel.

 

Kosmetik: Chemie für Grundschulkinder

Anti-Aging Cremes, talglösende Reinigungsgele oder glitzernde Make-Up-Paletten: Was einst Mamas Schminktisch vorbehalten war, erobert mittlerweile immer mehr Kinderzimmer.

Teure Kosmetikprodukte werden dank Social Media und der Werbung von „Skinfluencern“ bereits im Grundschulalter zum neuen Statussymbol.

Sephora Kids: Hobby Hautpflege

Sephora Kids – benannt nach der französischen Trendmarke Sephora – ziehen in Gruppen durch Kosmetikgeschäfte, kaufen, was ihre Beautyidole auf TikTok, Instagram und YouTube anpreisen und zelebrieren online ihre eigenen mehrschrittigen Hautpflegerituale.

Gesundheitliche Risiken

Ein hochpreisiges Hobby, das sie nicht nur mit ihrem Taschengeld bezahlen – sondern häufig auch mit ihrer Gesundheit. Weltweit warnen Ärztinnen und Ärzte vor ernsthaften Schädigungen empfindlicher Kinderhaut durch Anti-Aging-Cremes.

Pädagoginnen und Pädagogen sorgen sich um das mentale Wohlbefinden der Sephora Kids. In einer 2024 erschienenen Studie von saferinternet.at wollten 60 Prozent der befragten Mädchen ihren Körper verändern. Laut der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen orientieren sie ihre Vorstellungen an bearbeiteten Bildern. Der Druck, unrealistischen Schönheitsnormen auf Social Media zu entsprechen, kann zu verzerrten Körperbildern führen – und sogar psychische Erkrankungen wie Magersucht oder Depressionen nähren.

Spiegel der Gesellschaft

Die Obsession mit makellosem Aussehen haben sich Sephora Kids jedoch nicht ausgedacht. Der Trend – unter anderem ein Verdienst der gigantischen Kosmetikindustrie – hält so manchen Erwachsenen einen Spiegel vor.

Covid und Schönheits-OPs

Der Hang zu exzessiver Hautpflege, unabhängig vom Alter, verbreitet sich in den USA bereits seit einigen Jahren und hat inzwischen auch Deutschland erreicht. Ein wesentlicher Faktor dabei: Die Covid-Pandemie. Schulkinder, Studierende, Angestellte – sie alle betrachteten in Online-Videokonferenzen stundenlang die eigenen Hautmakel. Forschende fanden 2021 heraus: Je mehr Zeit Menschen in Zoom-Calls verbringen, desto größer wird ihr Wunsch nach Gesichtskorrekturen und Schönheits-OPs. 

„Auch Erwachsene können sich nicht von Schönheitszwängen freimachen. Wie sollen junge Menschen ein gesundes Verhältnis zu ihrem Aussehen entwickeln, wenn ihnen die Vorbilder fehlen?“, gibt Andrea Zeisberg von der medienpädagogischen Beratungsstelle Stuttgart zu bedenken. Bei Fragen zu Medienerziehung und Jugendmedienschutz können sich Eltern an sie wenden.

Medienpädagogin: Eltern verkennen das Problem

„Leider erreichen wir nur die Eltern, die reflektiert genug sind, um uns aufzusuchen.“ Wer selbst sehr auf Äußerlichkeiten fixiert sei, sehe oft kein Problem darin, wenn die neunjährige Tochter mit Anti-Aging-Produkten experimentiert.

Selbst reflektierte Eltern wüssten allerdings häufig nicht, was ihre Kinder online genau treiben. Meistens würden sie anrufen, weil ihre Kinder exzessiv Zeit am Handy verbringen, schildert Zeisberg ihre Erfahrung. „Wichtiger als die Nutzungsdauer sind jedoch die Inhalte.“ Wenn Jungs ständig zocken, fänden Eltern das alarmierend– negative Einflüsse durch vertraut wirkende „Skinfluencer“ würden hingegen unterschätzt.

Hinschauen statt verbieten

Manipulative Werbetechniken sollten Eltern mit ihren Kindern thematisieren, rät Andrea Zeisberg: „Lassen Sie sich zum Einstieg am besten die Lieblingsinfluencer zeigen.“ Aber: Vorsicht vor zu harscher Kritik. „Sonst blockieren Kinder nur.“ Strikte Verbote lehnt die Medienpädagogin ab: „Das reizt nur, die Inhalte heimlich und damit schutzlos zu konsumieren.“

Kinderschminkerei: Was ist normal – ab wann wird es bedenklich? Foto: IMAGO/Zoonar

Genauso wenig hält Zeisberg davon, Schönheitshandeln zu verteufeln. Nachzuahmen, was Erwachsene tun, gehöre zur Selbstfindung: „Wimperntusche zu probieren, weil Mama sie trägt, ist in Ordnung.“ Es gehe um Balance – darum, auch andere Interessen zu fördern und Kindern zu vermitteln, dass es im Leben mehr gibt, als schön zu sein.

Hautärztin: Große Erwartungen und Enttäuschungen

Hauptsache schön sein – das wollen etliche der Patientinnen und Patienten, die Dr. Anja Schäfers in ihrer Hautarztpraxis in Reutlingen aufsuchen. „Der Stress, möglichst gut auszusehen, betrifft Jung und Alt“, beobachtet die Dermatologin. Sephora-Kids im Grundschulalter habe sie persönlich bisher jedoch selten erlebt. Ihr Eindruck: Unter Jüngeren sei der Trend hierzulande noch weniger geläufig als in den USA. Aber ab dem Teenageralter gehe es los: Die Jugendlichen kämen mit riesigen Erwartungshaltungen. „Später gehen sie enttäuscht, weil ihre Haut nie so perfekt aussieht wie auf Social Media.“

Vernarbungen davongetragen

Verzweiflung über pubertätsbedingte Hautunreinheiten treibe einige zu gefährlichen Experimenten. Eine aknegeplagte Teenagerin etwa habe sich ihre Hautprodukte anhand einer TikTok-Anleitung selbst zusammengemischt: „Durch heftige Kontaktallergien hat ihr Gesicht Vernarbungen davongetragen.“

Wer mit Beginn der Pubertät unter Akne leidet, könne durchaus mit individuell abgestimmten Produkten gegensteuern, wie Schäfers versichert. Generell gelte: Je jünger die Haut, desto schädlicher seien Salizylsäure, Retinol und Co: „Bei Kindern ist die Hautbarriere noch nicht fertig ausgebildet und daher durchlässiger.“

Alles, was zählt: Sonnenschutz

Ebenso sei die Pigmentierung bei Kindern noch nicht ausgereift – UV-Strahlung wirke bei ihnen besonders intensiv. Die einzig wirklich relevante Hautpflege vor der Pubertät? Ein hochwertiger Sonnenschutz. Auch mit zunehmendem Alter bleibe Sonnencreme das Hautpflegeprodukt Nummer eins, um Hautkrebs vorzubeugen. Zugleich diene sie als Anti-Aging-Mittel, unterstreicht Schäfers: „80 Prozent der Hautalterung erfolgt sonnenbedingt.“

Ärztliche Aufklärung auf TikTok

Derartige wissenschaftliche Fakten statt Kosmetikmythen finden sich mittlerweile auch auf TikTok. Mehrere Hautärztinnen und Hautärzte betreiben dort unterhaltsame Aufklärung. Eltern von Sephora-Kids könnten darüber versuchen, das Hobby ihres Nachwuchses in gesundere Bahnen zu lenken, schlägt Anja Schäfers vor.

Wenn Kinder unbedingt eine „Hautpflegeroutine“ starten möchten, legt die Ärztin Eltern den gemeinsamen Gang in eine Hautarztpraxis ans Herz: „Als Laie Inhaltsstoffe zu bewerten ist schwierig. Dermatologinnen und Dermatologen sind hier Ansprechpartner Nummer eins.“ Alternativ böten Apothekerinnen und Apotheker eine kompetente Beratung. Auch Kosmetikerinnen und Kosmetiker hätten oft eine fundierte Ausbildung.

Kosmetikerin: Drastische Kontaktallergie

Eine davon: Petra Schoch, seit 30 Jahren Inhaberin des Cosmeticums Stuttgart. „Wir werden auf Wirkungen geschult. Aber nicht auf Inhaltsstoffe“, sagt die Kosmetikerin. „Vielleicht ist das gewollt. Wüssen wir es zu genau, könnten wir die Produkte nicht mehr guten Gewissens verkaufen.“ Ihr eigenes Gewissen beißt, da sie selbst durch den täglichen Umgang mit Kosmetika eine drastische Kontaktallergie entwickelt hat: „Meine Hände waren offen und blutig.“ Ihr Hautarzt habe darauf bestanden, dass sie ihren Beruf wechselt.

Doch anstelle ihres Berufs wechselt Schoch die Produkte, mit denen sie arbeitet. Sie setzt nur noch auf eine einzige, streng antiallergische Kosmetiklinie – und ist seither weitestgehend beschwerdefrei. Das habe ihr die Augen geöffnet: „Problematische Substanzen werden reihenweise verwendet, selbst in Naturkosmetika und sogar in Ökotestsiegern.“

Parabene und Pubertät

Als Beispiel nennt Schoch Konservierungsstoffe wie Parabene. Sie stehen im Verdacht, hormonaktiv zu wirken. Eine 2018 erschienene Studie bringt sie mit einem immer früheren Eintritt in die Pubertät in Verbindung: „Bereits kleinen Mädchen wachsen durch Parabene Brüste.“

Der Ruf von Parabenen sei mittlerweile angeschlagen. Hersteller würden jetzt groß parabenfrei auf ihre Produkte schreiben – „aber sie greifen zu anderen, ebenso schädlichen Konservierungsstoffen“, bemängelt Schoch. Für Konsumentinnen und Konsumenten seien diese anhand der Verpackungsangaben kaum identifizierbar: „Jeder Kosmetikkonzern bezahlt genügend Chemieprofis, die wissen, wie sie Substanzen unauffälig angeben.“

Gütesiegel? Fehlanzeige

Petra Schoch klingt resigniert. Ein wirklich vertrauensvolles, unabhängiges Gütesiegel?„Das wäre mir nicht bekannt.“ Unter kosmetikanalyse.org könne man immerhin Bewertungen von Kosmetikprodukten einsehen – allerdings gegen Gebühren.

Kosmetik: Was wirklich zählt

Kostenfrei zugängliche Rezensionen, transparente Kennzeichnungen, mehr staatliche Kontrollen oder Altersregulierungen beim Douglas-Einkauf: Wege hin zu weniger toxischer Kosmetik in Kinder- oder Erwachsenhänden gäbe es reichlich. Versperrt werden sie allerdings bislang von den fragwürdigen Auswüchsen einer milliardenschweren Branche. Die Macht der Schönheitsindustrie scheint darauf zu gründen, bereits den Jüngsten einzubläuen, was in unserer Gesellschaft wirklich zählt: Das Aussehen – nicht die inneren (Schadstoff-)Werte.