Anthony Baffoe war ein Pionier im Kampf gegen Rassismus. Er fordert mehr Aufklärung an Schulen und eine Interessengemeinschaft von Fußballern gegen Diskriminierung. Der ehemalige Profi aus Ghana spricht aber auch über die EM und seine Zeit bei den Stuttgarter Kickers.
Stuttgart - Anthony Baffoe war der erste Afrikaner in einem DFB-Pokal-Finale – 1987 mit den Stuttgarter Kickers gegen den Hamburger SV. Im Interview spricht der gebürtige Bonner über die EM, seine Erfahrungen mit dem Thema Rassismus und wo der Fußball als Integrationsträger Nummer eins ansetzen sollte.
Herr Baffoe, wo erreichen wir Sie?
Ich bin noch in Kairo, wo ich bis zum 30. Juni vier Jahren lang als stellvertretender Generalsekretär des afrikanischen Fußballverbandes gearbeitet habe. Jetzt geht es zurück zu meiner Familie nach Ghana, wo ich dann im Sports Business Consulting tätig sein werde und mich auch um die von mir gegründete Spielergewerkschaft verstärkt kümmern werde.
Wie blickt man in Afrika auf die EM?
Sehr, sehr interessiert. Ehemalige Bundesligaspieler wie Sammy Kuffour oder Jay-Jay Okocha sind als Fernsehkommentatoren tätig. Zudem sind ja viele europäische Teams geradezu gespickt mit Spielern mit afrikanischen Wurzeln: Ich denke an Leroy Sane, Serge Gnabry, Antonio Rüdiger, Paul Pogba, N’Golo Kante, Kylian Mbabbe, Romelu Lukaku und so weiter und so fort. Die Liste ist sehr lang.
„WM-Titel nimmt Löw keiner“
Was sagen Sie zum Aus der deutschen Elf?
Ich verfolge alles sehr genau. Joachim Löw, Oliver Bierhoff und Andy Köpke sind ja aus meiner Generation. Zudem habe ich eine ganz emotionale Bindung zum historischen deutschen WM-Triumph 2014 – da war ich als General Coordinator des Weltverbandes im Maracana-Stadion live dabei.
Beim absoluten Höhepunkt der Ära Löw – auf dem er hätte zurücktreten sollen?
Den WM-Titel nimmt ihm auch so keiner. Aber ich finde es schon schade, dass die Ära Löw mit dem Aus gegen England endete. Er hat viel für den deutschen Fußball geleistet.
Warum konnte das Team die Dominanz von 2014 nicht aufrechterhalten?
Das ist alles nicht so einfach auf diesem Niveau. Frankreich war auch 2016 Vize-Europameister, 2018 Weltmeister – und flog jetzt raus. Aber ich bin mir sicher, Deutschland wird künftig wieder eine dominante Rolle einnehmen.
„Flick der richtige Mann“
Was macht Sie so sicher?
Es kommen gute Spieler nach, das zeigte auch der Erfolg der U 21. Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Kai Havertz, Jamal Musiala und Robin Gosens werden noch stärker, noch mehr dem Spiel ihren Stempel aufdrücken. Und aus Leroy Sane kann man noch viel mehr rausholen. Hansi Flick ist für diese Weiterentwicklung der richtige Mann. Er hat bewiesen, dass er erfolgreich arbeiten kann. Und wenn einer einen Weltclub wie den FC Bayern freiwillig verlässt, dann weiß er genau, welche Perspektive er bei seiner neuen Aufgabe hat.
Sie gelten ja als Pionier, das Thema Rassismus offensiv anzugehen. Wie haben Sie die Diskussionen während der EM erlebt?
Ich fand viele Aktionen wie etwa den Kniefall oder die Regenbogenbinde sehr positiv. Für mich sind das mehr als nur sehr starke symbolische Gesten. Es sollten sogar noch viel mehr solcher gesellschaftspolitischer Signale vom Sport ausgehen, noch viel stärker auf Missstände hingewiesen werden. Das hat auch nichts mit Effekthascherei oder einem PR-Gag zu tun, sondern einfach mit Respekt, mit Toleranz, denn es gibt nur eine Rasse – und das ist der Mensch.
Brachte die Uefa solche positiven Aktionen nicht in Schieflage durch manche Entscheidung?
Grundsätzlich ist es bei allen Verbänden, auch beim DFB, nicht mit Anti-Rassismus-Kampagnen allein getan, denn Taten sind nun mal besser als Worte. Und der Fußball sollte so strukturiert sein, dass er denjenigen hilft, die unter Rassismus leiden.
„Ich konnte mich wehren“
Wie sehr haben Sie darunter gelitten?
Auch ich wurde beleidigt. Beim Fußball, aber auch im Privatleben. Doch ich habe mir nie etwas gefallen lassen. Ich bin in Bonn-Bad Godesberg aufgewachsen und konnte mich gut artikulieren und wehren. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ich saß im Bus, und ein paar Mitfahrer dachten, der versteht eh kein Deutsch und lästerten über mich. Hat’s hier gebrannt, fragte einer und blickte auf mein Gesicht. Ich antwortete: Nein, es hat hier geschneit, weil mir weiß vor Augen wird.
Sie haben oft mit Ironie reagiert.
Und mit Witz. Wir Schwarzen müssen zusammenhalten, habe ich einmal zum Schiedsrichter gesagt. Oder als mich ein Gegenspieler als Bimbo bezeichnete, habe ich gesagt: Wenn du arbeitslos wirst, kannst du auf meiner Plantage arbeiten. Ich konnte mir mit meiner „Kölschen Schnauze“ mal selbst helfen, die meisten aber brauchen Unterstützung von außen.
Wie könnte die aussehen?
Schauen Sie, in der „ZDF“-Dokumentation „schwarze Adler“ kommen schwarze Nationalspieler im weißen DFB-Trikot zu Wort, die alle rassistisch beleidigt wurden. Sie erzählen ihre ganz persönliche Geschichte, ohne dass irgendetwas von außen kommentiert, relativiert oder geglättet wird. So etwas zu hören, verursacht zwar regelrecht Schmerzen, aber diese Authentizität hilft am meisten.
„Rassismus lauert unterschwellig“
Hat sich denn gar nichts geändert in den vergangenen 20, 30 Jahren?
Die Vielfalt in der Gesellschaft hat zugenommen, doch ich sehe keine Vielfalt in beruflichen Schlüsselpositionen, seien es Anwälte, Trainer oder Filmemacher. Und die Probleme im Alltag, bei der Job- und Wohnungssuche, sind doch die gleichen geblieben. Der Rassismus lauert unterschwellig, er schwelt in der Gesellschaft.
Wo müsste der Fußball als Integrationsträger Nummer eins konkret ansetzen?
Der Deutsche Fußball-Bund müsste sich konkret mit den Betroffenen an einen Tisch setzen und einfach mal zuhören, was die Hans Sarpeis, Otto Addos, Pablo Thiams, Gerald Asamoahs, Shary Reeves und die Boatengs zu sagen haben, was sie für Ideen haben. Mit solchen Aushängeschildern müsste eine Interessengemeinschaft in Deutschland gegründet werden. Fußball ist ein Sport, den jeder mag, und wenn dann noch bekannte Persönlichkeiten dahinterstehen, dann öffnet das Türen, und man erreicht viele Menschen. Aber noch etwas ist sehr wichtig.
Bitte.
Man müsste viel mehr aufklären, schon in den Grundschulen. Die Stichworte sind soziale Intelligenz, interkulturelles Denken. Solche Themen werden in den Schulen in Ghana behandelt, in Deutschland nicht. Du kannst in einer noch so multikulturellen Stadt leben, aber das bedeutet eben nicht, dass die Menschen multikulturell denken – von wenigen Ausnahmen abgesehen.
„Endspiel in Berlin war die Krönung“
An was denken Sie?
Spontan fällt mir eine Aktion ein, die schon 30 Jahre her ist. Da verteilten in der Saison 1990/91 Fans des FC St. Pauli in Hamburg Flugblätter gegen Diskriminierung.
Stichwort Hamburg: Mit den Stuttgarter Kickers haben Sie 1987 im DFB-Pokal-Finale gegen den HSV gestanden.
Ach, war das genial. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut. Ich war im November 1986 zu den Kickers gekommen und durfte diese unglaublichen Pokalerlebnisse auf der Waldau gegen Hannover 96, Eintracht Frankfurt und Fortuna Düsseldorf mitmachen. Das Endspiel in Berlin war die Krönung. Wir haben unglücklich verloren, aber ich war der erste Afrikaner im DFB-Pokal-Finale (lacht). Ich wünsche den Blauen von Herzen, dass sie bald wieder in den bezahlten Fußball kommen.“