Der ukrainische Präsident Wolodymyr Seelenskyj ist zum Symbol des Widerstands geworden. Foto: dpa/Uncredited

Dass der ukrainische Präsident ermordet werden soll, erscheint sehr plausibel. Warum Selenskyj so wichtig für den ukrainischen Widerstand geworden ist und wer ihn töten will.

Die Berichte häufen sich, dass Russlands Machthaber Wladimir Putin Mörder auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angesetzt hat. Beweise für diese Behauptung gibt es ebenso wenig wie für bereits vereitelte Attentate. Auf russischer Seite gibt es aber zumindest genug Spezialeinheiten, die einen Mordauftrag ausführen könnten.

 

Wer könnte einen Auftrag erhalten haben?

Drei russische Sondereinheiten kämpfen zurzeit entweder an der Seite der Invasionstruppen in der Ukraine oder folgen ihnen dichtauf. Zur kämpfenden Truppe gehören die Kampfgruppen der Spetsnaz, einer Spezialeinheit des militärischen russischen Nachrichtendienstes GRU. Mehrere Angehörige solcher Einheiten in ziviler Kleidung wurden seit Angriffsbeginn an mehren Orten von ukrainischen Sicherheitsbehörden festgenommen und teilweise erschossen, weil sie in Städten Sabotageanschläge verübten. Zudem markieren sie Ziele für russische Luft- und Drohnenangriffe und erkunden Straßen und Brücken. Auf VK, dem russischen Pendant zur Social-Media-Plattform Facebook, wurde erst am Dienstag ein Foto veröffentlicht, das eine Trauerfeier für elf am 8. März in Mariupol getötete Soldaten der 22. Spetsnaz-Brigade, unter ihnen Hauptmann Alexei Gluschak, zeigt. Auch der Kommandeur der Einheit, Oberst Alexey Krenik wurde offenbar am 11. März getötet. Dass Spetsnaz den Auftrag haben, einen Anschlag auf Selenskyj zu verüben, ist unwahrscheinlich.

Welche russischen Spezialeinheiten operieren noch in der Ukraine?

Den russischen Angriffsspitzen folgen Spezialeinheiten des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Ihre Aufgabe ist es, in den bislang wenigen von russischen Bodentruppen besetzten Gebieten für Ruhe zu sorgen. So kann mit Videos und Fotos ihr Einsatz gegen die Zivilbevölkerung der südukrainischen Städte Kherson und Mariupol nachgewiesen werden. Dass solche Einheiten Präsident Selenskyj ermorden sollen, ist ebenso plausibel und wahrscheinlich wie, dass dieser Auftrag den Sondereinheiten des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR erteilt wurde. Auch diese operieren verdeckt in der Ukraine.

Warum ist es plausibel, dass Putin Selenskyj aus dem Weg räumen will?

Selenskyj ist gerade in den vergangenen Wochen seit dem Beginn des aktuellen russischen Angriffs auf die Ukraine zu der Integrationsfigur der Ukrainerinnen und Ukrainer geworden. Seine Allgegenwart im Fernsehen des Landes, aber vor allem in den sozialen Medien, hat entscheidend dazu beigetragen, den Widerstandswillen der Menschen im Land zu stärken. Vor allem an dieser von den Angreifern unterschätzten Gegenwehr auch der Zivilbevölkerung nutzen sich im Moment die russischen Bodenstreitkräfte extrem ab. Zahlreiche Beispiele zeigen, wie Milizionäre und ukrainische Bodentruppen gemeinsam gegen die Invasoren vorgehen. So zeigt ein Video aus einem Wald südlich des Kiewer Vorortes Irpin, wie zunächst Bürgerwehrler mit aus Deutschland gelieferten Panzerfäusten drei russische Schützenpanzer zerstören, die Kompanie deshalb ihren Angriff stoppt und dann in einem Gegenstoß ukrainischer Infanterie zurückgeschlagen wird. Nach Recherchen unserer Zeitung wurden bislang mindestens 27 Anführer russischer Verbände bis zu Divisions- und Armeekommandeuren getötet. Dass Putin deshalb Selenskyj als Motivator, Anführer und Strategen des ukrainischen Volkes ausschalten will, ist angesichts solcher Videos nachvollziehbar und plausibel.

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Wie steht es um die Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland?

Selenskyj will über alle in Verhandlungen mit Russland erzielten Vereinbarungen landesweit per Volksabstimmung entscheiden lassen. Bei den Verhandlungen geht es unter anderem um einen neutralen Status der Ukraine und internationale Sicherheitsgarantien für das Land. „Um einen Ausweg zu finden, muss man einen ersten Schritt machen“, sagte Selenskyj. Er sei bei einem Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin aber auch bereit zu Gesprächen über die besetzten Gebiete, sagte er. Gemeint sind damit die Krim und die abtrünnigen, selbst ernannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk. Er erwarte zwar nicht, alle Fragen bei Gesprächen mit Putin zu lösen. „Aber es gibt eine Chance, einen Teil davon zu lösen, den Krieg zu beenden“, sagte Selenskyj.

Bekommen die Menschen in Mariupol mittlerweile Hilfe?

Der griechische Außenminister Nikos Dendias hat eine Mission für Lieferungen humanitärer Hilfsgüter in die umkämpfte Stadt Mariupol angekündigt. Er habe veranlasst, dass sowohl an die ukrainische als auch an die russische Seite entsprechende diplomatische Noten gesendet werden, teilte sein Ministerium mit. „Ich beabsichtige, diese Hilfe in Abstimmung mit dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes persönlich zu begleiten“, sagte er. Dendias sicherte außerdem zu, dass Athen sich in Koordination mit der EU am Wiederaufbau von Mariupol beteiligen werde, sobald dies möglich sei.

Wo wirken sich die Kampfhandlungen in der Ukraine besonders schwer aus?

Bei einem russischen Angriff in einer ostukrainischen Kleinstadt sind nach Angaben aus Kiew am Montagabend fünf Menschen getötet und 19 verletzt worden. „In der Region Donezk wurde Awdijiwka von Artillerie und Flugzeugen beschossen, die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht“, erklärte die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Ljudmyla Denisowa. In einem Eintrag bei Telegram beklagte sie zudem vier Tote Zivilisten in der Region Charkiw. In der Region Charkiw habe ein russischer Panzer das Feuer auf ein Auto eröffnet, das als ziviles Fahrzeug gekennzeichnet gewesen sei, schrieb Denisowa. Demnach wurden drei Erwachsene und ein Kind getötet.