Der Münchner Polizeivizepräsident Christian Huberberichtete über den Stand der Ermittlungen. Foto: dpa/Jason Tschepljakow

Wer ist der Mann, der in München mit einem Wagen in einen Demonstrationszug fuhr? Am Tag nach dem Anschlag werden falsche Behauptungen korrigiert.

Das stille Gedenken an die Opfer des Anschlags von München dauert sechs Minuten. Um 10.01 Uhr kommen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sowie Innenminister Joachim Herrmann (CSU) gemessenen Schrittes von der Marsstraße in der Münchner Maxvorstadt und biegen nach rechts in die Seidlstraße ein. Alle drei sind in schwarz gekleidet und tragen jeweils eine weiße Rose in der Hand.

 

Es ist ruhig an dieser Stelle, an der knapp 24 Stunden zuvor der 24-jährige Afghane Farhad N. mit seinem Mini Cooper von hinten in die Teilnehmer einer Demonstration der Gewerkschaft Verdi gerast war. 1500 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes waren gekommen, um für höhere Gehälter zu demonstrieren. 36 Menschen wurden durch den Anschlag verletzt, zwei davon „schwerst“, so die Polizei, darunter ein zwei Jahre altes Kleinkind. Am Donnerstagabend noch hatten sich Hunderte zum Gedenken am nahen Königsplatz versammelt.

Steinmeier und Söder legen ihre Blumen auf einen Kranz am Gehweg, verharren, Söder nimmt seinen Hut ab. Es folgen Herrmann und Reinhard Marx, Erzbischof der Diözese München-Freising. Niemand sagt etwas. Sie gehen wieder weg, wenig später rollen die gepanzerten Limousinen davon, eskortiert von viel Polizei. Diese Tat wird lange nachhallen in der bayerischen Metropole und in ganz Deutschland. Eine Verdi-Delegation aus einem Dutzend Menschen legt einen Blumenstrauß nieder, sie tragen Gewerkschaftsjacken mit der Aufschrift „Zusammen geht mehr“, und sie umarmen sich.

Wer war der Täter? Und vor allem: warum? Wenig später versuchen die Behörden im Polizeipräsidium neben der Frauenkirche Auskünfte zu geben. Gabriele Tilmann von der Zentralstelle Extremismus der Generalstaatsanwaltschaft spricht von einer „islamistischen Tatmotivation“. Verbindungen zu Terrororganisationen wie dem IS konnten bisher nicht festgestellt werden. Der Täter habe nach dem Attentat gebetet und gegenüber Polizisten „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen.

Die Auswertung seines Handys habe ergeben, dass er religiös ist, auch besuchte er eine Moschee. Der Polizei hat er gesagt, dass er bewusst in die Menge gerast sei. Ein Arbeitskollege meinte gegenüber der Polizei, so berichtet Landeskriminalamts-Vize Guido Limmer, dass Farhad N. zuletzt „etwas durch den Wind“ gewesen sei. In einem Chat hat er laut Polizei Angehörigen geschrieben: „Vielleicht bin ich morgen nicht mehr da.“

Einige Falschinformationen vom Vortag korrigierten die Behörden. Diese seien in der „Chaosphase“ entstanden, wie Münchens Vize-Polizeipräsident Christian Huber sagt. Es stimme nicht, dass Farhad N. keine Duldung gehabt habe und ausreisepflichtig gewesen sei, wie ursprünglich von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann verbreitet wurde. Vielmehr besaß er eine befristete Aufenthaltsgenehmigung und eine so genannte Fiktionsbescheinigung. Er war legal im Land.

Bei Sicherheitsdienst und als Ladendetektiv eingesetzt

Auch war er weder wegen Drogendelikten noch wegen Ladendiebstahls polizeibekannt. Der Täter war bei einem Sicherheitsdienst angestellt und wurde auch als Ladendetektiv eingesetzt. Bei Gerichtsverfahren war er als Zeuge von Diebstählen geladen und auch, wenn er Drogendelikte beobachtet hatte. Lediglich ein Verfahren wegen missbräuchlichem Bezug von Arbeitslosengeld sei gegen eine Geldbuße eingestellt worden.

Alles in allem zeigt sich bisher: Der Attentäter war offenbar deutlich besser integriert, als man es erwartet hatte. Schon 2016 war er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Die Vernehmungen finden auf Deutsch statt, woraus zu schließen ist, dass er gute Sprachkenntnisse besitzt. Seine Freizeit verbrachte er viel im Fitnessclub, im Internet posierte er als Bodybuilder und „Fitness-Modell“.