Fast auf den Tag genau 18 Jahre nach ihrem letzten Auftritt im März 2008 durfte Anne Haigs wieder einmal, auf Vermittlung ihres Bruders Thomas, im Horber Kloster auftreten.
Vergessen war ihr damaliger Auftritt, insbesondere ihr despektierlicher Umgang mit einzelnen Gästen nicht wirklich, doch man soll ja nicht kleinlich sein. Die Macher vom Projekt Zukunft, die sie nach diesem Auftritt nicht mehr engagierten, haben das Zepter abgegeben und die Verantwortlichen vom Stadtmarketing wagen einen Neuanfang mit dem Kulturprogramm im Kloster und luden die Künstlerin, die in Rottweil geboren ist, quasi zu einem Heimspiel ein.
Das Konzert war ausverkauft Ein kluger Schachzug, denn das Konzert war ausverkauft und mit im Publikum saßen einige der früheren PZler und feierten die Künstlerin, die sie damals zur Persona non grata erklärten. Horb freut sich eben, dass „ihr“ Kloster wieder bespielt wird und mit Anne Haigis kann man künstlerisch gesehen nicht viel falsch machen.
Star des Abends kommt samt Hund auf die Bühne Während Stadtmarketing Mitarbeiterin Katharina Loeding im stockdunklen Saal die Gäste begrüßte, kam der Star des Abends samt Hund auf die Bühne. Die mitgebrachte Bühnenbeleuchtung flammte auf und während der Künstlerin ihre Zuhörer mit ihrem ersten Song schon mal auf das Konzert einstimmte, holte sich ihre tierische Begleiterin eine ordentliche Portion Streicheleinheiten von den für sie erreichbaren Besuchern ab. Und auch das Frauchen kam in puncto Streicheleinheiten, in Form von begeistertem Applaus, der nach jedem Lied aufbrandete, nicht zu kurz.
Viel autobiografisches verarbeitet
Direkt zurück in die 1980er Jahre Nach zwei relativ neuen Liedern ging es mit dem Klassiker „Kind der Sterne“, ein Lied, in dem Haigis viel autobiografisches verarbeitete, und ihrem Song „Immer wieder du“ direkt zurück in die 1980er Jahre. Eine Zeit, in der die Künstlerin Anne Haigis recht präsent war und von der sie heute noch zehrt. Sie versäumte es deshalb auch nicht, immer wieder darauf hinzuweisen, dass sie damals in jeder Samstagsabendsendung zu Gast war und zu den begehrtesten Interpretinnen jener Zeit gehörte.
Die schwäbische Heimat hat sie nie verleugnet Das Publikum erfuhr bei diesem Konzert viel über das Leben der heute 70-Jährigen, die zwar seit Jahrzehnten im Rheinland wohnt, doch ihre schwäbische Heimat nie verleugnen konnte oder wollte. „Ich habe in dem Haus in Bonn, in dem ich derzeit wohne, sogar die Kehrwoche eingeführt“ erklärte sie lachend und gestand im gleichen Atemzug, dass sie diejenige wäre, die regelmäßig versucht, sich davor zu drücken“. Dass zu dieser Grundeinstellung die Schwabenhymne „Mir im Süden“ passt, ist unbestritten, ob sie jedoch wirklich ins Repertoire von Anne Haigis gehört, die mit ihrer rauchigen, kratzigen Stimme eher auf der Welle von Soul, Blues und Gospel daherkommt, steht auf einem anderen Blatt.
Große Gefühle in Worten und Tönen Ihre wirklichen Stärken kommen dann, wenn sie sich auf das konzentriert, was sie wirklich gut kann. Und zwar große Gefühle in Worten und Tönen zu transportieren.
Version von Australiens inoffizieller Nationalhymne
Die Ausdruckskraft ihrer Stimme „Papa“, adaptiert und geschrieben von Trude Herr zu einem Original von Phil Collins, ist so eine dieser wunderbaren Balladen, denen die Rottweilerin mit ihrem unumstritten genialen Timbre und der Ausdruckskraft ihrer Stimme einen eigenen Stempel aufdrückt. Großartig auch ihre Version von Australiens inoffizieller Nationalhymne „Waltzing Matilda“ oder die traurige Geschichte zweier Menschen, die am Alkohol zerbrachen. „And the Angels came and sang Whisky Lullaby“ heißt es im Text.
Das Publikum in ihre Welt mitgenommen Anne Haigis nahm ihre Zuhörer an diesem Abend mit in ihre Welt. Sie erzählte von Weggefährten, von Lieben, die zerbrachen, von ihrer Lust auf Freiheit und auf die Musik, von bedingungsloser Liebe und von allem, was ihr gerade so in den Sinn kam.
Ansagen länger als das Lied
Eine Triologie der Erinnerungen Den zweiten Teil ihres Konzerts begann sie mit einer Trilogie der Erinnerungen. „Geheime Zeichen“, „Freundin“ und „Um dich zu bewahren“ sind Songs, die zum Standardwerk von Anne Haigis gehören und bei keinem Konzert fehlen dürfen.
Das Publikum genießt den Abend An den Rat ihres Bruders, der für Horb als Moderator einige Bürgerprojekte begleitet hat, nicht zu viel zu quatschen, hielt sie sich nicht. Meist waren ihre Ansagen länger als das Lied danach. Dem Publikum war‘s egal. Sie genossen den Auftritt und erklatschten sich am Schluss des Gigs noch satte drei Zugaben. Anne Haigis dankte mit ihrem vorletzten Leid auch allen, die nicht, wie sie, im Rampenlicht stehen, ohne die jedoch so ein Konzert nie zustande käme. „Wer fragt nach mir“ ist all denen gewidmet, die im Dunkeln stehen. Sie selbst genoss jedoch ihr künstliches Kerzenlicht und die Gunst ihres Publikums, dass diesen Abend wirklich genoss.