Anna Manon Schimmel aus Neuried liebt ihren Beruf und hat bis heute nicht bereut, dass sie nicht Tierärztin sondern Pfarrerin geworden ist. Foto: Künstle

Serie (1): Pfarrerin Anna Schimmel erzählt über ihre Arbeit an der Spitze der evangelischen Kirchengemeinde

Ichenheim - Vier evangelische Kirchengemeinden, vier Pfarrerinnen. Die Lahrer Zeitung hat sich mit ihnen unterhalten und nachgefragt, wie es ihnen als Frauen an der Spitze ergeht. Pfarrerin Anna Schimmel muss manchmal ihre "dominante Seite zeigen".

Erst seit 50 Jahren gibt es in der badischen Landeskirche evangelische Pfarrerinnen (siehe Info). Im Ried sind es Anna Manon Schimmel aus Neuried, Marie Jakobi aus Ottenheim, Renate Malter aus Allmannsweier und Christine Egenlauf, die für Nonnenweier und Wittenweier zuständig ist. In der LZ berichten sie in einer Serie über ihre Arbeit und ihr Leben als Frauen an der Spitze der evangelischen Kirchengemeinden. "Es ist schon so, dass man sich als Frau mehr durchsetzen muss", sagt Anna Manon Schimmel über ihre Arbeit als Pfarrerin in der Evangelischen Emmausgemeinde Neuried, zu der Ichenheim, Dundenheim und Schutterzell gehören.

Sie freut sich, wenn Frauen sie als Vorbild sehen

Als Schimmel sich nach dem Abitur dafür entschied, Theologie zu studieren, war es für sie selbstverständlich, dass Frauen diesen Beruf ergreifen können. Während des Studiums von Schimmel hielten sich bei den Kommilitonen der Anteil der Frauen und Männer die Waage, bei den Dozenten waren dagegen die Frauen eher in der Minderheit. Im Vikariat und im Probedienst arbeitete sie jeweils mit einer Pfarrerin zusammen, Ende 2016 kam sie nach Ichenheim.

Seither hat Schimmel schon einiges erlebt. "Es gibt immer wieder Augenblicke, in denen ich das Gefühl habe, dass Männer mit mir auf eine Art und Weise reden, wie sie mit Männern nicht reden würden", stellt sie fest. Manche würden sie gar als "Maidli" oder sogar als "Schimmel-Maidli" bezeichnen. Sie wisse, dass es in diesem Fall liebevoll gemeint sei, aber es zeige auch, dass sie oft nicht ernst genommen werde. "Ich merke jetzt, dass ich meine dominante Seite etwas mehr rauslassen muss", sagt Schimmel. Die habe sie nur in ihrer Kindheit gebraucht, da sie die große Schwester von mehreren Geschwistern war.

Entspannung findet sie bei Spaziergängen in der Natur

"Eine Pfarrerin muss führen und die Kirchengemeinde leiten", erklärt sie. Da das eher nicht ihrer zurückhaltenden Art entsprach, war es für sie eine Herausforderung, aber "ich kann das immer besser". Froh ist sie über die Unterstützung durch den Kirchengemeinderat und sie habe gelernt "laut und deutlich zu sagen, was ich will".

Schimmel freut sich darüber, wenn ihr junge Frauen sagen, dass sie für sie ein Vorbild ist. Manchmal ist ihr Rat als Frau sogar besonders gefragt. "In der Seelsorge suchen sich die Menschen oft jemanden, von dem sie denken, dass er ihre Lage verstehen kann", lautet ihre Erfahrung.

Da Schimmel geschieden und Mutter einer Tochter ist, wenden sich immer wieder Frauen mit ihren Sorgen an sie. Schimmel hört als Seelsorgerin zu, aber sie habe nicht immer eine Antwort auf die Fragen und Probleme, mit denen sie in den Gesprächen konfrontiert wird. So zum Beispiel, wenn jemand nach einem Unglück fragt: "Warum lässt Gott das zu?" "In solchen Fällen ist gemeinsames Schweigen und Beten hilfreicher, als auf ›Teufel komm raus‹ Antworten zu suchen", sagt sie.

Die berufliche Belastung ist hoch, oft fällt es ihr schwer, "den Kopf abzuschalten" und sich zu entspannen. Obwohl sie früher eine begeisterte Leserin war, die wöchentlich ein Buch verschlang, hat sie als Pfarrerin jahrelang nur Fachliteratur gelesen, bis Corona und damit mehr Zeit zum Lesen kam. Entspannung findet sie bei Spaziergängen in der Natur mit ihrer Hündin Frieda. "Bei diesen Spaziergängen rede ich oft laut mit Gott", sagt sie. Zunehmend Freude bereitet es ihr, unterwegs Wildkräuter auszuwählen und zu sammeln, die sie dann an ihre sechs Schildkröten verfüttert. Sie hat auch noch drei Katzen und liebt ihre Tiere sehr. Als Jugendliche war lange Tierärztin ihr Traumberuf – bis sie im Februar 2001 mit Sicherheit wusste: "Ich werde Pfarrerin." Das hat sie bis heute nicht bereut.

Seit 50 Jahren gibt es in der badischen Landeskirche evangelische Pfarrerinnen. Am 27. April 1971 hatte die Synode der badischen Landeskirche die Gleichstellung mit dem schlichten Satz beschlossen: "Pfarrer im Sinne der Grundordnung ist auch eine Pfarrerin." Frauen waren in Baden zwar schon bereits seit 1916 zum kirchlichen Examen zugelassen, durften anschließend aber nicht den Pfarrberuf ausüben. Als Pfarrgehilfinnen waren sie den Pfarrern untergeordnet – trotz gleicher Ausbildung. Ab 1943 erhielten sie den Titel "Vikarin", ihre Arbeit blieb aber vor allem auf Frauen und Mädchen beschränkt. Bis 1971 war es Pfarrerinnen nicht gestattet, eine Gemeindeleitung zu übernehmen, obwohl sie während des Zweiten Weltkriegs alle Aufgaben des Pfarramts übernommen hatten. Sie waren meist auf Sonderpfarrstellen im Einsatz, etwa in der Frauen- oder in der Jugendarbeit. Frauen mussten einen speziellen Talar tragen und durften sich bis 1962 nicht Pfarrerin nennen.