Farbe des Wohlstands: Anders als in Europa stehen rote Zahlen an Chinas Börsen für Kursgewinne. Foto: imago/NurPhoto

Nach einer historischen Rallye an den chinesischen Börsen zeigen sich die Anleger nun enttäuscht: Die Regierung hat Erwartungen geweckt, die sie nicht erfüllen kann.

Der Bullenmarkt hat ein ganzes Land erfasst: Unter Büroangestellten hat die historische Börsen-Rallye der vergangenen Woche für ungewöhnlich gute Stimmung in den Kaffeepausen gesorgt. Vor den Büros der Börsenmakler haben die Leute bis in die Abendstunden Schlange gestanden. Jeder wollte schließlich von den massiven Gewinnen profitieren, die der heimische Aktienmarkt seit Ende September abgeworfen hat. Es war, als folgte nach einer langen Durststrecke der lang ersehnte Geldregen.

 

Angeheizt wurde die Euphorie von einer Reihe an Geld- und fiskalpolitischen Stimulusmaßnahmen, welche die Zentralregierung in Peking zuvor angekündigt hatte. Die Investoren gingen fortan davon aus, dass Xi Jinpings Parteiführung nun aufs Ganze gehen würde, um das selbst angekündigte Wachstumsziel von fünf Prozent für dieses Jahr zu erreichen. Hinzukam, dass die Aktien derart niedrig bewertet waren, dass es im Grunde nur mehr bergauf gehen könne.

Eine desaströse Pressekonferenz

Doch klar war auch, dass für eine nachhaltige Wirtschaftserholung weitere konkrete Maßnahmen erforderlich sein würden, und zwar vor allem Reformen: Es braucht mehr Raum für private Unternehmen, weniger staatliche Einmischung der Partei, und allen voran eine Stärkung des immens schwachen Binnenkonsums. Davon würden dann letztlich auch europäische Unternehmen profitieren, die im Reich der Mitte immer weniger verkaufen.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an die Pressekonferenz am Dienstagmorgen, zu der die Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform geladen hatte. Angekündigt waren wirtschaftliche Maßnahmen, doch stattdessen hagelte es vor allem vage Rhetorik und altbekannte Worthülsen. Als einzig nennenswertes Resultat kündigten die Wirtschaftsplaner Geldspritzen in Höhe von umgerechnet 13 Milliarden Euro an, doch diese sollen vom Haushalt für 2025 abgezweigt werden.

„Der Markt kann damit unmöglich zufrieden sein“, urteilte die spanische Ökonomin Alicia Garcia Herrero von der Investmentbank Natixis. „Große Enttäuschung aus China! Nicht nur gab es keine Ankündigung über neue Konjunkturmaßnahmen, sondern keine Details über rein gar nichts“, befand Martin Chorzempa vom Washingtoner „Peterson Institute“. Und Shehad Qazi vom New Yorker Analysehaus „China Beige Book“ meinte: „Keine Pressekonferenz wäre wohl besser für die Märkte gewesen.“

Die Märkte reagierten enttäuscht: Der Hongkonger Hang Seng Index stürzte vor der Mittagspause um mehr als neun Prozent ab, ehe er sich wieder etwas erholte. Der Shanghaier Leitindex hingegen hielt sich tapfer bei knapp 3500 Punkten – dem höchsten Wert seit gut zwei Jahren. Vor der Pressekonferenz hatten Marktbeobachter noch mit weiteren kräftigen Kursanstiegen gerechnet: Die Börse war wegen einer Ferienwoche anlässlich des 75. Geburtstags der Volksrepublik eine Woche lang geschlossen gewesen.

Kursrallye seit Ende September Foto: Yahoo/Zapletal

Tatsächlich dürfte der extreme Bullenmarkt der vergangenen Wochen der chinesischen Parteiführung jedoch Sorgenfalten bereiten. Denn letztlich ist der aufgeheizte Markt vor allem eine kollektive Wette, deren Ausgang offen ist: Chinas Börsenhochs der vergangenen Jahre blieben alle kurzlebig – und endeten in rasanten Kurseinbrüchen. „Ich kann mich an keine Zeit in der Geschichte erinnern, in der ein derartiges kollektives Glücksspiel stattfand, bei dem so viel auf dem Spiel stand“, meint der ehemals in Peking tätige Bauentwickler Desmond Shum, der nun in Großbritannien lebt.

Sollte die Stimmung nun erneut in einen Bärenmarkt kippen, könnte dies die soziale Stabilität in China empfindlich bedrohen. Breite Bevölkerungsschichten haben schließlich seit Ende der Pandemie deutliche Wohlstandsverluste hinnehmen müssen – aufgrund der Immobilienkrise, aber auch durch Jobverluste und Gehaltskürzungen. Jene Mittelschicht hat nun in den vergangenen Wochen in die heimischen Aktien investiert – oft auch aus Verzweiflung und Mangel an alternativen Anlagemöglichkeiten. Doch mit jedem Bürger und jeder Bürgerin, die bei dieser riskanten Wette das Ersparte verliert, würde der soziale Frust steigen.

Allein im ersten Halbjahr 2024 sind laut staatlichen Angaben mehr als eine Million Restaurants in China pleite gegangen, das Vertrauen der Verbraucher ist offensichtlich angeschlagen. Wang Xiangwei, Kolumnist bei der South China Morning Post, schreibt, dass er während der vergangenen zwei Jahre in China immer und immer wieder dasselbe Klagelied der Leute vernehmen könne: „Unser Geld geht zur Neige“.