Weil er einen Mitbewohner in einer Trossinger Flüchtlingsunterkunft mit Messerstichen attackierte, steht ein Mann vor Gericht. In der Verhandlung schilderte er seine Version des Geschehens – und welche Rolle dabei ein sexueller Übergriff gespielt haben soll.
Die Messerstiche, die ein 19-Jähriger seinem Mitbewohner in einer Trossinger Flüchtlingsunterkunft versetzte, waren beinahe tödlich. War eine versuchte Vergewaltigung möglicherweise der Grund für die Attacke?
Darum und um die Unterbringung in der Psychiatrie geht es beim Prozess vor dem Rottweiler Landgericht, der am Montag seinen Auftakt hatte.
Der beschuldigte 19-jährige Tunesier soll laut Staatsanwaltschaft im Mai einen Mitbewohner mit einem Küchenmesser lebensgefährlich verletzt haben.
Diagnose Schizophrenie
Da bei ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert wurde, er Stimmen hört, gilt er als schuldunfähig.
Der 19-Jährige erzählte nicht nur von seiner Kindheit in Tunesien, sondern auch davon, dass sein Mitbewohner ihn angeblich mit Ecstasy betäubt habe und ihn dann vergewaltigt habe – oder das zumindest versucht haben soll.
In einer Großstadt in Tunesien aufgewachsen, besuchte er sechs Jahre die Elementarschule, die anschließende Mittelschule schaffte er nicht – er habe keine Lust gehabt, sei lieber mit seinen Freunden auf dem Spielplatz oder in Spielhallen abgehängt, statt in die Schule zu gehen.
Drei Anläufe machte er wohl, um die siebte Klasse zu schaffen, bis er abbrach. Gelegenheitsjobs folgten, bei denen er Handys reparierte, Fenster montierte, als Bedienung und schließlich auf einem Fischerboot arbeitete.
Er wollte nach Frankreich
Dort sei dann auch der Wunsch entstanden, sich nach Europa, konkret nach Paris aufzumachen. Französisch könne er zwar nicht, es aber leicht lernen, da viele Worte seiner Muttersprache aus dem Französischen stammten. „Ohne Schulabschluss, ohne Berufsausbildung, Ziel Paris“, fasste der Vorsitzende Richter das zweifelnd zusammen. „Ja, da habe ich nicht nachgedacht“, gab der 19-Jährige zu.
Letztendlich sei es dann ein mit 21 Menschen besetztes, fünf Meter langes Holzboot gewesen, mit dem er nach 15 Stunden auf dem Mittelmeer und um 1000 Euro leichter an der Küste von Lampedusa gelandet sei. Von dort sei es nach Sizilien gegangen, wo er einige Zeit auf der Straße lebte, und dann mit dem Zug in die Schweiz und von dort nach Deutschland. Die Reise nach Frankreich sei zu kompliziert gewesen.
In Trossingen teilte er sich mit zwei weiteren Flüchtlingen ein Zimmer, und einer davon, das spätere Opfer, habe ihn eines Tages betäubt und vergewaltigt. Er sei aufgewacht und habe Spermaspuren auf seiner Jeans gefunden. Sein Zimmergenosse habe ihm auch ein Medikament gegeben, als er Depressionen bekam – ein starkes Schmerzmittel eigentlich, aber es habe ihm geholfen. Wahrscheinlich habe er ihm das Ecstasy im Essen oder einem Getränk gegeben. Er sei an manchen Tagen aufgewacht und habe sich darüber gewundert, wie tief er geschlafen habe.
Vorwurf der Heimtücke
Die Tat im Mai sei heimtückisch gewesen, so die Staatsanwältin. Er habe seinen Mitbewohner unvermittelt angegriffen, als der aus der Toilette kam. „Er hat seine Wehrlosigkeit ausgenutzt“, und als der Mann sich umdrehte, um zu fliehen, ihm noch in den Rücken gestochen. Einer der Stiche habe die Leber durchtrennt und damit Lebensgefahr bedeutet.
Fortsetzung im Dezember
Ein Unbekannter habe dann den Notruf gewählt, der Verletzte sei mit einer Not-OP gerettet worden. Der 19-Jährige kam nach der Tat zunächst nach Stammheim, inzwischen ist er im Zentrum für Psychiatrie Reichenau untergebracht.
Am Montag betonte er, dass er gerne nach Tunesien zurück wolle. Mit seinen Eltern telefoniere er täglich, und in Deutschland habe er keine Perspektive. In seiner Heimat wolle er wieder als Fischer arbeiten. Wie es tatsächlich mit ihm weitergehen wird, darüber entscheidet das Rottweiler Gericht, und das nach aktueller Planung am 2.und 4. Dezember.