Die Kanzlerin lädt das schwarz-gelbe Kabinett an diesem Mittwoch zum ultimativen Abendessen. Foto: dpa

Die Tage der geschäftsführenden schwarz-gelben Koalition sind gezählt – heute kommen FDP- und Unionsminister zum Abendessen zusammen. Wie es bei Tisch laufen könnte . . . – Überlegungen der nicht ganz ernst gemeinten Art.

Die Tage der geschäftsführenden schwarz-gelben Koalition sind gezählt – heute kommen FDP- und Unionsminister zum Abendessen zusammen. Wie es bei Tisch laufen könnte . . . – Überlegungen der nicht ganz ernst gemeinten Art.

Berlin - Die Kanzlerin lädt das schwarz-gelbe Kabinett an diesem Mittwoch zum ultimativen Abendessen. Noch einmal Vorspeise, Hauptgang und Dessert, dann ist Christlich-Liberal mit einem Klaren heruntergespült. War ja oft auch schwer verdaulich.

Angela Merkel hat da eine gewisse Routine entwickelt. Vor vier Jahren um fast dieselbe Zeit hatte das Kanzleramt verbreiten lassen, „die Einladung ist keine gönnerhafte Geste der Wahlsiegerin gegenüber den Verlierern“. Damals wurden die Sozis in Ehren entlassen. Heute ist die FDP zum letzten Mahl geladen. Die Sache ist diesmal besonders heikel. Schließlich handelt es sich aus liberaler Sicht um die Henkersmahlzeit. Die fällt zwar in der Regel üppig aus, aber dann geht’s ans Sterben.

Aus der Sicht der Union ist die FDP ohnehin schon mausetot. Vielleicht nicht klinisch, aber politisch allemal. Ein Abendessen mit Zombies sozusagen. Und dafür gibt es kein Handbuch. Unterhaltungen mit ­Hingeschiedenen drohen schnell ein wenig einseitig zu werden. Vielleicht muss man sich die Tafelrunde also eher wie eine spiritistische Sitzung vorstellen. Jedenfalls hat die Gastgeberin nach Recherchen unserer Zeitung im Vorfeld alles dafür getan, dass sich die vier Liberalen noch einmal richtig wohlfühlen. Die Henkersmahlzeit soll nach Gnadenbrot schmecken. Bloß kein finaler Eklat! Also hat Merkel den Unionisten strenge Tischmanieren eingeschärft.

Verboten ist jeder Verweis auf die Vergangenheit

Was alles verboten ist: Bloß keine Fragen, die die Zukunft betreffen. Ursula von der Leyen, die Arbeitsministerin, darf also Wirtschaftsminister Philipp Rösler keinesfalls etwa so von der Seite anquatschen: „Na, Philipp, hast du schon eine Anschlussverwendung gefunden? Bei Fragen der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt kannst du dich gerne an mich wenden, wirklich jederzeit!“ So was geht gar nicht. Und Verkehrsminister Peter Ramsauer darf sich auch nicht bei Entwicklungsminister Dirk Niebel erkundigen, „wo jetzt eigentlich dein afghanischer Teppich hinkommt, jetzt, wo du doch gar kein Büro mehr hast“. Njet!

Verboten ist zudem jeder Verweis auf die Vergangenheit. an Außenamtschef Guido Westerwelle: „Hömma, Guido, dat mit der Hotelsteuer – dolle Nummer, ich muss heute noch lachen!“ Nein, das geht auch nicht. Das Gespräch muss sich ­also auf das unmittelbar Gegebene beschränken. Eine harte Prüfung – und auch nicht ungefährlich. Peter Altmaier (Umwelt) zu Daniel Bahr (Gesundheit): „Du, ich krieg’ jetzt bald ’nen neuen Dienstwagen. Ich sach immer, ,Leistung muss sich lohnen‘, hahaha! Aber natürlich mit Hybridmotor, sonst sieht das ja wie spätrömische Dekadenz aus, wollen wir doch nich!“ Nun ja, das könnte vielleicht dann doch missverstanden werden.

Im Kanzleramt hatte man schon befürchtet, die Liberalen könnten gar nicht erst kommen. Der Plan B war bereits ausgearbeitet. Pofalla hätte wie James, der Butler in „Dinner for one“, die vier Freidemokraten trinkfest ersetzen sollen. Wie zu hören war, hatte sich der Kanzleramtsminister sogar artig angeboten, auch noch die Herrschaften Karl-Theodor zu Guttenberg (Verteidigung), Norbert Röttgen (auch Umwelt) und Annette Schavan (Bildung) zu geben. Die Rolle der Stolperfalle in Form des Tigers als Bettvorleger war in dieser Variante einer lebensgroßen Westerwelle-Puppe zugedacht. Aber die Idee wurde als geschmacklos verworfen.

Alles wird gut: Die FDP-Minister kommen ja. Schon weil zukünftige Festessen kostenpflichtig sind. Und vor allem, weil sich in sehr langwierigen Verhandlungen eine Einigung über die Sitzordnung erzielen ließ, die für alle Seiten akzeptabel ist. So ist vertraglich ­ausgehandelt, dass Westerwelle in größtmöglicher Entfernung von Rösler sitzen wird. Dasselbe gilt für Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz) und Hans-Peter Friedrich (Innen). Ob angesichts der Form des Tisches und der Gesetze der Mathematik auch vier weiteren Wünschen entsprochen werden kann, in größtmöglicher Westerwelle-Distanz platziert zu werden, wird noch geprüft. Auf jeden Fall ist den liberalen Gästen zugesichert worden, auf pflichtschuldiges Zwangslächeln verzichten zu dürfen, wenn Familienministerin Kristina Schröder einen Scherz macht. Überhaupt soll angesichts der liberalen Nahtod-Erfahrung die Pietät streng gewahrt werden.

Wetterdialoge sollen keine Anspielungen auf den Klimawandel enthalten

Deshalb wird während des Essens Stillschweigen herrschen. Zwischen den Gängen sind im „Memorandum of understanding“ als mögliche Themen „das Wetter, die Tischdekoration, das Spätwerk Albrecht Dürers und die Vegetation in den nördlichen Anden“ identifiziert worden. Allerdings sollen die Wetterdialoge keine Anspielungen auf den Klimawandel enthalten. Die Tischdekoration wird die Farben Schwarz, Gelb, Rot oder Grün vermeiden. Verweise auf die mittleren und südlichen Anden sind möglich, Experten des Dürer’schen Spätwerks sitzen ohnehin nicht am Tisch. In einer Protokollnotiz ist ferner festgehalten, dass Bahr gerne auf dem Handy Babyfotos seiner Tochter zeigen wolle. Aus Rücksicht auf jüngste außenpolitische Verwicklungen strebt Merkel hier aber eine Übereinkunft an, Mobiltelefone an der Schranke zum Kanzleramt abzugeben.

Es ist also alles getan, um Streitpunkte zu vermeiden. Die Menü-Folge wird noch geheim gehalten. Schließlich will die Kanzlerin Rösler mit Froschschenkeln überraschen, schön gar gekocht. Auf ausdrücklichen Wunsch der liberalen Delegation (nach einem diskreten Hinweis von Merkels Ehemann) hat die Gastgeberin obendrein zugestimmt, auf ihren selbst gebackenen Streuselkuchen à la Mutti zu verzichten.

Derzeit wird im Vorfeld des Essens bei Union und FDP nur noch eine einzige offene Frage diskutiert. Die aber sorgt für viel Aufregung. Es geht um die Gastgeschenke. Wie zu erfahren war, haben sich die Liberalen auf drei Dinge verständigt: auf eine CD von Trude Herr mit dem Titel „Niemals geht man so ganz“, einen in den Farben Gelb-Blau gehaltenen Bumerang und ein Päckchen Kaugummi. Die belesene Kanzlerin wird im Namen ihrer Partei einen Band von Peter Handke überreichen: „Als das Wünschen noch geholfen hat“, von 1974. Wolfgang Schäuble hat sich bereit erklärt, dem Werk eine sentimentale Widmung einzuschreiben: „Es isch, wie’s isch!“

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