Acht Menschen wurden 2023 im Europa-Park verletzt, weil ein Wasserbecken zusammenbrach. Nun räumte der Montagefirma-Chef ein, dass Schrauben fehlten.
Akteure springen aus schwindelerregender Höhe in ein Becken, Zuschauer schauen aus wenigen Metern Entfernung zu. Plötzlich geht alles ganz schnell: Scheinbar aus heiterem Himmel bricht die Außenseite des Pools, die beiden 25 Meter hohen Sprungtürme stürzen in sich zusammen. In Sekundenschnelle entleeren sich mehrere zehntausend Liter Wasser in der Attraktion „Atlantica Supersplash“.
Festgehalten wurden die dramatischen Szenen, die sich am 14. August 2023 bei der „High Diving Show“ im Europa-Park abspielten, von einer Überwachungskamera. Gezeigt wurden sie nun am Mittwoch im Amtsgericht Ettenheim. Auf der Anklagebank: Der Geschäftsführer der Firma, die für den Auf- und Abbau verantwortlich war. Er soll bei der Montage wichtige Sicherheitsvorkehrungen missachtet haben, wodurch es zu dem Unfall gekommen sein soll, bei dem sich acht Menschen verletzten.
Laut Staatsanwaltschaft brach das Becken, weil die Blechwände nicht ausreichend verschraubt wurden. Tatsächlich wurden weniger Schrauben verbaut, als es die Montageanleitung vorschreibt. Auch zahlreiche Unterlegscheiben und eine Verankerung im Boden hätte die Firma beim Aufbau weggelassen.
Einige Artisten verletzten sich beim Unfall schwer
Die Folge: „An der untersten der vier Etagen des Beckens kam es zu einem Ermüdungsbruch. Dadurch verletzten sich sechs Artisten und zwei Besucher“, warf die Staatsanwältin vor. Einer der Darsteller sei dabei mit dem Kopf auf dem Boden geknallt, habe ein Schädelhirntrauma und mehrere Frakturen davongetragen. Eine andere sei aufgrund starker Oberschenkelverletzungen mehrmals operiert worden sein. „Fahrlässige Körperverletzung in acht tateinheitlichen Fällen“, heißt es in der Anklageschrift.
Park untersagte, in den Boden der Attraktion zu bohren
Der 45-Jährige räumte einige der Vorwürfe ein. So etwa die fehlende Verankerung der Sprungtürme. Die sollten eigentlich im Boden der Wasserbahn verschraubt werden, in der das Becken stand. „Der Europa-Park hat das untersagt. Wir durften nicht in den Boden der Wasserbahn bohren, da sonst die Dichtigkeit des künstlichen Sees nicht mehr garantiert gewesen wäre“, erklärte er auf französisch, eine Dolmetscherin übersetzte. „Die fehlenden Schrauben am oberen Teil des Pools werde ich nicht leugnen“, gab er ebenfalls zu. Dass in den Blechwänden von 33 nur 22 Stück eingebaut wurden, begründete er damit, dass man es schon immer so gemacht habe. So habe er die Show und den Aufbau von einer Vorgängerfirma übernommen – samt Team, Ablauf und Material. Die selbe Erklärung lieferte er auch für die fehlenden Unterlegscheiben im Inneren des Beckens. Richter Wolfram Wegmann ließ das nicht gelten: „Es gibt eine Anleitung, an die man sich halten muss – da gibt es keine Diskussion. Wenn der Beauftragte seine Arbeit richtig macht, gibt er dem Pool nie im Leben Tüv.“
Zwar leugnete der Angeklagte die zahlreichen Versäumnisse beim Aufbau nicht, betonte jedoch, dass die fehlenden Schrauben nicht die Ursache seien. Laut ihm lag das Problem bei den Wellen, die durch die Wasserbahn „Atlantica Supersplash“ entstanden. Diese hätten ständig gegen das Becken geschlagen, das darauf hin in Bewegung gekommen sei. „Dadurch ist die Pool-Plane gerissen“, war sich der Franzose sicher. Diese Folie sei dafür verantwortlich, das Wasser im Pool zu behalten und den Druck gleichmäßig auf die Wände zu verteilen. „Wenn es reißt, entsteht auf dieser Stelle ein massiver Druck“, erklärte er.
Aufnahmen einer Kamera wurden offenbar gelöscht
Dass sich das Becken durch die Wellen bewegte, bestätigte ein 36-jähriger Zeuge. Er war damals Artist und hatte zusätzlich die Aufgabe, das Becken regelmäßig unter die Lupe zu nehmen. „Zwei, drei Mal ist es vorgekommen, dass sich auch Teile der Dekoration durch die Wellen gelöst haben“, erinnerte er sich. Diese kleineren Reparaturen habe er dann selbst vorgenommen. „Wenn man etwas meldete, dauerte es teils Stunden, bis etwas unternommen wurde. Das war Normalität im Park“, kritisierte er.
Gedauert hatte es ebenfalls, bis die Polizei über das Unglück informiert wurde. „Wir wurden von der Presse darauf aufmerksam gemacht, dass es im Europa-Park ein Unfall gab“, erklärte der als Zeuge geladene Oberkommissar, der damals die Ermittlungen leitete. Pikant: Während die Videoaufnahmen des Zusammenbruchs vorliegen, fehlen von den Aufzeichnungen der Aufräumarbeiten jede Spur. Zeitweise sei sogar eine Anklage gegen den Europa-Park wegen der Unterdrückung von Beweismitteln im Raum gestanden. Dazu kam es letztlich jedoch nicht.
Sachverständiger soll zu Wort kommen
Nachdem alle Zeugen gehört wurden, stand der Bericht des Sachverständigen Ulrich Löhle auf dem Programm. Da die Dolmetscherin des Angeklagten jedoch nach rund vier Stunden Verhandlung zu einem Folgetermin musste, soll Löhle nun am 4. Dezember zu Wort kommen. Am selben Tag soll auch das Urteil fallen.
Info – Die Show läuft weiter
Der Europa-Park arbeitet weiterhin mit der Firma zusammen, auch die „High Diving Show“ wird weiterhin gezeigt. Ein Artist, der sowohl beim Unfall als auch bei der vergangenen Saison dabei war, erklärte: „Der Europa-Park hat nach dem Unfall einen eigenen Pool bauen lassen. Da ist alles verschweißt – von den Wellen merkt man nichts mehr.“