Anführer, Mittelsmann, Kurier: Wer sind die Fünf, die ein Drogen-Netzwerk in VS betrieben? Der Prozess am Landgericht Konstanz offenbart Biografien zwischen Hoffnung und Verbrechen.
Fünf Männer spinnen ein Rauschgiftnetz. Sie ordern enorme Mengen Marihuana, Koks und manchmal Amphetaminen in Spanien. Eine Spedition in Villingen-Schwenningen und ein Privat-Anwesen in einem Wohngebiet in der Region werden zu Drehkreuzen fürs internationale Geschäft.
Aktuell wird der Bande der Prozess gemacht. Doch wer sind die Männer, die in der Doppelstadt im Schwarzwald angeblich ein Drogen-Imperium am Laufen hielten?
Der Anführer
Ein heute 34-jähriger Albaner ist offenbar der Kopf der Bande. Er soll es laut Anklageschrift gewesen sein, der bei seiner Kontaktperson gewaltige Drogenmengen bestellt hat. Im Sommer 1991 wurde er in Albanien geboren – im Prozess ist er das einzige Bandenmitglied, von dem es keinen Gerichtshilfebericht gibt, der seinen Werdegang offenbart.
Doch da er den gleichen Nachnamen trägt wie ein anderer Angeklagter und er mit diesem auffallend oft mit Blicken und Gesten kommuniziert, liegt eine verwandtschaftliche Beziehung zumindest nahe. Erst recht, als er bei der Verlesung von dessen Lebensgeschichte verlauten lässt, dass er „das alles“ besser wisse, als die Akten, die verlesen werden. Da wird deutlich: Auch er wuchs wohl in diesen armen Verhältnissen auf, wo das Geld nie reichte und die Not erfinderisch machte. Jetzt versteht er sich offenbar darauf, Angst zu verdrängen. Als seine Partnerin im Zuschauerraum in Tränen ausbricht und verzweifelt auf dem Stuhl wippt, wirft er ihr lachend eine Kusshand zu. Und nur Sekunden, nachdem er an den zwei ersten Prozesstagen die Handschellen los ist, dreht er sich feixend zu seinen Mitangeklagten um, grinst, mimt den Unverletzbaren.
Der Mittelsmann
Ganz anders sein 46-jähriger Nachnamensvetter. Der lässt er sich zunächst nicht in die Karten spicken, bewegt sich betont ruhig im Saal. Er kam auch nicht direkt aus der Gefängniszelle, sondern ist irgendwann auf freien Fuß gesetzt worden. Dass seine Gelassenheit aufgesetzt ist, wird aber deutlich: Unablässig wippt er mit den Füßen, schaut er sich mit verengtem, düsterem Blick um, oder reibt er sich die Ohren. Der Gerichtshilfebericht lässt tief blicken: Geboren als ältestes von vielen Kindern in einem armen Landstrich Albaniens. Selbst für Lebensmittel sei nie genug Geld dagewesen. Man habe sich schon über ein einfaches Stück Brot zum Teilen gefreut.
Mit 17 Jahren bricht er laut Bericht aus. Zu Fuß sei er von Albanien nach Griechenland gelaufen, habe dort gearbeitet und seiner Familie Geld geschickt – und seine spätere Ehefrau kennengelernt. 2017 habe er ein besseres Leben in Deutschland gesucht und als Lastwagenfahrer vielleicht gefunden. Wären da nur nicht dieses Drogennetzwerk und seine mutmaßliche Rolle darin als Mitarbeiter der Spedition, die zum Rauschgift-Drehkreuz wurde. Geregelte Arbeit, Hauskauf, Minijobs, eine Geschäftsfrau an seiner Seite und ein gemeinsames Kind – nachdem die Drogengeschäfte, die nun in den Prozess mündeten, aufgeflogen waren, flog auch er, raus aus dem Job, und irgendwie auch aus seinem alten Leben.
Der Lager-Verwalter
Der einzige Brite unter den Angeklagten soll eine wichtige Rolle gespielt haben: Unter seiner Adresse machten Ermittler das Drogenlager und die Verteilzentrale aus. Dorthin sei der Stoff nach der Spedition gebracht, in Tranchen portioniert, und zu Dealern gefahren worden. Bei einer Hausdurchsuchung fand man Geld, viel Stoff, aber auch Waffen. Jetzt, auf der Anklagebank, ist seine Fassade sein stärkster Schutz. Er grinst, als er von Justizwachtmeistern in den Saal geführt wird und seine Fußfesseln über den Boden schleifen, nickt den Mitangeklagten grüßend zu. Landsmänner.
Auch er ist laut Gerichtshilfe in Albanien aufgewachsen, habe eine Ausbildung in der Industrie absolviert und sei nach England ausgewandert, von wo er sich, kurz nach Erlangen der britischen Staatsbürgerschaft, verabschiedet habe. Deutschland – „sein Traum“. Hier soll er sich seine Familie aufgebaut haben. Ob er sein Leben an die Kokainsucht verloren hat? Er spüre den Suchtdruck noch heute, etwa beim Spüldienst in der Gefängnisküche.
Der unauffällige Kurier
Er ist hier der Ruhigste und Unauffälligste. Laut Anklage kam er in der Regel wohl erst ins Spiel, als die Drogen längst im Land waren – „zur Optimierung der Geschäfte“.
Der 33-jährige Bulgare soll Drogen, vornehmlich Marihuana, unter anderem nach Mühlheim an der Donau gebracht, aber auch selbst Rauschgift gehandelt und eingeführt haben.
Er selbst emigrierte 2012 aus Bulgarien nach Deutschland. Die Voraussetzungen für ein geregeltes Leben waren da – einen Schulabschluss, der deutschen Fachhochschulreife entsprechend, hatte er in der Tasche. Doch ihn zog es gleich ins Arbeitsleben. Gastronomie, Baugewerbe – daran konnte er in der neuen Heimat anknüpfen. Und auch ein Blick auf seine Familie, zu der schon vier Kinder zählen, wird im Bericht gewährt. Drogensüchtig sei er, trotz des Geschäfts mit dem Rauschgift, nicht – doch irgendwann kam der Bruch, Arbeitslosigkeit und jetzt ein Platz auf der Anklagebank.
Der tragische Kurier
Die wohl tragischste Figur ist der Jüngste im Bunde. „Eine gute Kindheit“ in Albanien – aber auch Armut. Aufs Studium habe er daher verzichtet, stattdessen auf dem Bau gearbeitet. Als junger Erwachsener als „Tourist“ nach Deutschland gekommen, habe er hier seine spätere Frau kennengelernt – Heirat, Eigenheim, sogar ein Schritt in die Selbstständigkeit, aber auch ein unerfüllter Kinderwunsch. Jetzt leide der 25-Jährige zusätzlich unter den Haftbedingungen, lässt sein Verteidiger verlauten.
Weiße Ledersneakers, braune Stoffhose und eine dunkelblaue Jacke. Im bewusst seriös gewählten Outfit, gestört durch Fußfesseln und Handschellen, wird er vor den Kadi geführt. Sein Anwalt bringt die Zusage eines Ex-Arbeitgebers mit, der ihn sofort wieder beschäftigen würde; und Zeugnisse, darunter sogar eines aus der Gefängnis-Werkstatt. Sie zeichnen das Bild eines zuverlässigen, strebsamen Mitarbeiters. Nicht nur Handschellen, auch seine Rolle als Drogenkurier wirkt wie ein Störsender in der einst so hoffnungsvollen Einwanderer-Geschichte.