Alexander Zehnder ist seit April 2023 Vorstandsvorsitzender beim Biotechunternehmen Curevac. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Das Pharmaunternehmen Biontech will den Rivalen Curevac schlucken. Was bedeutet das für den Standort Tübingen und die Beschäftigten? Ein Interview mit Vorstandschef Zehnder.

Um zur Entwicklung neuer Krebstherapien auf Basis der mRNA-Technologie weiteres Know-how an Land zu ziehen, plant Biontech die Übernahme des Konkurrenten Curevac aus Tübingen. Dessen Vorstandschef Alexander Zehnder erkennt darin vor allem große Chancen.

 

Herr Zehnder, worin liegt die größte Chance dieser Übernahme – allein in der Weiterentwicklung der mRNA-basierten Krebsimmuntherapie?

Es gibt etliche Blöcke, wo wir uns wirklich gut ergänzen. Beide Firmen sind sehr stark fokussiert auf die gleichen Gebiete. Beide Firmen haben aber auch zum Teil unterschiedliche Ansätze gefahren, auch bei der Immuntherapie. Curevac ist ein Pionier und hat eine extrem gute Technologie. Wir haben auch neue Entwicklungen bei den Darreichungsformen. Das heißt, wir haben viele Teile, die wirklich sehr komplementär sind zu dem, was Biontech schon hat. Curevac hat ein extrem breites Know-How – und einige der weltweit besten Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Wir haben uns in den vergangenen zwei Jahren sehr stark auf die Onkologie fokussiert sowie Infektiologie, wie Biontech auch. Die sind natürlich noch breiter aufgestellt. Auch von der Portfolioseite her ist es ein sehr, sehr guter Schritt, unsere mRNA-Technologie mit ihren unterschiedlichen Plattformen zu kombinieren, sodass wir wirklich etwas zusammenbringen können. Das Schöne ist die Kombination dieser verschiedenen Blöcke.

… auch in finanzieller Hinsicht?

Ich würde sagen, Curevac ist noch relativ früh in der Entwicklung. Unsere Pipeline ist noch mit Risiken behaftet. Unsere finanziellen Mittel sind nicht die Mittel, die Biontech hat, da wir noch eine prä-kommerzielle Firma sind. Und es ist eine Riesenchance für uns, wenn wir unsere Technologie in einem Hause Biontech einbringen, das global aufgestellt ist, eine breite Pipeline hat, das auch viel besser kapitalisiert ist. Kurz: Biontech kann Neues viel schneller und breiter vorantreiben, als wir es selbst können.

Auch Biontech war zuletzt in die roten Zahlen geraten?

Das stimmt, aber sie haben gerade erst einen großen Deal gemacht, der meines Erachtens sehr, sehr wichtig ist in der Onkologie: die Kollaboration mit Bristol Myers Squibb. Sie ist sehr strategisch und bringt sehr viel Kapital wieder rein. Biontech hat wirklich eine Chance, in den nächsten Jahren auch Onkologieprodukte zu kommerzialisieren und sich noch breiter aufzustellen.

Hat der Deal aus Curevac-Sicht damit zu tun, dass die finanzielle Grundlage nicht mehr dauerhaft gesichert war?

Wir sind finanziell recht gut aufgestellt. Der sogenannte Cash Runway (Kapitalaufbrauchsperiode, d. Red.) reicht sicher noch bis 2028, was für Biontech eigentlich sehr komfortabel ist. Wir sind finanziell in einer guten Position und wollten bewusst einen Deal aus der Position der Stärke heraus machen. Wir haben gedacht: Wenn wir uns zusammentun, können wir einen globalen Marktführer „made in Germany“ aufbauen. Anstelle uns gegenseitig zu bekämpfen, werden die Kräfte gebündelt. Es ist eine positive Story, die die Hauptaktionäre überzeugt hat, auch den Bund.

Was bedeutet die Übernahme für den Standort Tübingen?

Wir beschäftigen rund 700 Mitarbeitende bei Curevac und weit mehr als 80 Prozent davon hier am Hauptsitz Tübingen. Biontech hat sich detailliert mit dem Standort Tübingen beschäftigt. Der CEO Ugur Sahin war hier, hat sich das persönlich angeschaut und war sehr beeindruckt von dem, was wir hier in den vergangenen 25 Jahren geleistet haben, im Sinne der Technologie – in den Laboren, Produktionsstätten und so weiter. Es gibt ein Bekenntnis zu Tübingen, dass der Standort als Teil des Biontech-Konzerns eine wirklich tragende Rolle im mRNA-Bereich spielen kann.

Im vorigen Jahr wurde schon massiv Beschäftigung reduziert – geht das jetzt noch mal weiter?

Im Moment ist nichts geplant. Wir haben uns ja schon etwas verschlankt, weil wir ganz einfach auch zu groß waren. Auch wegen der Lizenzvergabe für die späten Covid-19-Impfstoffe an Glaxo Smith Kline (GSK) brauchen wir weniger Personal. Im Moment machen wir so weiter. Wir wissen noch nicht alles und müssen schauen, wie die Integration dann mit Biontech läuft. Aber auch hier gilt: Ich sehe das auch mittel- bis langfristig als sehr positiv für den Standort Tübingen an.

Haben Sie denn die Arbeitnehmervertreter hinter sich?

Die Neuigkeit ist heute für die meisten frisch und überraschend gewesen, aber eigentlich waren die Reaktionen aus der Belegschaft eher positiv.

Vor einem Jahr, also als es auch schon um Einschnitte ging, haben Sie gesagt: Jetzt können wir ein neues Kapitel für Curevac aufschlagen. Seit wann sind Sie über die Übernahme ernsthaft im Gespräch?

Damals hatten wir nicht daran gedacht, da haben Sie Recht. Wir waren voll konzentriert darauf, die Pipeline weiterzuentwickeln, insbesondere auch mehr Projekte in die Klinik zu bringen, was wir auch getan haben. Aber es sind natürlich zwei Firmen, die sich sehr gut kennen, die lange im gleichen Gebiet unterwegs sind, wo es auch gute persönliche Kontakte gibt zwischen Mitarbeitenden, auch auf der Führungsebene. Und dann haben sie uns gefragt, ob man nicht mehr machen kann, wenn man sich zusammentut. Das hat sich dann, relativ organisch, über die vergangenen Wochen und Monate bis zur heutigen Ankündigung so ergeben.