Die Regierung Netanjahu ignoriert den Rat des Militärs. Warum sie damit enorme Risiken für Israel heraufbeschwört, beschreibt Chefredakteur Christoph Reisinger.
Zu Recht gilt Israels Armee als die kampfkräftigste der Welt. Warum – das hat sie in den drei Jahren seit dem niederträchtigen Überfall der Terroristengruppe Hamas aus dem Gazastreifen eindrucksvoll bewiesen.
Doch ausgerechnet Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, seine Berater und seine ultranationalistischen Koalitionspartner ignorieren radikal den Rat der Führung dieser Armee. Die steht geschlossen hinter dem klaren, öffentlichen Widerspruch von Generalstabschef Eyal Zamir gegen die Besetzung des Gazastreifens, die sich gerade mit voller Wucht entfaltet. Sie findet aber kein Gehör bei der Regierung. Wie auch frühere Minister, Ex-Geheimdienstchefs oder Sicherheitsexperten aus der Wissenschaft.
Israel steht so isoliert da wie seit 1948 nicht mehr
Diese Ignoranz der Regierung und der sie tragenden Kräfte wird dazu führen, dass Israel nach seinen Siegen in einem Maße isoliert und gefährdet dastehen wird wie nie mehr seit der Staatsgründung 1948.
Weder Netanjahus Endsieg-Rhetorik, noch sein Ziel, aus Israel ein „Super-Sparta“ zu machen, also einen unbesiegbaren Einzelgänger-Staat, blendet über diese Schwächung hinweg. Ebenso wenig der angedrohte, widerrechtliche Bau weiterer Siedlungen auf palästinensischem Boden, oder die Festlegung, dass es für die Palästinenser keinen eigenen Staat geben darf. Tatsache ist doch, dass diese Regierung das Land aus seiner sicherheitspolitischen Verankerung rüttelt.
Deren Eckpfeiler bildet seit den Tagen der Gründerväter um David Ben Gurion das Bündnis mit den USA. Auch europäische Länder spielen als Unterstützer eine wichtige Rolle, Deutschland auf internationaler Bühne besonders. Nur – wie lange noch?
Anerkennung für die terroristische Hamas
Die Hamas mag militärisch eine Schlappe nach der anderen erleiden – den Krieg der Propaganda, der schrecklichen Bilder, hat sie gewonnen. Ein Ergebnis ist die Anerkennungswelle für einen Staat Palästina.
Sie stärkt die terroristische Hamas, nicht die legitime Führung der Palästinenser im Westjordanland. Die Anerkennung wird begleitet von übelstem quer durch Europa auftrumpfenden Antisemitismus.
Auch in den USA wächst die Distanz
Gefährlicher für Israel: In den USA, von denen das Land finanziell und militärisch abhängt, werden die liberalen Unterstützer wie in Europa merklich leiser. Im Trump-Lager wiederum machen immer mehr prominente Ideologen wie Tucker Carlson Front gegen Israel.
Selbst in Deutschland mit seiner besonderen Bindung schlägt die Entfremdung durch. Die enge Zusammenarbeit von Militär und Sicherheitsbehörden ist so eng nicht mehr. Nicht nur zu Deutschlands Schaden.
Netanjahu vergrößert systematisch die Kluft
Was Israels Sicherheit auf Sicht am stärksten gefährdet, ist das systematische Vergrößern der Kluft zu den arabischen Nachbarn. Die Bewohner des Gazastreifens büßen für die Verbrechen der Hamas mit inzwischen unverhältnismäßiger Vergeltung. Vermittler wie Ägypten oder Katar stößt Netanjahu kalt lächelnd vor den Kopf.
Nichts wird bleiben vom Tauwetter mit arabischen Staaten. Deren Emire und Regierungschefs waren in Israel Schlange gestanden für eine Normalisierung der Beziehungen nachdem US-Präsident Barak Obama Amerikas arabischen Verbündeten 2016 signalisiert hatte, sie müssten aus eigener Kraft mit Irans Vormachtallüren zurechtkommen.
Massiver Protest in Israel gegen die Regierung
Nebensächlich, aus welchen Motiven Netanjahu diese Politik betreibt, die in Israel auf massiven Protest und Widerspruch keineswegs nur der Generäle stößt. Ob der Regierungschef Größenwahn und Sendungsbewusstsein seiner radikalen Koalitionspartner inzwischen teilt, oder ob er den Krieg verlängert, nur um einer Abwahl und drohenden Gerichtsverfahren zu entgehen: Mit ihm geht Israel schweren Zeiten entgegen. Trotz der kampfkräftigsten Armee der Welt.