Gläserner Trostpokal statt goldener Adler: Andreas Wellinger belegt bei der Vierschanzentournee Rang zwei. Foto: dpa

Der deutsche Vorspringer verpasst den Gesamtsieg bei der Tournee vor allem deshalb, weil ein Konkurrent noch stärker ist. Allerdings hat Ryoyu Kobayashi nach Meinung unserer Autors Jochen Klingovsky auch einen großen Vorteil.

Es gibt ja den gerne genutzten Spruch im Sport, dass der Zweitplatzierte der erste Verlierer sei. Oft mag sich das so anfühlen, hin und wieder auch zutreffend sein – allerdings ganz sicher nicht bei Andreas Wellinger (28).

 

Der Skispringer bekam am Ende der Vierschanzentournee zwar einen gläsernen Trostpokal statt des begehrten goldenen Adlers überreicht, wirklich grämen über Rang zwei muss er sich aber nicht. Schließlich hatte der Olympiasieger und Weltmeister den Auftakt in Oberstdorf gewonnen und sich auch danach kaum Fehler geleistet. Dass er es am Ende verpasste, das Tournee-Trauma zu überwinden und als erster Deutscher seit Sven Hannawald im Jahr 2002 einen der prestigeträchtigsten Siege des Wintersports zu holen, lag nicht an ihm. Sondern an Ryoyu Kobayashi (27).

Dem Japaner gelang als erstem Springer seit 25 Jahren das Kunststück, die Tournee ohne Einzelsieg zu gewinnen – beim Grand-Vize-Slam zeigte er bei seinen vier zweiten Plätzen aber alle Eigenschaften, die für dieses Format nötig sind: Qualität, Konstanz, Mentalität. Und acht Sprünge auf höchstem Niveau. Das verdient größten Respekt.

Zugleich profitiert Kobayashi allerdings von den Rahmenbedingungen. Der Tournee-Rummel, der diesmal wieder an die großen Zeiten von Hannawald und Schmitt erinnerte, geht an ihm vorbei. Fragen in Interviews pflegt er in einem Satz zu beantworten, ansonsten hat er die Ruhe, die nötig ist. Anders als die deutschen Konkurrenten. Für sie bedeuten die zehn Tage Stress pur, was ein Grund dafür ist, dass sie vor allem vor Weihnachten und nach Dreikönig zu Siegen springen: In den letzten acht Jahren holten Wellinger, Geiger und Co. bei der Tournee fünf zweite und zwei dritte Plätze. Mehr aber nicht. Aufgeben? Ist trotzdem keine Option.

Andreas Wellinger versprach in Bischofshofen jedenfalls in einer Mischung aus Trotz, Enttäuschung und verletztem Stolz, dass es bis zum nächsten deutschen Gesamtsieg nicht mehr lange dauern werde. Jetzt muss er das nur noch Ryoyu Kobayashi erklären.