AWO-Geschäftsführer Thomas Roth zeigt den Besuchern, wo der Anbau geplant ist. Im Hintergrund Spittelmühle-Leiter Alexander Schiem mit AWO-Urgestein Klaus Fleck. Foto: Marcel

Die Spittelmühle im Neckartal plant einen großen Anbau. Warum der Bedarf weiter steigen wird, wenn die JVA gebaut ist, erklärt der Leiter der Einrichtung bei der Vorstellung der Pläne. Im Gemeinderat zeigt man sich teilweise überrascht.

Die Spittelmühle im Neckartal ist Anlaufstelle für Wohnungslose in der Region. Und der Bedarf ist groß, wie die neusten Pläne zeigen.

 

Alexander Schiem, Leiter der Einrichtung für Wohnungslose im Neckartal, und Thomas Roth, Geschäftsführer der AWO, stellten jetzt die Pläne vor Ort vor. Die 24 Plätze seien ständig ausgebucht, die Nachfrage steigend, und vor allem für Frauen brauche es mehr Platz, stellte Alexander Schiem klar. Ebenso für die steigende Zahl an Beratungsgesprächen, für die es getrennte Räume brauche, auch mit Blick auf den Daten- und Persönlichkeitsschutz.

Großgefängnis sorgt für weitere Nachfrage

Der Bedarf werde noch weiter wachsen, wenn 2027 wie geplant das neue Großgefängnis eröffne. „Das macht uns Druck. Es wird Haftentlassene geben, die zu uns kommen.“ Im Umfeld einer JVA entstehe Wohnungslosigkeit, das sei die Erfahrung aus anderen Städten, so Schiem. Auch steige die Nachfrage nach Langzeitplätzen, und Frauen seien die vulnerabelste Gruppe, für sie sei das Leben auf der Straße besonders gefährlich.

1987 eröffnet

Er skizzierte die Geschichte des sozialen Zentrums Spittelmühle, das 1987 eröffnet wurde, nachdem sich schon seit 1969 Ehrenamtliche der AWO, allen voran Klaus Fleck, um Wohnungslose kümmerten. Anfangs bot man den Menschen Platz in Mehrbettzimmern, da sie meist bald weiterzogen. Damals seien sie als Tippelbrüder abgestempelt worden, doch zwang das Sozialsystem Obdachlose dazu, ständig den Ort zu wechseln. Das änderte sich 2015, seitdem können sie auch länger bleiben, ohne ihren Anspruch auf Unterstützung zu verlieren.

Gewalt ein Thema

Dementsprechend änderte sich auch die Einrichtung, aus den Mehrbett- wurden Einzelzimmer. Das hatte auch mit Gewalt zu tun, wie Schiem beschrieb: Wenn in einem Sechsbettzimmer ein Gewalttäter ist, müssen fünf drunter leiden. Die dann teils ihre Versuche, wieder in ein sesshaftes Leben zurückzukommen, abbrachen und weiterzogen.

Die Spittelmühle bot von Anfang an Arbeitsmöglichkeiten in der Weberei, der Schreinerei und in der Haushaltshilfe an, was vielen half. Seit Langem gibt es auch Wohngruppen außerhalb, Fachberatung und Wärmestube in der Suppengasse.

„Wir wollen, dass die Bewohner menschenwürdig untergebracht werden“, betonte Alexander Schiem. Daher soll es nun für Frauen sechs eigene Zimmer geben, Zuschüsse vom Land und vom Kommunalverband Jugend und Soziales dürften die Hälfte der Kosten decken, die Fernsehlotterie ist angefragt.

Altbau folgt als nächstes

Auch die Nachbarlandkreise Tuttlingen und Zollernalb werden sich möglicherweise beteiligen, sie haben nämlich keine eigenen Unterkünfte für Wohnungslose. Dennoch bleibt an der AWO eine sechsstellige Summe hängen, für die man jetzt schon Spenden sammelt und einen eigenen Förderverein gründen will.

Dass die Spittelmühle inzwischen der AWO gehört, erleichtere die Pläne für den zweistöckigen Anbau im bisher ungenutzten Garten. Höher soll er nicht werden, damit er die einstige Mühle nicht überragt, auch im Sinne des Denkmalschutzes. Zudem wolle man den familiären Charakter der Einrichtung behalten. Alexander Schiem, Thomas Roth und ihr Team blicken aber schon weiter: Wenn der Neubau fertig ist, will man den Altbau auf Vordermann bringen, wo es im „Nordflügel“ für zehn Zimmer ein Bad und eine Toilette gibt.

Planung überrascht

Im Gemeinderat am Mittwochabend merkte Stadträtin Elke Reichenbach (SPD+FFR) an, sie würde sich wünschen, dass auch im Gremium die Pläne vorgestellt würden. Sie sei überrascht über die Planungen, die sich doch sehr abheben von dem, „was da sonst so steht“. Oberbürgermeister Christian Ruf meinte, man werde „drüber nachdenken“. Er machte durch die Blume aber dennoch deutlich klar, dass die Spittelmühle eben keine Rottweiler Sache sei, sondern die Arbeit dort für den ganzen Kreis geleistet werde. Dennoch stehe man bezüglich der neusten Entwicklungen natürlich in engem Austausch.

Infos

Mehr Infos gibt es unter www.awo-rottweil.de oder telefonisch 0741/60 66 oder 0741/3 48 61 40 .