Manuel Hagel (CDU) wollte um Arbeitsplätze kämpfen, doch in Industriehochburgen gewann die AfD stärker hinzu. Foto: Imago/Arnulf Hettrich, Udo Herrmann

Die CDU wollte mit Wirtschaftskompetenz punkten. Doch wo die Sorgen um die Industrie groß sind, gewinnt vor allem die AfD. Eine Analyse aller Gemeinden in Baden-Württemberg.

Manuel Hagel auf dem Wahlplakat mit Helm und Sicherheitsweste, Slogan: „Kämpfen für Arbeitsplätze“ – wenn es neben dem persönlichen Duell mit Cem Özdemir im Landtagswahlkampf überhaupt um Inhalte ging, dann um die baden-württembergische Wirtschaft. Die Krise der Industrie, insbesondere der Autobauer und ihrer Zulieferer.

 

Nun hat die CDU zwar im Vergleich zu 2021 tatsächlich zugelegt – aber eben weniger in den Teilen des Landes, wo die Sorgen um die drohende Wirtschaftskrise potenziell besonders viele Menschen umtreiben. In diesen Teilen Baden-Württembergs hat vor allem die AfD hinzugewonnen.

Analyse zeigt Gemeinsamkeiten zwischen Parteihochburgen

Wo viele Industriearbeiter leben, konnte die CDU nicht so umfassend von der ihr zugeschriebenen Wirtschaftskompetenz profitieren, wie sie sich erhofft hatte. Das legt eine Analyse der Ergebnisse in allen 70 Wahlkreisen und allen 1101 Gemeinden im Land nahe, die auf Datenauswertungen unserer Redaktion und des Politikwissenschaftlers Julius Kölzer (Humboldt-Universität/Hertie School Berlin) beruhen.

Der Vergleich der 70 Wahlkreise belegt: Je höher der Anteil der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe, desto höher die Zugewinne der AfD und desto besser ihr Zweitstimmenergebnis. Den besten Wert fuhr die Rechtsaußen-Partei im Wahlkreis Tuttlingen-Donaueschingen mit 26,7 Prozent ein. Hier arbeitet mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der Industrie.

Die Grafik zeigt diesen Zusammenhang. Jeder Punkt steht für einen Wahlkreis, ein Klick auf die Punkte zeigt die Detailwerte.

Kölzer hat zahlreiche weitere Eigenschaften der Wahlkreise betrachtet, doch selbst wenn man sie einkalkuliert, bleibt der Zusammenhang von Industriearbeiteranteil und AfD-Stimmen bestehen. Das heißt nicht, dass in Wahlkreisen wie Tuttlingen oder Sigmaringen nur Industriebeschäftigte AfD wählen. Stattdessen unterscheiden sich diese Wahlkreise strukturell von anderen.

Die AfD kommt also dort gut an, wo die bedrohte Industrie zumindest vor der eigenen Haustür sehr präsent ist. „Wahlkreise mit der höchsten industriellen Prägung zeigen einen enormen Umschwung zur AfD“, so Kölzer. Zu ähnlichen Ergebnissen sind er und andere Forscher bereits bei der Europawahl 2024 und der Bundestagswahl 2025 gekommen.

AfD wiederholt Erfolge der Bundestagswahl – auf niedrigerem Niveau

Südlich der Schwäbischen Alb gibt es Gemeinden, in denen die AfD im Vergleich zu 2021 um die 20 Prozentpunkte hinzugewonnen hat (Landeswert: plus 9,1 Punkte). In Dörfern wie Schwenningen (Wahlkreis Sigmaringen) stieg ihr Anteil zum Beispiel um 21,3 Prozentpunkte auf 30 Prozent, in Königsheim im Wahlkreis Tuttlingen um 22 Prozentpunkte auf 30,2 Prozent.

Laut Rolf Frankenberger vom Institut für Rechtsextremismusforschung der Universität Tübingen wiederholt die AfD damit ihre Erfolge bei der Bundestagswahl 2025 – und zwar in denselben Regionen wie im Vorjahr.

Das AfD-Ergebnis unterstreicht und verschärft insgesamt die Stadt-Land-Unterschiede beim Wahlverhalten in Baden-Württemberg. Das zeigt der Vergleich aller 1101 Gemeinden.

Die CDU und die AfD sind in Kleinstädten und auf dem Land stärker, die Grünen in urbaneren und großstadtnäheren Gegenden. Dazu zählen auch kleine Gemeinden im Speckgürtel einer Großstadt, zum Beispiel rund um Freiburg. Es geht also nicht nur um die Größe einer Gemeinde, sondern auch deren Lage in einem eher ländlichen oder eher urbanen Raum.

Im Wahlkreis Tuttlingen-Donaueschingen kommt für das hohe AfD-Abschneiden laut Frankenberger beides zusammen: Ein hoher Industrieanteil, zugleich ländlich geprägt, ähnliches zeigt sich weiter östlich Richtung Zollernalb und Oberschwaben.

Wo viele ein mittleres Einkommen haben, wächst die AfD

Dazu kommt die wirtschaftliche Situation: Dort, wo die Kaufkraft der Menschen niedriger ist, schneidet die AfD besser ab. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich jedoch, dass dieser Trend sich vor allem aus vielen mittleren Einkommen speist: Je mehr Haushalte in einer Gemeinde ein mittleres Nettoeinkommen zwischen 1500 und 3600 Euro haben, desto stärker ist dort die AfD. Die Grünen schneiden im Gegensatz dazu in Gemeinden mit vielen mittleren Einkommen besonders schlecht ab, die CDU ist in diesen Gemeinden nicht überproportional stark.

Auch das macht Menschen mit mittlerem Einkommen natürlich nicht automatisch zu AfD-Wählern, passt aber zu dem, was die Forschung über unterschiedliche Wählerklientele weiß: Angst vor wirtschaftlichem Abstieg ist gerade bei mittleren Einkommen zu finden, davon profitiert die AfD eher als die CDU. Grün wählt man dagegen potenziell sowohl mit niedrigem Einkommen (aber hoher formaler Bildung) als auch mit hohem Einkommen.

„Industriearbeiter sind sehr stark von Zukunftsängsten bedroht, auch wenn sie bisher kein prekäres Einkommen haben“, sagt Frankenberger. „Diese Angst hat die AfD gezielt geschürt.“ Die Partei hat laut Frankenberger profitiert, ohne sich mit klaren Ideen zu positionieren.

CDU gewinnt auf dem Land Stimmen zurück

Die CDU hingegen hat landesweit zwar um rund sechs Prozentpunkte zugelegt, doch es reichte nur knapp für Platz zwei hinter den Grünen. Der Stimmenanteil der Union stieg an vielen Orten – aber meist nur überschaubar stark. Ihre Zuwächse ballen sich weniger in bestimmten Regionen.

„Die CDU hat in der Fläche, im ländlichen Raum Stimmenanteile zurückgewonnen“, sagt der Politikforscher Julius Kölzer. „Bei der Landtagswahl 2021 sind die Grünen erstmals auch auf dem Land stark gewesen, dank Kretschmann, nun reduzieren sie sich eher wieder auf die urbanen Gegenden.“

Auf dem Land, dort, wo die Orte kleiner sind und mehr Menschen in Wohneigentum leben, schneiden dementsprechend CDU und AfD meist stärker ab, die Grünen und die Linke schwächer, bei SPD und FDP ist das Stadt-Land-Gefälle weniger ausgeprägt. Neben Stadt und Land zeigt sich zudem wieder eine Kluft, die bereits bei früheren Wahlen auffällig war: Dort, wo die Grünen besonders stark sind und 2026 teils sogar noch dazugewinnen konnten, ist der Akademikeranteil besonders hoch – egal, ob städtisch oder ländlich. Die AfD dagegen ist in diesen Gemeinden notorisch schwächer und hat dort auch weniger Stimmenanteile hinzubekommen.

Wahlergebnisse und Analyse

Wahlergebnisse
Die Wahlergebnisse in allen Gemeinden und Wahlkreisen finden Sie in eigenen Artikeln ausführlich analysiert über unsere Suchfunktion.

Analyse
Der Analyse unserer Redaktion liegen neben den vorläufigen amtlichen Wahlergebnissen verschiedene Strukturdaten für Gemeinden und Wahlkreise zugrunde. Dazu gehören Einwohnerzahlen, Bevölkerungsdichte, Altersgruppen, Einkommensverteilung, Beschäftigungszahlen und andere Faktoren, die jeweils auf statistische Zusammenhänge mit den Wahlergebnissen untersucht wurden. Die Zahlen stammen vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg, vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung sowie aus dem Zensus 2022. Bei der Unterscheidung nach urbanen/ländlichen Gemeinden und nach Gemeindegröße handelt es sich um die Regiostar-7-Raumtypologie des Bundesverkehrsministeriums, das alle Gemeinden je nach Lage und Größe eingruppiert.