Artur Walther wurde an der Wallstreet zum Millionär. Heute lebt der 77-Jährige für die Fotokunst – und überlegt, was aus seinem Museum in Burlafingen werden soll.
Von Manhattan geht es nicht die Küste entlang, Richtung Boston, sondern geradewegs dem Norden zu. Man folgt in gemessenem Abstand dem Hudson River ein Stück weit ins Landesinnere, zurück zum Ursprung. Woodstock ist nicht weit. Nach drei Autostunden erreicht man das Gebiet um die Catskill Mountains.
Im Grunde ist es hier auch nicht arg viel anders als daheim in Ulm vor der Stadtgründung vor 800 Jahren. Ulm liegt an einem Ausläufer der Schwäbischen Alb, im Übergang zum Donautal. Im Bundesstaat New York hat sich Artur Walthers einen Platz ausgesucht, an dem er vom Mittelgebirgskamm aus freie Sicht hat über das Tal des Hudson.
Der Mann mit einer Rockefeller-Biografie – vom Sohn eines Lastwagen-Fahrers in Ulm zum Wallstreet-Millionär und Kunstsammler – lebt ein unauffälliges, unbedingt skandalfreies Leben. Zuletzt ist er 20 Jahre lang um die Welt gereist auf der Suche nach unentdeckter Fotokunst in Asien und Afrika. Jetzt ist er 77 Jahre alt und macht noch einmal komplett etwas anderes.
120 Bilder von Karl Blossfeldts „Urformen der Kunst“
Die Idee des „Rewilding“ gefällt ihm: die Natur wieder zu ihrem Recht kommen lassen. Er hat 60 Hektar Land gekauft, ein Gelände aus Wiesen, Wälder, Seen, Fels, mit tiefen dunklen Taleinschnitten und lichten Höhen. Vor seinem nahezu vollverglasten Bungalow ein Garten, den Walther selbst bestellt. Das Haus hat ein ausladend geschwungenes Betondach, es ist nicht herrschaftlich verschnörkelt, sondern in schlichter Kubatur, dezent, fast karg eingerichtet. Walther pflegt die lässige amerikanische Art, ohne dass es aufgesetzt wirken würde.
Innen fallen die langen Fluchten auf: 15 Meter weiße Wand, bestückt mit 120 Bildern von Karl Blossfeldts „Urformen der Kunst“, dazu zwei Typologien von Bernd und Hilla Becher, die Schotterwerke in der Gegend von Ulm und Günzburg zeigen. An diesem Tag ist ein Handwerker da, der über dem Kamin sechs Fotos platziert.
Artur Walther ist ein freundlicher, introvertierter Mann. Wenn er daheim, im Dorf Burlafingen bei Ulm, im Ausstellungs-Kubus seiner Walther Collection eine aufwändig konzipierte Schau zusammengetragener Fotografien zeigt, bleibt er auch nach dem Eröffnungsritual ansprechbar. Der mit dem weißen Kubus kontrastierende schwarze Bungalow ist hier sein Zuhause und zugleich Ausstellungsraum. Walther sitzt in der Küche bei einem Snack, während das Publikum Fotos inspiziert, die Einrichtung, die Architektur, in die Küche lugt, ihn anspricht.
Herr Walther, wie kommt man auf die Idee, Fotografie zu sammeln? Die Welt ist voller Bilder – ist das nicht, als ob ich Sand sammeln würde? Falsche Frage. Man kommt nicht auf die Idee. Das Medium kommt zu dir, findet dich. Dabei ist Artur Walther durchaus kühler Stratege. Zielstrebigkeit, ein Sinn für Systematik, Analyse und fürs Geschäft, das charakterisiert einen guten Investmentbanker – nun auch den Sammler.
Der Vater Fernfahrer, der Sohn Schulversager
Walther wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Der Vater Fernfahrer, der Sohn Schulversager. Aber auf der Universität in Regensburg vergräbt er sich in die Bibliothek, er schließt das Studium der Wirtschaftswissenschaften mit Bestnote ab, erhält ein Stipendium, geht nach Harvard, bekommt einen Job an der Wallstreet, macht dort etwas Neues, das das Traditionshaus Goldman Sachs bislang noch nicht im Portfolio hat – den Derivate-Handel. Artur Walther wechselt schließlich als junger Mann zu dem Branchenriesen, macht an der Börse Karriere, arbeitet die Nächte durch und verdient so viel Geld, dass er schon im Alter von 45 Jahren finanziell ausgesorgt hat.
Das, sagt Walther, sei der Plan gewesen. Der Job Mittel zum Zweck. Das viele, hart aber schnell verdiente Geld bedeute ihm nicht Status, Macht oder Einfluss (höchstens ein bisschen), sondern Unabhängigkeit. Frei sein! Machen, was man wirklich will!
Walther fotografiert gerne. Er will das lernen. Beinahe manisch belegt er Kurse, insgesamt 16, versucht sich in Streetfotografie. Fotografiert den Mikrokosmos Metropolitan Street, den Wall-Street-Alltag in Schwarzweiß. Ähnlich wie die Arbeit als Börsenmakler, droht ihn nun auch die selbst gewählte Passion aufzufressen. Walther hört auf, wie man andere Süchte aufgibt, von einem Tag zum anderen und konsequent.
Ja, es gibt Fotos wie Sand am Meer. Aber noch Ende der Neunziger drehen Europa und die USA sich in Kunstfragen um sich selbst, reproduzieren die Kunst ihres Kulturraums. Der Rest der globalisierten Welt findet nach wie vor kaum statt oder nur als Ausnahme in landeskundlichen Sonderschauen.
Walther folgt seinem Gespür und einem bekannten Muster. Er ignoriert gängige Trends auf dem Kunstmarkt. Als Stratege interessiert er sich für die Nische. „Ich bin nicht interessiert am Who’s Who in der Kunst sondern an Künstlerinnen und Künstlern, die nicht von allen gesammelt werden und deren Arbeiten nicht weltweit in den Museen zu sehen sind“, sagt er. Und wie einst in der Unibibliothek vergräbt er sich in sein Thema, liest, was er finden kann.
Wer mal oben ist, fängt nicht mehr klein an
Wer mal oben ist, fängt nicht mehr klein an, welche Leidenschaft er auch pflegt. Walther kontaktiert das einflussreiche Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher, trifft in New York Bruce Davidson, ist Privatschüler des bedeutenden Fotochronisten Stephen Shore. Den großen Okwui Enwezor (1963-2019), zuletzt Leiter des Hauses der Kunst in München, begleitet er nach Afrika und kuratiert mit ihm die erste Schau der Walther-Collection. Christopher Phillips, Kurator am New Yorker ICP für asiatische Fotokunst, streift mit ihm in China durch die Bretterverschläge von Foto- und Video-Künstlern.
Ganz am Anfang seiner Arbeit als Sammler, sagt Artur Walther, sei es schon mal vorgekommen, dass er durch den Grand Palais in Paris geschlendert sei, unbewusst sein eigenes Material vor sich hatte und dachte: Welcher Irre hat denn das gesammelt? Das kann schon passieren, wenn ein Sammler sich ein ihm noch frisches Sammlergebiet erschließt und dabei nicht gezielt nach besonderen Einzelbildern sucht.
Tatsächlich interessiert ihn das einzelne Motiv nicht allzu sehr. Walther ist Typologien, Taxonomien, Stories auf der Spur. Ihn faszinieren die „objektiven Aspekte der Fotografie“, wie er sagt, und er schätze „Arbeiten mit seriellem Charakter“. Auch in den Bilderwelten aus Afrika und Asien entdeckt er Anklänge zu den objektiven Ansichten August Sanders und den Bechers.
„Buy low, sell high“, lautet eine simple Maxime aus der Geldwelt. Walther spekuliert und gewinnt: Als er 2015 seinen Showroom in Chelsea mit einer Einzelschau der südafrikanischen Fotografin Jo Ractliffe eröffnet, gelingt ihm eine kleine Sensation. Im kunstsatten New York hat es bis dahin weder solch einen Non-Profit-Showroom für Fotografie gegeben, noch eine Einzelschau von der Künstlerin aus Johannesburg. Publikum und Kritik sind begeistert von den Arbeiten.
Er gibt jetzt zwei Drittel seiner Sammlung ab
Wenn Walther etwas haben will, will er es auch verstehen und erarbeitet sich eine Expertise. „Es ist wie eine Liebschaft“, sagt er in einem Interview. Es brauche „eine wahnsinnig Liebe zu dem, was man macht, wahnsinnige Intensität und Fokussierung: Man ist besessen, sonst funktioniert das nicht.“
Walther hat sie alle überrascht. Jene, die den erfolgreichen Geschäftsmann skeptisch beäugten, als er vorgab, in Kunst (zumal in Fotos, die hundert Jahre unbeachtet geblieben waren) mehr zu sehen als eine Geldanlage. Walther hat sie letztlich überzeugt, weil er ein Sammler ist, der gerne teilt. Seine Vision, sagt er, sei es, visuelle Zusammenhänge in der Fotokunst zu vermitteln. Zusammenhänge, die so bisher nicht gezeigt wurden.
Mit 77 Jahren gibt er nun zwei Drittel seiner Sammlung ab. 6500 Bilder gehen im Sommer als Schenkung an das Metropolitan Museum of Art in New York. Es ist historische und zeitgenössische Fotokunst aus Afrika, China, Japan und Deutschland. Das „Met“ jubelt: „Mit ihrer phänomenalen Bandbreite an Fotografien und zeitbasierten Medien präsentiert die Sammlung Perspektiven von Künstlern aus aller Welt und positioniert die Kamera als mächtiges Werkzeug für Sozialkritik, Reflexion und Wandel.“ Die bemerkenswerte Schenkung werde „entscheidend dazu beitragen, dass wir eine nuanciertere und globalere Geschichte über moderne und zeitgenössische Kunst erzählen können“.
Noch ist es nicht ganz soweit. Bis 26. April ist noch eine Art „Best of“ der Walther Collection in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen. Titel: „Into the Unseen“.
Und was kommt dann, Mister Walther? Etwas Gartenarbeit und danach, wie Caspar David Friedrich, in die Ferne schauen? – Nein, nein. Drunten in NYC bist du schnell. Erst neulich, sagt Walther, habe er dort Gäste durch eine Schau über „African Spirit“ geführt. Auch die Arbeit geht nicht aus. Walther baut gerade eine Scheune zum Kunstlager um. In einem Depot in München lagern noch Bilder. „Ich werde überlegen: Was gebe ich noch ab und an wen?“
Offen ist auch, wie es mit dem Ulmer Ausstellungs-Kubus weitergeht. Artur Walther formuliert vorsichtig. Eine öffentliche Nutzung würde er sich wünschen. Der Kubus als städtische Museumsfiliale? „Ich will nichts überstürzen, das ist nicht notwendig.“
Die Bilder über dem Kamin hängen. Es sind die in der Branche berühmten Fotos von J. D. ’Okhai Ojeikere, der die Flechtkunst nigerianischer Frauenfrisuren dokumentiert. Internationale Kunst in den Catskill Mountains. Natur und Kunst, so stellt man sich das idealerweise vor, miteinander versöhnt. Das Amerika des Artur Walther reicht über eine triste Gegenwart hinaus und feiert im Hinterhof der USA Afrika und den Rest der Welt.