Ob das Urteil im "Sturmhauben-Prozess" am Donnerstag im Amtsgericht fällt? Zur Aufklärung wird erst noch ein weiterer Zeuge befragt. (Symbolfoto) Foto: © sebra/Fotolia.com

Einer lügt hier schamlos: Vor dem Amtsgericht Balingen steht derzeit ein 51-Jähriger Angeklagter, der am Morgen des 18. September 2020 gegen 2.40 Uhr einem 30-Jährigen vor dessen Transporter in der Weilstetter Straße in Roßwangen aufgelauert haben soll – mit schwarzer Sturmhaube, schwarzen Handschuhen und einem Messer. Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet versuchte Nötigung.

Balingen - Das 30-jährige mutmaßliche Opfer, das auch als Zeuge auftrat, beteuert, dem Angeklagten in besagter Nacht die Sturmhaube heruntergerissen und ihn deshalb erkannt zu haben. Er versucht sogar, das mit einem Foto zu belegen, auf dem aber außer einem Messer nicht viel zu erkennen ist.

Der vorbestrafte Angeklagte, der seit einigen Jahren in Mössingen in einem Haus für betreutes Wohnen lebt, beteuert hingegen seine Unschuld: "Ich habe kein Auto, es ist abgemeldet. Wie hätte ich von Mössingen nach Roßwangen kommen sollen?" Zudem habe er ein Alibi, seinen Zimmernachbarn: "Wir sind jede Nacht zusammen in meinem Zimmer, wir rauchen, wetten und spielen." Das sei auch in jener Nacht so gewesen. Zudem gehe er seit Beginn der Corona-Pandemie kaum vor die Tür. Den Zimmernachbarn habe er vor einigen Jahren im Gefängnis kennengelernt.

"Vor Schreck habe ich geschrien"

Als die Richterin das mutmaßliche Opfer in den Zeugenstand holt, blickt der Angeklagte mit verschränkten Armen und starrem Blick auf den Boden. Der Zeuge, ein Transportfahrer, schildert die Nacht so: "Ich stand auf, duschte, bereitete mich auf den Arbeitstag vor. Ging zum Transporter und bemerkte auf dem Weg zur Straße raschelnde Geräusche, so wie abknickende Zweige." Er habe zunächst ein Tier vermutet. Am Auto habe er dann wieder Geräusche gehört, und als er die Scheinwerfer einschaltete, habe er die Person mit Sturmhaube rechts vor der Motorhaube entdeckt: "Vor Schreck habe ich geschrien." Dann sei er zu der Person rüber, habe gefragt: "Hey, was machst du?" Dabei habe er auch gesehen, dass der Andere "etwas in der Hand hatte", wie sich später herausstellte, ein Messer.

Vom Transporter bis zur 100 Meter entfernten Bushaltestelle habe man auf der Straße gerangelt. Der Kontrahent habe gebrüllt: "Ich habe ein Messer, ich werde dich erstechen." Der zweite Versuch, dem Mann die Sturmhaube vom Kopf zu reißen, glückte.

"Warum haben Sie an der Sturmhaube gerissen, warum haben Sie sich nicht ins Auto gesetzt?", wollte die Verteidigung wissen. "Weil ich wissen wollte, wer das ist", sagte der Transportfahrer. Schließlich sei der Angreifer geflüchtet, der Transportfahrer verständigte seine Familie, die bei der Polizei anrief. Kurze Zeit später sei eine Streife gekommen. "Seither habe ich Probleme", sagte der Transportfahrer: "Ich gehe nur noch mit Taschenlampe aus dem Haus, und mit einem Stück Holz, weil ich Angst habe."

Was beide Männer übereinstimmend aussagen, sind die Umstände, unter denen sie sich kennengelernt haben: Der Angeklagte arbeitete hin und wieder für den Vater des Opfers, der einen Autohandel betrieb. Ihre Gespräche über die Jahre seien belanglos und kurz gewesen. Man habe einander gegrüßt, nicht viel mehr. Das letzte Mal seien sich beide begegnet, als der Vater des Transportfahrers an einem Hähnchenwagen die Werbung entfernte und der Angeklagte dabei geholfen hatte. "Das war an einem Sonntag", bestätigten beide Männer.

"Warum hat er mir aufgelauert?"

Die Richterin wollte vom Angeklagten wissen, weshalb sich der Zeuge eine solche Geschichte ausdenken sollte. Der Angeklagte hatte eine Vermutung, die mit dem Hähnchenwagen zusammenhing: "Ich habe ihm an dem Tag gesagt, dass er ein Faulenzer sei, ein Tunichtgut, weil er den ganzen Sonntag auf dem Sofa rumliegt, anstatt seinem Vater zu helfen. Stattdessen muss ich aus Mössingen kommen und helfen."

Der Transporterfahrer hingegen sagte, dass sich das Gespräch nur um Belangloses gedreht habe: "Einen Faulenzer hat er mich nicht genannt."

Eines aber möchte er so gerne wissen: "Warum hat er mir aufgelauert? Warum?"

Licht ins Dunkel soll der nächste Verhandlungstermin am Donnerstag, 6. Mai, 13.30 Uhr, bringen. Dann soll der Zimmernachbar des Angeklagten als Zeuge aussagen.

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