Die Straßen sind voll, die Zahl der Autos steigt – vor allem die der elektrischen Fahrzeuge. Doch wie partizipiert die deutsche Industrie an dieser Entwicklung? Foto: dpa/Rolex Dela Pena

Einheimische Autobauer haben eine E-Offensive mit einer ganzen Reihe neuer, rein elektrischer Modelle gestartet. Doch amtliche Zahlen zeigen, dass Importmarken ihnen den Rang ablaufen – selbst in Deutschland.

Während der weltweite Automarkt schwächelt, wächst die Zahl der verkauften E-Autos rasant. Mit vielen neuen Fahrzeugmodellen wollen deutsche Hersteller von dieser Nachfrage profitieren. „Für uns ist sehr klar, dass die Elektromobilität die Zukunft der Volkswagen-Gruppe ist“, erklärt VW-Chef Oliver Blume. „Elektromobilität passiert nicht irgendwann, sondern jetzt“, sagte Mercedes-Chef Ola Källenius bereits auf der IAA 2021.

 

Eines von 18 E-Autos ist ein Mercedes

Doch der Weg dorthin ist für die deutschen Hersteller viel beschwerlicher als für andere Autokonzerne. Denn durch die E-Mobilität verlieren die deutschen Hersteller bisher Marktanteile. Es gelingt den deutschen Herstellern bislang nicht, die Markterfolge, die sie bei den Verbrennerfahrzeugen erzielt haben, auch nur annähernd ins Zeitalter der Elektromobilität zu übertragen.

Selbst auf dem deutschen Heimatmarkt nehmen ihnen Importmarken wie Fiat, Hyundai und Tesla auf dem Weg in die E-Mobilität erhebliche Marktanteile ab. Das ergeben Zahlen des Kraftfahrtbundesamts. Während im vergangenen Jahr jedes elfte in Deutschland verkaufte Auto ein Mercedes war, ist es bei den reinen Elektrofahrzeugen nur jedes 18. Fahrzeug. Auch BMW und VW gelingt es nicht, den Marktanteil auf E-Fahrzeuge zu übertragen – auch wenn die Lage beim Volkswagen-Konzern deutlich besser aussieht, der nicht weit hinter E-Marktführer Tesla liegt.

Fiat zieht vorbei

Fiat dagegen verkauft in Deutschland nicht einmal ein Drittel so viele Autos wie Mercedes, wenn man alle Autos zusammenzählt. Doch beim Verkauf reiner E-Autos liegt die Marke noch vor den Stuttgartern. Auch Hyundai vergrößert durch seinen Erfolg mit E-Autos den Marktanteil deutlich von 4 auf 7 Prozent. Marktführer Tesla verkaufte in Deutschland über 40 Prozent mehr Autos als Mercedes und BMW zusammen.

Auch auf dem Weltmarkt sind die exportorientierten deutschen Hersteller mit ihren E-Modellen bisher weniger angekommen, als die Ankündigungen erwarten ließen. Nach Zahlen des Autoexperten Stefan Bratzel, Chef des Center of Automotive Management (CAM) verkaufte Tesla 1,3 Millionen Autos, während alle deutschen Hersteller zusammen auf 921 000 Fahrzeuge kamen. Wäre die gesamte deutsche Autoindustrie ein einziger E-Autohersteller, käme sie gleichauf mit dem chinesischen Hersteller BYD auf Platz zwei. Der absatzstärkste einzelne deutsche E-Hersteller ist dagegen Volkswagen auf Platz 4. BMW liegt auf Platz 7, Mercedes auf Platz 9 mit einem globalen E-Marktanteil von zwei Prozent. Tesla erreicht 20 Prozent. In China, dem wichtigsten Markt weltweit, ist nur eines von 300 verkauften reinen E-Autos ein Mercedes.

Dabei ist die E-Offensive der deutschen Hersteller längst aus dem Stadium der Ankündigungen hinausgewachsen. Den Worten folgen inzwischen reichlich Taten. Audi hat den Q8, den Q4 e-tron und den e-tron GT ins Rennen geschickt, Porsche, den Taycan, VW den ID 3, 4 und 5 sowie den ID-Buzz. BMW ist mit dem iX, dem i4, dem i7 und dem iX3 am Start; und Mercedes tritt gleich mit acht Modellen der Untermarke EQ an. Tesla dagegen dominiert den Weltmarkt vor allem mit seinen beiden Modellen 3 und Y.

Teslas schmerzhafte Nadelstiche

Der Druck auf die deutschen Hersteller könnte noch steigen angesichts der abrupt geänderten Preispolitik des Konkurrenten Tesla, der seit rund zwei Monaten die Preise geradezu abstürzen lässt.

Autoexperte Bratzel sieht in den Preissenkungen durch Tesla einen geschickten Schachzug. Da man eine sehr hohe Rendite erwirtschafte, könne man sich die Senkungen leisten und somit derzeit ein extrem gutes Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten, sagte er unserer Zeitung. Zudem verfolge das Unternehmen eine enorm effiziente Produktionsstrategie – von der Konstruktion der Fahrzeuge bis zu dem Umstand, dass zwei Modelle, die sich zudem eine Plattform teilen, ausreichen, um den Weltmarkt zu dominieren. Mit dieser Strategie könne man auf dem stark wachsenden Markt die Stückzahlen hochfahren und zugleich die hohen Kapazitäten auslasten. Dass Tesla wie auch chinesische Hersteller viel weniger von Lieferproblemen betroffen seien, vergrößere den Abstand noch.

„Mercedes fehlt ein wettbewerbsfähiges Modell“

Die Konkurrenz müsse entweder bei den Preisen nachziehen oder bessere Produkte anbieten. Mercedes fehle bisher aber ein wettbewerbsfähiges Modell in der Kompaktklasse, das entsprechende Stückzahlen bringe. Mit dem Versuch, Elektro- und Verbrennerautos auf einer nicht fürs E-Auto konzipierten Plattform aufzusetzen, habe man für die Elektromobilität „eher geübt“.

Die neue Plattform MMA, auf der ab 2025 die ersten Kompaktfahrzeuge gebaut werden sollen, biete allerdings die Chance, besser Fuß zu fassen. Bisher liege die Konkurrenz nicht uneinholbar vorn. „Aber viele Schüsse hat Mercedes nicht mehr frei.“

Mercedes will E-Marktanteile holen

Neue Modelle
„Mercedes-Benz arbeitet kontinuierlich daran, seine ambitionierten Ziele hinsichtlich der Transformation zur Elektromobilität zu erreichen“, erklärt das Unternehmen. Mit dem EQA und EQB im Entry-Segment (Kompaktfahrzeuge), dem EQC, dem EQE und dem neuen EQE SUV im Core-Segment (mittleres der drei Mercedes-Fahrzeugsegmente) sowie dem EQS und dem neuen EQS SUV im Top-End-Segment habe man eine breite Produktpalette, die weiteres Wachstum ermögliche.

Neue Märkte
Zur Situation in China erklärt Mercedes, die Stückzahlen im Preissegment oberhalb von 100 000 Euro seien generell noch gering. Es gebe hier aber großes Potenzial für vollelektrische Mercedes-Autos im obersten Segment, das man Schritt für Schritt weiterentwickeln wolle.