Die Straße ins Nagoldtal ist derzeit gesperrt, weil dort Amphibientunnel entstehen. Foto: Klormann

Weil bei Holzbronn Amphibientunnel gebaut werden, ist die Straße Richtung Nagoldtal rund zwei Monate dicht. Viel Aufwand für ein paar Kröten? Nur auf den ersten Blick. Denn die Zahl der Tiere schrumpft. Und die Maßnahme schützt auch Menschenleben, sagt Calws Umweltbeauftragter.

Calw-Holzbronn - Seit rund einer Woche ist zwischen der B 463 im Nagoldtal und Holzbronn kein Durchkommen mehr – zumindest nicht auf dem direkten Weg; wer trotzdem von hier nach dort will, muss weite Umwege (zum Beispiel über Kentheim, Calw und Stammheim) auf sich nehmen. Der Grund: Nahe Holzbronn gibt es einen ehemaligen Fischteich, der zu einem wichtigen Laichgewässer für Amphibien geworden ist. Für diese Tiere werden nun neun Tunnel unter der K 4302 hindurch gebaut.

 

Bei dem Vorhaben, das als Ausgleichsmaßnahme für das entstehende Gewerbegebiet Lindenrain fungiert, werden neben den Tunneln auf einem etwa 400 Meter langen Abschnitt auch Leitsteine gesetzt, die die Amphibien am Überqueren der Straße hindern sollen. Zudem wird der Fahrbahnbelag im Zuge der Maßnahme saniert, letzteres im Auftrag des Landratsamtes Calw. Die Arbeiten dauern voraussichtlich bis Mitte/Ende August. Bis dahin ist die Strecke voll gesperrt.

Für Laien klingt all das zunächst nach recht viel Aufwand für ein paar Frösche und Kröten. Wir haben Markus Mosdzien nach seiner Einschätzung gefragt. Er ist Umweltbeauftragter der Stadt Calw und seit rund 25 Jahren im Amphibienschutz aktiv.

Entwicklung der Population

Grundsätzlich, so weiß Mosdzien, werde bei der Entwicklung von Amphibien-Populationen bundesweit "ein Rückgang beobachtet – unter anderem wegen der Zerschneidung der Landschaft, des Rückgangs der Habitaträume (Hecken, Feldraine, etc.) und durch die intensive Bewirtschaftung im Umfeld".

Das mache sich auch in Holzbronn bemerkbar, wo seit Jahrzehnten ehrenamtliche Helfer im Einsatz sind, die die Tiere zu Zeiten der Wanderungen (die Amphibien wandern zu ihren Laichgewässern zurück) aufsammeln und auf der anderen Seite wieder aussetzen. "Bei der Hinwanderung waren es dieses Jahr knapp 2500 – vornehmlich Erdkröten, einige Grasfrösche und Molche", berichtet der Umweltbeauftragte. Das scheint viel zu sein – doch "in früheren Jahren waren es bis zu 5000 Tiere", sagt Mosdzien. Und im Stadtgebiet von Calw "sind stehende Gewässer eher Mangelware". Schon daher bestehe eine besondere Verantwortung der Stadt, schützende Maßnahmen umzusetzen. Im Holzbronner See sind vor allem Erdkröte, Grasfrosch, Springfrosch, Wasserfrösche und Bergmolche vertreten.

Von den entstehenden Tunnel erhofft sich der Umweltbeauftragte "eine nachhaltige Stabilisierung und vor allem die Erhaltung der Amphibienpopulation". Die Zäune, mit denen bislang gearbeitet wurde, um die Tiere aufzuhalten, einzusammeln und schließlich über die Straße zu tragen, würden nur bedingt funktionieren.

Probleme der Zäune

Einerseits könnten die Ehrenamtlichen nicht den ganzen Zeitraum der Wanderung kontrollieren. "Je nach Witterung gibt es Wanderphasen früh morgens oder spät in der Nacht. Hier sieht man dann am nächsten Tag die totgefahrenen Tiere. Obwohl die meisten dann bereits von den Krähen oder anderen Aasfressern geholt wurden", erklärt der Umweltbeauftragte. Andererseits könne die Gruppe der Frösche und Molche ohnehin "durch den Zaun kaum zurückgehalten werden".

Nicht zuletzt verändere sich aufgrund des Klimawandels das gesamte Wanderverhalten der Tiere, die sich mittlerweile teils zu anderen Zeiten auf dem Weg machten. Hier sieht Mosdzien einen klaren Vorteil der Tunnel: Diese sind nicht vom Einsatz ehrenamtlicher Helfer abhängig, sondern ermöglichen das ganze Jahr über eine gefahrlose Zu- oder Abwanderung.

Sicherheit für Menschen

Nicht zuletzt würden die Tunnel aber nicht nur Kröten und Co. schützen, sondern auch das Leben der Menschen sicherer machen. "An manchen Abenden kann es sein, dass sich bis zu 1000 Amphibien innerhalb von zwei Stunden über die Straße bewegen", führt der Umweltbeauftragte aus. "Ein Fahrzeug, das hier ins Bremsen kommt, würde unweigerlich in Schleudern geraten."

Und: "Da sich viele Verkehrsteilnehmer leider nicht an die zeitlich begrenzte Geschwindigkeitsbegrenzungen (während der Zeit der Amphibienwanderung, Anm. d. Red.) halten, kam es in der Vergangenheit öfters zu brenzlichen Situationen für die Helferteams vor Ort."

Mosdziens Fazit: "Die Tunnel dienen also in mehrfacher Sicht nicht nur der Sicherheit der Tiere, sondern auch des Menschen."