Im Notfall finden viele Halter keinen Arzt für ihr Haustier. Der Bundesverband praktizierender Tierärzte macht das Arbeitszeitgesetz verantwortlich. Doch eine versprochene Änderung lässt auf sich warten.
Etwa 35 Millionen Haustiere leben in Deutschland. Doch wenn sie akut und schwer erkranken, haben ihre Halter ein echtes Problem. So meint der Veterinär Dirk Remien von der Tierklinik Lüneburg: „Wir stehen in Deutschland kurz vor dem Notdienst-Kollaps“. Die Ampelkoalition stellt zwar eine gesetzliche Änderung in Aussicht, die nach Einschätzung von Tierärzten die Lage verbessern könnte. Allerdings ist offen, ob und wann es dazu kommt.
Mit seiner Einschätzung steht Remien keineswegs allein da. „Rechnen Sie im akuten Notfall mit langen Wartezeiten“, schreibt die Tierklinik Stuttgart-Plieningen auf ihrer Internetseite. Wer die Seite der Tierklinik in Hofheim am Taunus besucht, stößt sofort auf einen Hinweis, in dem es heißt: „Im Notdienst können wir nur akut und lebensbedrohlich erkrankte Patienten (…) annehmen.“ Dabei ist die Klinik in Hofheim riesig. Dort arbeiten 60 Spezialisten und fast 30 Assistenz-Tierärzte sowie 18 tiermedizinische Fachangestellte.
Frage von Leben und Tod
Findet jemand keinen Notdienst in der Nähe, steht das Leben seines Tiers auf dem Spiel. „Bei einer Magendrehung beim Hund muss die Hilfe schnell kommen. Sonst war’s das – so traurig das klingt“, meint Heiko Färber vom Bundesverband praktizierender Tierärzte (BPT). Besonders schwierig sei die Lage bei kranken Pferden. Wenn ein Pferd eine Kolik erleide, müsse der Tierarzt rasch in den Stall kommen und das Pferd erstversorgen, damit es überhaupt auf dem Hänger in eine Klinik gebracht werden könne.
„Viele niedergelassene Tierärzte und Tierkliniken haben ihren 24-Stunden-Notdienst eingestellt, sodass der Zulauf in den wenigen verbliebenen Kliniken stark zugenommen hat“, betont die Tierklinik Stuttgart: „In der Folge wird die Versorgung akuter Notfälle auf nur wenige Schultern verteilt, und die Arbeitsbelastung in den verbliebenen notdienstbereiten Einrichtungen ist immens.“
Früher, so Färber, seien die meisten Tierärzte als Selbstständige in ihrer eigenen Praxis tätig gewesen. Heute arbeiteten viele als angestellte Tierärzte. Und für die Angestellten gilt anders als für Freiberufler das Arbeitszeitgesetz, das eine tägliche Höchstarbeitszeit sowie Pausen vorschreibt. Versorge jemand nachts um drei Uhr ein Tier, dürfe er erst wieder am nächsten Tag um 14 Uhr arbeiten. Die Folge: Für die reguläre Arbeit in der Praxis falle er oder sie dann aus. „Um den Not- und Nachtdienst sicherzustellen, braucht es einen Drei-Schicht-Betrieb. Aber dafür fehlen die Leute“, sagt Färber.
Der BPT fordert deshalb, dass das Gesetz geändert wird und den Praxen mehr Flexibilität möglich wird. Es gehe darum, so Färber, dass der Praxisinhaber seine angestellten Ärzte und Fachangestellten effizient einsetzen könne. So sei schon viel gewonnen, wenn es keine tägliche Höchstarbeitszeit, sondern eine wöchentliche gebe und mehr Flexibilität bei den Ruhezeiten möglich werde. Das sehe das EU-Recht durchaus vor.
Staatsziel versus Arbeitszeitgesetz
Die Praxen stehen in einem Dilemma. Sie müssen mit dem Notdienst den Tierschutz sichern, der als Staatsziel im Grundgesetz Verfassungsrang hat – dürfen aber nicht gegen das Gesetz verstoßen. Sonst drohen satte Bußgelder von der Gewerbeaufsicht.
Zwar hat sich die Ampelkoalition vorgenommen, unter bestimmten Bedingungen „eine begrenzte Möglichkeit zur Abweichung von den derzeit bestehenden Regelungen des Arbeitszeitgesetzes hinsichtlich der Tageshöchstarbeitszeit zu schaffen.“ Bisher gibt es dazu aber keinen konkreten Vorschlag. Die FDP-Fraktion lässt eine Anfrage nach ihrer Position in dieser Frage unbeantwortet. Und Zoe Mayer, die tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, ist skeptisch. „Ich sehe mit großer Sorge, dass die tierärztliche Notversorgung nicht flächendeckend gewährleistet ist“, betont sie. Doch leide die Veterinärmedizin unter Fachkräftemangel. Es sei fraglich, ob eine Novelle des Arbeitszeitgesetzes die strukturellen Probleme der Branche lösen würde.