Die Redakteure und Reporter der Oberbadischen berichteten damals ausführlich und hintergründig über die verstörende Bluttat Foto: Gabriele Hauger

Ein Tag, den Lörrach nie vergessen wird: Eine Frau läuft Amok, Menschen sterben. Unsere Autorin erinnert sich daran, was damals geschah.

Vielen Lörrachern hat sich der 19. September 2010 unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt. Viele wissen noch genau, was sie an diesem Sonntag taten, als sie erst eine Explosion, dann Sirenengeheul und bald die ersten Meldungen im Radio hörten. Auch der Autorin dieser Zeilen, die tags darauf als Reporterin vor Ort war und mit Betroffenen sprach, erging es so.

 

Sie sitzt gerade mit Freunden im Auto auf der Rückfahrt von einem Wanderwochenende. Es ist ein schöner Sonntagabend, die Stimmung im Fahrzeug ausgelassen, das Radio läuft: „Ein Amoklauf hat sich in Lörrach ereignet“, sagt der Nachrichtensprecher. Ungläubigkeit.

Amok in Lörrach, keine 50 000 Einwohner, irgendwie doch heile Welt? Das kann nicht sein. Erst in den folgenden Stunden und Tagen wird sich die Tragweite des Amoklaufs nach und nach erschließen.

Ganz Deutschland blickt auf Lörrach

Die Stadt stand seit den RAF-Zeiten in den 70er-Jahren wohl nie mehr so im Fokus des ganzen Landes, sogar der internationalen Presse, wie an diesem tragischen 19. September: Aus den zunächst wirren und widersprüchlichen Kleinstinformationen formt sich nach und nach ein schreckliches Bild, zu dessen Klarheit die lokalen Journalisten mit ihren Recherchen vor Ort Wesentliches beitragen.

Die 41-jährige Rechtsanwältin Sabine R. schlägt am Sonntag in ihrer Wohnung in der Markus-Pflüger-Straße ihren fünfjährigen Sohn bewusstlos, zieht ihm eine Plastiktüte über den Kopf und erstickt ihn. Als der von ihr getrennt lebende Vater des Kindes den bei ihm in Häg-Ehrsberg lebenden Sohn nach dem Wochenende bei der Mutter abholen will, erschießt sie ihren Ex-Partner.

15 Jahre später: Ruhig liegt die Gegend um den Ort des Geschehens da. Foto: Gabriele Hauger

Anschließend verteilt die Frau Benzin und Brandbeschleuniger in der Wohnung und entzündet dies. Es kommt zur Explosion, Fensterscheiben bersten, beißender Rauch liegt über dem Viertel. Menschen rennen panisch aus dem Haus, irren auf der Straße umher. Bewohner müssen von der herbeieilenden Feuerwehr aus ihren Wohnungen gerettet werden. Keiner versteht zunächst die Dimension dieses Unglücks. Ein Unglück, das noch lange nicht endet.

57-jähriger Familienvater wird getötet

Sirenengeheul liegt über der Stadt, als die 41-Jährige das Krankenhaus erreicht. Hier arbeitet ein 57-jähriger Familienvater als Pfleger in der Gynäkologie. Die Frau hat zielstrebig die Abteilung aufgesucht. Sie sticht ihm mehrfach in den Rücken, schießt auf ihn. Er stirbt. Wahrscheinlich hat er sich der Täterin in den Weg gestellt und so Schlimmeres verhindert, vermutet die Polizei später.

Dramatisch Szenen beim Wohnhaus der Täterin, in dem sie ihre Wohnung in Brand setzte. Foto: Kristoff Meller

Polizisten stürmen das Krankenhaus. Auf die Aufforderung, ihre Waffe niederzulegen, reagiert die Frau nicht. Sie wird erschossen.

Es hätte noch schlimmer kommen können

Die Täterin war legal im Besitz der Tatwaffe, einer Sportpistole der Marke Walther, Typ GSP. Sie besaß dafür die erforderliche Waffenbesitzkarte und war früher als Sportschützin in einem Verein aktiv. 300 Schuss Munition hatte Sabine R. bei sich. Wäre sie nicht rechtzeitig gestoppt worden, hätte es also auch noch mehr Opfer geben können. Doch auch so war die Betroffenheit in der Stadt groß, das Entsetzen auch darüber, dass eine Frau, eine Mutter, zu einer solchen Tat fähig war.

Die Frage nach dem Warum bleibt bis heute

Der Medienrummel war gewaltig – Bild-Zeitung, Tagesschau, Radio, alles vertreten. Die „Sozialen Medien“ indes spielten vor 15 Jahren noch keine mit heute vergleichbare Rolle.

Was neben dem Entsetzen und der Trauer um die Opfer blieb und bis heute unbeantwortet ist, ist die Frage nach dem Warum. Als Gründe für die Tat mag es Erklärungsansätze geben: die Trennung vom Ehemann, der Sohn, der beim Vater in Häg-Ehrsberg blieb, die wenig erfolgreiche berufliche Karriere als Anwältin, eine Fehlgeburt. Wie all das aber zu solch einer Amoktat führen konnte, verstört auch 15 Jahre später.

300 Kräfte waren damals im Einsatz. Sie haben auch aufgrund vorheriger Amoktaten und den daraus gezogenen Lehren – siehe den Amoklauf im schwäbischen Winnenden im März 2009 – zügig und mutig eingegriffen. Ihnen ist es zu verdanken, dass in Lörrach 2010 nicht noch mehr Menschen sterben mussten.