Die Tochter unserer Autorin erlebt einen Amokalarm, hat Todesangst. Am Ende entpuppt sich das Ganze als Fehlalarm. Seelische Spuren kann das Erlebte bei Kindern dennoch hinterlassen.
Zu Hause weinen meine Tochter und ich zusammen und halten uns ganz fest. Sie erzählt von ihrer Angst. Todesangst habe sie gehabt, sagt sie immer wieder, noch nie hätte sie solche Angst gehabt. „Ich dachte, da kommt gleich einer rein und schießt.“ Es ist ein Montagabend Ende November. Den Nachmittag hat meine Tochter in einem abgeriegelten Klassenzimmer verbracht. An zwei Gymnasien in Biberach an der Riß war ein Amokalarm ausgelöst worden, die befinden sich zu Fuß wenige Minuten entfernt von der Schule meiner zehnjährigen Tochter, der größten Realschule Baden-Württembergs. Dorthin flüchteten viele Schüler, viele verbrachten gut zwei Stunden in abgeschlossenen Klassenzimmern, während die Polizei die Gebäude durchsuchte.
Meine Tochter berichtet von Kindern und Jugendlichen aus den Gymnasien, die weinend an ihr vorbeigerannt seien, als sie noch auf dem Trampolin auf dem Pausenhof sprang. Sie erzählt, dass die große Eingangshalle der Schule voller aufgeregter, weinender Kinder gewesen sei. Sie erzählt von Durchsagen, in denen die Kinder immer wieder gebeten wurden, in den Klassenzimmern zu bleiben und nicht in Panik zu geraten. Sie erzählt von wunderbar zugewandten Lehrerinnen und welchen, die schroff forderten, sie sollten sich zusammenreißen. Manche Kinder weinten zwei Stunden lang. Gemeinsam überlegten sie, wie dick die Türe des Klassenzimmers ist. Ob man da wohl durchschießen könnte? Dass alles nur ein Fehlalarm war, wussten sie da noch nicht.
Mehrere Fälle im November
Nimmt ein Amoklauf in einer Schule ein tragisches Ende, sind Anteilnahme und Interesse groß. In den letzten Jahren allerdings häufen sich die Fehlalarme, oft ausgelöst durch Drohungen. Nach einer kurzen Aufregung bleiben sie mediale Randnotizen. Für die Betroffenen ist es aber mehr als das. Für sie ist die Bedrohung erstmal real. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich nicht mehr sicher in ihren Bildungsstätten, Eltern sorgen sich um ihre Kinder.
Zahlen über die Häufigkeit von Amokalarme in ganz Deutschland liegen nicht vor. Viele Bundesländer erfassen sie gar nicht, bundesweit gibt es deshalb keine Gesamt-Statistik. Doch immer wieder tauchen entsprechende Meldungen auf. Schon eine kurze Suche im Internet zeigt gleich mehrere Fälle alleine im November. So gab es Fehlalarme in einem Gymnasium in Berlin-Reinickendorf, in Potsdam, Mühlacker, Gaggenau, Mainz, Neustadt und Kirchheim/Teck. Geht man weiter zurück, stehen Ulm-Wiblingen, Hagen, Braunschweig, Hannover und diverse weitere Städte auf der Liste in diesem Jahr. Erst vor wenigen Tagen wurde eine Gruppe von mutmaßlichen Tätern wegen Hunderter falscher Bombendrohungen festgenommen, die auch gegen Schulen gingen.
Wenn die Ängste plötzlich erschreckend real werden
Doch wie fühlen sich die Schülerinnen und Schüler in solch einer Situation, wie geht es den Eltern, und wie reagieren die Menschen in den sozialen Medien? Was ich mir bisher eher theoretisch vorgestellt hatte, war plötzlich erschreckend real.
Beim ersten Anruf meiner Tochter dachte ich noch, es handele sich um ein Versehen. Sie besitzt erst seit dem Wechsel an die weiterführende Schule im September ein Smartphone. Zu hören ist nur ein Gewirr aus Stimmen, sehr laut, fast schon schrill, wie ein hysterisches Grundrauschen. Nach ein paar Sekunden lege ich auf, rufe sie sicherheitshalber zurück.
Um 13.33 Uhr kommt der Anruf
Um 13.33 Uhr sagt mein Kind dann einen Satz ins Telefon, den ich körperlich fühlen kann, der wie ein kleiner Stromschlag in meinen Bauch fährt: „Mama, am PG und WG ist Amokalarm ausgelöst worden. Hier ist alles durcheinander. Kannst du mich schnell abholen?“ PG und WG stehen für die Gymnasien Pestalozzi und Wieland in Biberach.
Das Wort Amokalarm löst sofort etwas in mir aus. Man rechnet nicht damit, diesen Begriff in Zusammenhang mit dem eigenen Kind zu hören. Im Juni noch standen wir im Pfingsturlaub vor dem Dom in Wien, wo der Opfer des Schulmassakers in Graz gedacht wurde. Damals waren neun Schüler und eine Lehrerin erschossen worden. Dort vor dem Dom hatte ich ihnen mit Tränen in den Augen erklärt, was ein Amoklauf ist.
Und nun ist das Thema da, ganz nah. Ich fahre sofort los. Wir wohnen in einem kleinen Teilort von Biberach, wenn es gut läuft, bin ich in 13 Minuten an der Schule. Auf halbem Weg klingelt mein Smartphone wieder. „Mama, bitte komm nicht. Es sind viele Schüler von den Gymnasien zu uns geflüchtet. Wir müssen hoch in ein Klassenzimmer, das wird abgeschlossen. Wir dürfen dann nicht mehr runter.“ Erst klingt sie gefasst, zum Schluss zittert ihre Stimme. Sie verspricht mir noch, anzurufen, sobald sie weg darf, ich fahre wieder zurück nach Hause.
Unterstützung und Falschmeldungen
Es folgen zwei bange Stunden. Im Homeoffice schreibe ich über Online-Shopping, währenddessen weiß ich nicht, wie es meiner Tochter geht. Ich hab keine Angst um ihr Leben, ich kann mir nicht im Ansatz vorstellen, dass wirklich ein Amokläufer dort unterwegs ist. Diesen Gedanken lasse ich nicht zu. Aber ich mache mir Sorgen, wie es ihr geht, dort in diesem abgeschlossenen Klassenzimmer. Ich kann nur erahnen, wie es mir in einer solchen Situation gehen würde. Und ich bin erwachsen.
Währenddessen zeigt das Internet seine vielen Gesichter. Mehrere andere Mütter fragen mich, ob meine Tochter in Sicherheit ist, fühlen mit mir, befinden sich in einer ähnlichen Situation. Der Austausch tut gut. Von anderen Seiten allerdings kommen widersprüchliche „Informationen“ bei mir an, in einer Sprachnachricht ist von einer Messerstecherei die Rede, in einer anderen von Schusswaffen.
Alles geht durcheinander
Von der Polizei kommt die erste Meldung über den ausgelösten Alarm und umfangreiche Suchmaßnahmen. Später heißt es, nach einer Meldung über eine bewaffnete Person seien starke Polizeikräfte angerückt und durchsuchten die Gebäude. Laut Innenministerium richtet die Polizei ihren Kräfteansatz an der jeweiligen Lage aus. „Sollte es Anzeichen für eine erhebliche Gefahr der öffentlichen Sicherheit und Ordnung oder eine unüberschaubare Dynamik geben, so kann ein verstärkter Kräfteansatz erforderlich werden.“
Auch in der WhatsApp-Gruppe der Klasse herrscht Aufregung, wie ich später sehe. Eine Freundin schreibt, dass sie in ein naheliegendes Geschäft geflüchtet ist. „Ich dachte, ich sei gleich tot, mein ganzes Leben ist an mir vorbeigezogen.“ Viele Kinder sind nicht direkt vor Ort, es trifft nur die, die mittags noch Unterricht haben oder in der Nachmittagsbetreuung sind. Das ist ein Glück, sonst wären noch viel mehr Kinder unterwegs. Die anderen sitzen zu Hause, schicken Selfies mit betroffenen Gesichtern. Unterstützung, Informationen, Hysterie und Gerüchte, es geht alles durcheinander.
Informationsflut als zusätzliche Belastung
Wie schätzen die Behörden die Auswirkungen der sozialen Medien ein? „Die ungeprüfte Verbreitung von nicht verifizierten Informationen im privaten Umfeld kann zu unnötiger Verunsicherung führen“, erklärt eine Pressesprecherin des baden-württembergischen Innenministeriums auf Anfrage. Und nicht nur das. Sie könnte zusätzlich die Arbeit der Behörden erschweren oder sogar eigenständige Gefahrensituationen herbeiführen. Grundsätzlich werde daher empfohlen, sich nur über seriöse Quellen im Internet und in sozialen Medien wie beispielsweise offizielle Polizei- oder Behördenkanäle zu informieren und dortigen Anweisungen und Empfehlungen zu folgen.
Auch aus psychologischer Sicht ist der Einfluss von unkontrollierten Nachrichten nicht zu unterschätzen. Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Stephan Osten aus Berlin nennt die „kaum kontrollierbare Informationsflut“ eine „zusätzliche Belastung“ für Kinder und Jugendliche, aber auch für Eltern und Lehrer. „Ungeprüfte oder widersprüchliche Inhalte können Unsicherheitsgefühle, Angst und Ohnmacht massiv verstärken und die psychische Verarbeitung des Erlebten erheblich erschweren“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Was helfe, sei die Kinder in diesem Ansturm zu begleiten oder auch den Medienkonsum zu begrenzen.
Erlösung um 15.29 Uhr
Begleiten kann ich gerade gar nichts. Meiner Tochter schicke ich Herzchen und aufmunternde Worte per WhatsApp. So fühlt es sich wenigstens so an, als könnte ich sie unterstützen. Die Häkchen darunter werden aber einfach nicht blau, sie hat ihr Handy ausgeschaltet.
Die Erlösung kommt um 15.29 Uhr. „Es ist alles gut“, schreibt sie. Und bittet mich, sie und zwei andere Kinder aus dem Dorf abzuholen. Vor der Schule wirkt alles ruhig, inzwischen gab es Entwarnung von der Polizei. Nur ein Polizeiwagen steht noch davor. Die Kinder sind aufgeregt, als sie ins Auto kommen. Der große Bruder einer Klassenkameradin erzählt, dass er weiß, was passiert ist: Einem Lehrer sei ins Bein geschossen worden, mindestens. Ein Augenzeuge habe ihm das berichtet. Ich kläre ihn auf, dass es keine Verletzten gab. Er will mir die ganze Autofahrt nicht glauben.
Kann im Anschluss zu Verhaltensänderungen kommen
„Auch wenn sich Amokalarme glücklicherweise häufig als Fehlalarme herausstellen, werden sie im Moment des Erlebens als akut lebensbedrohlich wahrgenommen“, sagt Therapeut Osten. Sie stellten damit potenziell traumatische Situationen dar, insbesondere weil der Schutzraum Schule plötzlich als unsicher erlebt wird. Der vertraute Schulalltag werde plötzlich und dramatisch unterbrochen, Kinder und Jugendliche erlebten eine starke Fremdbestimmung.
„In Verbindung mit der Ungewissheit über Ausmaß und Verlauf der Situation kann dies zu einem massiven Kontrollverlusterleben führen“, schildert der Kinderpsychologe. Es handele sich um einen individuellen und mitunter kollektiven Ausnahmezustand, der eine Hochstresssituation darstelle, in der gewohnte Bewältigungsstrategien nicht mehr greifen. Folgen könnten Verhaltensänderungen sein, manche Kinder klammerten vor allem in den Tagen danach sehr, wiederholten sich im Spiel, fertigten Zeichnungen an.
Schnell in den Alltag zurückkehren
Es gelte, in dieser Situation Sicherheit herzustellen und offen und altersangemessen über das Geschehen zu sprechen. Außerdem helfe, rasch zu verlässlichen Alltagsroutinen zurückzukehren. „Bei anhaltenden oder ausgeprägten Belastungsreaktionen könnte eine psychologische Begleitung einzelner Betroffener, ganzer Klassen oder auch der Schule erforderlich sein.“ Das wird am nächsten Tag per Nachricht von der Schule angeboten.
An diesem Abend versuche ich, mit einem spontanen Wohlfühlprogramm mit Fernsehen und Pfannkuchen gegenzusteuern. Meine Tochter fängt wieder und wieder an zu erzählen. Abends kursiert dann der Begriff „technischer Defekt“. Anscheinend war in gewisser Weise erst die Technik durchgedreht und dann die Kinder – und das Internet.
Falschmeldung verselbstständigt sich
Auf Nachfrage erklärt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Ulm, dass der Alarm nach den bislang vorliegenden Ermittlungsergebnissen tatsächlich durch einen technischen Defekt ausgelöst worden sei. Wie es dazu kam, ist noch unklar. In der Folge habe „eine Schülerin mit der Durchsage eine bewaffnete Person assoziiert“. Diese Falschmeldung habe sich dann verselbstständigt.
Meine Tochter kann es kaum fassen, dass sie „umsonst“ so viel Angst gehabt hat. Aber die Erkenntnis, dass nie eine wirkliche Gefahr bestanden hat, hilft auch. Ich kann es an mir selbst spüren.
Hängen manche Drohungen mit Russland zusammen?
Stichprobenartig frage ich bei den Innenministern von Baden-Württemberg und Brandenburg nach, welche Ursachen es noch für Fehlalarme geben kann. Laut der Stuttgarter Sprecherin sind die Ursachen vielfältig – neben technischen Defekte können die Alarme auch durch Fehlbedienungen der Alarmierungseinrichtungen ausgelöst werden. „Außerdem gibt es auch Fälle, die auf ein bewusst böswilliges Verhalten von Schülerinnen und Schülern und auch Dritten schließen lassen“, erklärt die Sprecherin. In der Antwort aus Potsdam ist von „unbekannten Personen, technischen Defekten und Bauarbeiten“ die Rede. Anders als der Südwesten zählt Potsdam mittlerweile die Zahl der Alarme an Schulen. In diesem Schuljahr wurde bisher ein Fall erfasst, im Jahr zuvor waren es vier.
Manche Experten bringen die Drohungen auch mit Russland in Verbindung, auch Recherchen von „Die Zeit“ aus dem Frühjahr legen diesen Schluss zumindest nahe. „Zu konkreten Zusammenhängen von Drohungen an Schulen in Baden-Württemberg mit staatlich gelenkten russischen Akteuren liegen den Sicherheitsbehörden keinerlei keine Erkenntnisse vor“, erklärt das Stuttgarter Innenministerium dazu, führt aber auch aus, dass das Phänomen der hybriden Kriegsführung insbesondere im Zuge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine eine neue Dimension bekommen habe. „Zu den eingesetzten Instrumenten gehören beispielsweise Spionage und Cyberangriffe auf staatliche Stellen und Unternehmen, Sabotage von kritischen Infrastrukturen, Desinformation sowie Einflussnahme.“
Meine Tochter jedenfalls will am Abend nicht alleine in ihrem Zimmer schlafen. Ihr Herz pocht unter meiner Hand wie wild, als die Angst wiederkommt. Das erste Mal seit ein paar Jahren schläft sie wieder mit im Elternschlafzimmer. Ich selbst schlafe in dieser Nacht kaum, es ist, als sollte ich Wache halten. Auch die Sorge, dass sie am nächsten Morgen nicht in die Schule gehen will, hält mich wach. Aber sie geht. Sie schluckt einmal kurz und steigt in das Auto ein, das sie an diesem Tag ausnahmsweise abholt. Später wird sie dann erzählen, dass sie beim Pausengong erschrocken ist, weil der auch vor jeder Durchsage der Polizei erklang. Ein paar Tage danach ist auch das vorbei. Glaube ich. Hoffe ich.
Notfallpläne für die Schulen
Für den Bereich der Krisenintervention
haben Kultus- und Innenministerium in Baden-Württemberg eine gemeinsame Verwaltungsvorschrift über das Verhalten an Schulen bei Notfällen und Krisenereignissen erlassen, die beispielsweise die Erstellung von Krisen- und Rettungsplänen auf Basis eines Rahmenkrisenplans in enger Absprache mit der Polizei und der Feuerwehr vorsieht und lagespezifische Verhaltenshinweise gibt.
In Brandenburg
nennt sich das „Notfallpläne für die Schulen im Land Brandenburg“. Dabei ist laut Sprecherin des Innenministeriums vorgeschrieben, dass zunächst immer von einer Ernsthaftigkeit ausgegangen werden sollte. Diese prüfe die Polizei, welche sofort informiert werden müsse. Im Mittelpunkt der Maßnahmen stehe die Eigensicherung der Lehrkräfte, die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler und weiterer Beschäftigter.