In der Pflege zu arbeiten bedeutet, sich täglich für andere einzusetzen. Was das im Alltag heißt, zeigt der ambulante Dienst in Bad Dürrheim. Wir haben zwei Pflegekräfte begleitet.
6.15 Uhr in Bad Dürrheim. Der Morgen dämmert, erste Autos rollen über die noch ruhigen Straßen. Beim ambulanten Pflegedienst „Betreuung und Pflege zuhause Curanum Bad Dürrheim“ herrscht derweil bereits reges Treiben. Es ist Dienstbeginn. In der Beratungsstelle in der Friedrichstraße bereiten sich die Pflegekräfte auf die anstehenden Touren zu den Klienten vor.
Der ambulante Pflegedienst gehört zur Korian Deutschland GmbH und versorgt die Bewohner des betreuten Wohnens auf der Hirschhalde in Bad Dürrheim sowie externe Klienten in Bad Dürrheim, Villingen-Schwenningen, Donaueschingen sowie den dazugehörigen Teilorten.
Aktuell zählt das Team 30 Mitarbeitende, darunter drei Auszubildende. Insgesamt betreut der Pflegedienst rund 130 Klienten – überwiegend Senioren. Doch auch jüngere Menschen benötigen hin und wieder Unterstützung: Beispielsweise ein 32-Jähriger, der nach einem Schlaganfall auf Hilfe angewiesen war, oder eine Zweijährige mit Diabetes Typ 1. Hilfe bekommen die Klienten beispielsweise beim Haushalt, bei Einkäufen, bei der Körperhygiene, dem Ankleiden oder der täglichen Medikamenteneinnahme.
Katalin Strauß sieht auf einem Tablet die geplante Tour für den heutigen Tag ein. Inzwischen läuft bei dem Pflegedienst eigentlich alles digital ab. Über das Tablet kann sie die Leistungen einsehen, die bei den einzelnen Klienten anstehen. Routiniert sammelt sie die bereits vorbereiteten Medikamente, Einweghandschuhe, das benötigte Material sowie die Zweitschlüssel für die Wohnungen der zu betreuenden Personen zusammen.
Von Berührungsängsten fehlt jede Spur
Katalin Strauß kommt aus Ungarn. Seit rund zehn Jahren arbeitet sie in diesem Beruf und hat in verschiedenen Einrichtungen Erfahrungen gesammelt. Auch beim ambulanten Pflegedienst in Bad Dürrheim war sie vor einigen Jahren schon mal tätig und kehrte vor rund einem Jahr als stellvertretende Pflegedienstleitung zurück. Seitdem fährt sie nur noch selten Touren, denn ihre neue Rolle bringt viele neue Aufgaben mit: Praxisanleitung der Nachwuchskräfte, Führungsaufgaben, Medikamente richten, mit Ärzten sprechen oder Verwaltungstätigkeiten. Heute ist sie gemeinsam mit Suzana Kovacevic unterwegs. Die junge Frau ist Auszubildende im dritten Lehrjahr und steht kurz vor ihren Abschlussprüfungen.
Es ist halb sieben, als die beiden Frauen vor dem Wohnhaus des ersten Klienten halten. Im Tablet sieht Suzana Kovacevic ein, was ansteht: Medikamentenvergabe. Dass es oft anders kommt als geplant, wird einige Minuten später deutlich. Der knapp 60-jährige Klient hat es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette geschafft – nun heißt es, das Bett frisch zu beziehen und dem Mann saubere Kleidung anzuziehen.
Von Berührungsängsten fehlt dabei jede Spur. Gerade neue Klienten empfänden es anfangs oft als unangenehm, wenn sie intime Aufgaben wie die Körperpflege nicht mehr selbstständig bewältigen können, erzählt Suzana Kovacevic. „Die Beziehung zu den Klienten ist wichtig“, sagt Katalin Strauß. Vertrauen sei dabei Grundlage guter Pflege. Und genau dieses Vertrauen wächst mit der Zeit. Zu beobachten, wie sich die Menschen nach und nach öffnen, sei ein schöner Prozess, ergänzt ihre junge Kollegin.
Beruf in der Pflege als Berufung
Für die beiden Frauen geht es weiter. Als Katalin Strauß und Suzana Kovacevic um kurz vor sieben bei der nächsten Klientin auf der Matte stehen, liegt die ältere Dame noch im Bett und schläft. Behutsam wecken sie sie auf – heute steht das Anziehen der Kompressionsstrümpfe auf dem Programm. Ein bisschen Zeit für Smalltalk bleibt dabei auch. „Und, was gibt es Neues? Wie geht es der Tochter?“, fragt Suzana Kovacevic. Und sie verspricht: Nach ihrem Abschluss werde sie künftig häufiger im Dienst vorbeikommen.
Suzana Kovacevic hat bereits mit 14 Jahren erste Erfahrungen in der Pflege gesammelt. Eigentlich hatte sie zunächst einen anderen Weg im Blick: Nach ihrem Schulabschluss absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten, mit dem Ziel, in die Kinderbetreuung zu gehen. Doch ihre Pläne änderten sich. Ein weiteres FSJ im Schwarzwald-Baar-Klinikum ließ sie umdenken. Sie stellte fest: Sie will in der Pflege arbeiten. „Das Medizinische ist einfach mein Ding“, sagt sie.
Beim ambulanten Pflegedienst ist sie inzwischen seit fünf Jahren, startete hier zunächst als Pflegehelfer, bis sie sich entschloss, die dreijährige Ausbildung zur Pflegefachfrau anzuhängen.
Der Job ist für die junge Frau eine Berufung. „Man muss das wirklich wollen“, sagt sie. Doch für sie steht außer Frage, warum sie diesen Weg gewählt hat: „Es sind die kleinen Momente, die den Job schön machen“, sagt sie. Sie schätzt die große Dankbarkeit, die ihr von den Klienten entgegengebracht wird. Gleichzeitig könne sie von älteren Menschen durch ihre große Lebenserfahrung viel lernen. „Es ist ein dankbarer Beruf. Man bekommt viel zurück“, weiß sie. Auch die Vielfalt der Aufgaben und die Möglichkeit, eigenständig zu arbeiten, empfindet sie als große Bereicherung.
Klienten zeigen sich dankbar
Dankbar zeigt sich auch ein älteres Ehepaar im Betreuten Wohnen auf der Hirschhalde. Hier gehen die Pflegekräfte des ambulanten Diensts von morgens bis abends ein und aus. Das Ehepaar strahlt, als die beiden Frauen zur Tür hereinkommen. „Wie geht es Ihnen?“, erkundigt sich Suzana Kovacevic nach dem Wohlbefinden der Klienten. Aufgrund von Wassereinlagerungen in den Beinen müssen dem Mann die Beine mit Kompressionsbinden gewickelt werden. Gleichzeitig bemerken die beiden Pflegekräfte ein großes Hämatom an seinem rechten Bein – offenbar die Folge eines Sturzes. Sie versprechen, einen Arzt darüber zu informieren. Auch die Ehefrau wird versorgt: Sie bekommt frische Kompressionsstrümpfe, die ihr von der Auszubildenden angezogen werden.
Mit dem Älterwerden, dem Krankwerden und dem Tod sind die Pflegekräfte tagtäglich konfrontiert. „Das geht einem schon noch nah“, sagt Katalin Strauß. Schließlich baue man teils über viele Jahre hinweg eine Beziehung zu den Klienten auf. Trotzdem sagt sie: „Man muss einen gesunden Abstand wahren.“
Sterbebegleitung ist dabei unweigerlich ein fester Bestandteil des Berufs. „Es hat auch was Schönes, wenn man Menschen ermöglichen kann, zuhause zu sterben“, sagt Katalin Strauß. Viele Klienten wünschen sich, ihren letzten Lebensabschnitt zuhause verbringen zu können und nicht etwa im Krankenhaus oder Pflegeheim. Der ambulante Dienst sorgt dafür, dass sie dabei bestens versorgt sind.
Trotz all der emotional belastenden und körperlich fordernden Aspekte ihres Berufs ist es Katalin Strauß wichtig zu betonen: „Es ist nicht alles traurig. Es gibt auch sehr viele schöne und lustige Momente.“ Und genau diese Momente machen ihre Arbeit so wertvoll.
Ambulanter Dienst sieht sich gut aufgestellt
Nach der Tour kehren die Pflegekräfte wieder zurück in die Friedrichstraße. In der Regel sind sie bis halb zehn, manchmal auch bis halb elf unterwegs – dann beginnt die zweite Hälfte des Arbeitstags, diesmal im Büro. Dort wartet eine andere Art von Arbeit: Medikamente für den Abend oder den nächsten Tag müssen gerichtet, Besonderheiten aus den Besuchen dokumentiert werden. „Es ist wichtig, alles ganz genau zu dokumentieren“, sagt Suzana Kovacevic. So weiß auch der nächste Kollege, worauf er achten muss.
Dass der Pflegebedarf in der Gesellschaft stetig wächst, ist auch beim Bad Dürrheimer Pflegedienst deutlich spürbar. Fachkräfte könne man nie genug haben, sagt Katalin Strauß, für den ambulanten Pflegedienst gelte jedoch: „Wir sind gut aufgestellt.“ Vor allem der starke Zusammenhalt im Team trage dazu bei, dass die tägliche Arbeit trotz aller Herausforderungen gut bewältigt werden kann.
Immer häufiger finden auch Quereinsteiger ihren Weg in die Pflege. Auch Katalin Strauß hat zuvor in einer anderen Branche gearbeitet. „Es gibt Menschen, die erst spät merken, was sie wirklich machen wollen“, sagt sie. Für sie steht heute fest: Die Entscheidung für die Pflege war genau richtig. Sie macht auch anderen Mut und sagt: „Es lohnt sich.“