Regisseur Christopher Schier spricht im Interview über die österreichische Friedhofsserie „Drunter und Drüber“ und das besondere Verhältnis der Wiener zum Tod.
In der Tragikomödie „Drunter und Drüber“ spielen Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek zwei sehr unterschiedliche Menschen, die zusammenfinden müssen, um einen Wiener Friedhof vor der Schließung zu retten. Wir haben den Regisseur Christopher Schier, der mit den beiden auch schon in der Thrillerserie „Der Passe zusammengearbeitet hat, in Wien zum Interview getroffen.
Herr Schier, von Georg Kreislers „Der Tod, das muss ein Wiener sein“ über „Es lebe der Zentralfriedhof“ von Wolfgang Ambros bis zu Ihrer Friedhofsserie „Drunter und Drüber“: Die Wiener scheinen ein besonders Verhältnis zum Tod zu haben, oder?
Ja, ich glaube, das geht auf den lieben Augustin zurück. Als im 17. Jahrhundert in Wien die Pest grassierte, soll diese Bänkelsänger-Legende nach einem Heurigen-Besuch sturzbetrunken in eine Pestgrube voller Leichen gefallen sein. Man hat ihn am nächsten Tag wieder rausgeholt, und er hat überlebt. Wenn man sich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, entdeckt man lauter Wiener Geschichten, die mit dem Tod zu tun haben.
Fühlt es sich trotzdem seltsam an, auf einem Friedhof zu drehen?
Wenn man auf einem Friedhof dreht, geht es auch darum, so pietätvoll wie möglich vorzugehen. Du kannst nicht den normalen Betrieb stören. Allerdings gleichen Friedhöfe in Österreich oft großen Parkanlagen – gerade im Sommer, wenn es warm ist: Menschen gehen da spazieren oder ruhen sich aus. Der Wiener Zentralfriedhof ist bekannt dafür, dass Menschen dort auch joggen gehen und ihre Freizeit verbringen.
Für Dreharbeiten auf dem Zentralfriedhof eine Genehmigung zu bekommen, wäre aber wahrscheinlich nicht so einfach gewesen wie auf dem Hernalser Friedhof.
Ich habe mir diesen Friedhof vor allem deshalb ausgesucht, weil er auf einem Hügel liegt. Wenn man von dem Hügel auf die Stadt herunterschaut, ermöglicht das sehr schöne Kameraperspektiven. Der Zentralfriedhof ist, soweit ich weiß, der zweitgrößte Friedhof in Europa, aber sehr flach. Das ist eine unfassbar große Fläche, die schwer zu fotografieren ist. Da siehst du dann am Ende nur Bäume.
Würden Sie sagen, dass es „Drunter und Drüber“ vor allem um Menschen geht, für die der Friedhof einfach ein Arbeitsplatz ist.
Ja, das ist eine tragikomische Arbeitsplatz-Serie. Man schaut Menschen zu, die kämpfen und versuchen, etwas zu erreichen, aber scheitern. Wir erzählen auch nichts über deren Leben abseits der Arbeit. Es gibt nur die Welt des Friedhofs. Sie alle sind gestrandet in dieser Welt. Und erst am Ende, wenn sie sich zusammentun, merken sie, dass sie eigentlich wie eine Familie sind und dass alles lösbar ist, wenn sie es gemeinsam in Angriff nehmen.
Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek, mit denen Sie schon in „Der Pass“ zusammengearbeitet haben, sind jetzt Ursula Fink und Heli Wondratschek, zwei Menschen, die sich darum streiten, wer der Boss auf dem Friedhof ist. Wer von den beiden ist der bessere Chef?
Auch hier funktioniert es nur gemeinsam, also, wenn sich beide ergänzen. Heli Wondratschek liebt Paragrafen, will alles nach Vorschrift machen. Er hätte sich nie vorgedrängelt, wenn es um den Posten des Friedhofschefs geht, glaubt aber, dass ihm jetzt der Job zusteht. Was ihm allerdings fehlt, ist das Verständnis für alles Menschliche. Ursula Fink dagegen begegnet zwar allen mit einem offenen Herzen, hat aber null Ahnung vom Friedhof, weil sie vorher für Kindergärten und Hundespielplätze zuständig war. Die Kombination aus den beiden ergibt eine perfekte Führungskraft.
Sollte jemand, der wie Sie bei Filmen und Serien Regie führt, auch in der Lage sein, ein Friedhofsteam zu leiten?
Ich würde mir niemals anmaßen zu sagen, dass ich so etwas könnte. Auch wenn es beim Regieführen hilft, wenn man eine gewisse Führungsqualität hat. Die Arbeit auf dem Friedhof ist, was ich so gelernt habe, wirklich ein Knochenjob. Auch die alltägliche Begegnung mit dem Tod ist etwas ganz Eigenes.
Mein Verdacht ist jedoch, dass der Job des Friedhofchefs und der des Regisseurs gemeinsam haben, dass man nicht nur gut, sondern auch effizient sein muss.
Oha (lacht). Die Kunst ist nicht nur effizient, sondern auch gut zu sein. Wer gut ist, ist auch effizient.
Und wenn man so effizient und gut arbeitet wie Sie, kann man sich sogar leisten, einen eigenen Schlager namens „C’est la vie“ für die Serie komponieren zu lassen …
Ja, ich saß mit diesen großartigen Musikern zusammen und habe denen gesagt, ich hätte gerne einen Schlager zum Thema Tod. Und die haben dann ganz schnell diese großartige Nummer geschrieben. Ich glaube, die hat wirklich Hitpotenzial.
Eine andere wunderbar abstruse Idee in „Drunter und Drüber“ ist, dass sie auch erzählen, wie es im Jenseits mit den Toten weitergeht, die auf dem Friedhof beerdigt werden. Die sitzen nämlich erst mal in einem Wartesaal und schauen sich ein Daily Soap namens „Die Drüber“ an. Wie sind Sie darauf gekommen?
Ich dachte, ich muss nicht nur das Drüber, sondern auch das Drunter bespielen und fand den Wartesaal als Allegorie ganz passend: Wenn du nicht weißt, dass du tot bist, dann kommst du erst einmal in einen Raum, in dem du mit irgendetwas dauerberieselt wirst, das dich ablenkt. Und wenn jemand darauf kommt, dass er tot ist, verschwindet er und kann quasi eine Stufe weitergehen.
Tommy, der ehemalige Friedhofschef, der zu Beginn der ersten Episode von einer Engelsstatue erschlagen wird, sitzt dort auch noch in der letzten Episode und sagt trotzig: „Ich will wissen, wie es weitergeht!“ Wird es weitergehen?
Ich glaube, man muss eine Serienstaffel immer so enden lassen, dass möglichst viele Türen offenbleiben und dass trotzdem die Geschichte irgendwie zu Ende erzählt ist. Möglichkeiten und Ideen, wie es weitergehen könnte, gibt es auf alle Fälle. Ob es weiter geht, entscheidet jedoch Prime Video. Und das hängt natürlich davon ab, ob die Serie bei den Leuten gut ankommt und ob viele sich unsere Serie anschauen. Ich glaube, dass das Potenzial da wäre. Am Ende entscheidet aber das Publikum.
Christopher Schier und die Serie „Drunter und Drüber“
Person
Christopher Schier (54) ist ein österreichischer Regisseur. Er hat mehrfach den Wiener „Tatort“ inszeniert, war für die Mini-Serie „Die Ibiza Affäre“ verantwortlich und der Showrunner in der dritten Staffel der Thrillerserie „Der Pass“, bei der wie bei „Drunter und Drüber“ Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek die Hauptrollen spielten.
Serie
Die achtteilige österreichische Serie „Drunter und Drüber“ ist bei Prime Video verfügbar.