In Schwanau werden am Sonntag sechs Stolpersteine verlegt. Foto: Gabbert

In Nonnenweier und Allmannsweier werden am Sonntag insgesamt sechs Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Menschen, die dort lebten, vom NS-Regime jedoch vertrieben wurden. Nur zwei der sechs Verfolgten überlebten die NS-Zeit.

Nachdem der Schwanauer Gemeinderat vor zwei Jahren den Entschluss gefasst hatte, in den Teilgemeinden Stolpersteine zu verlegen, hatte Dagmar Frank, die Ortsvorsteherin von Nonnenweier, eine Stolpersteininitiative gebildet, der mittlerweile elf Mitglieder angehören. Nach intensiven Recherchen der Schicksalswege von ehemaligen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde von Nonnenweier wurden dann am 18. März 2023 die ersten neun Erinnerungssteine verlegt. In vielen weiteren Sitzungen konnten die Biografien von fünf weiteren jüdischen Opfern sowie die Lebensgeschichte eines Euthanasieopfers aus Allmannweier erarbeitet werden. Um an deren Schicksal zu erinnern, werden am morgigen Sonntag sechs weitere Steinen hinzukommen. Ein Überblick.

 
Julie und Markus Wertheimer Foto: privat

Ehepaar Wertheimer, Schmidtenstraße 18: Die ersten Steine sind für Markus und Julie Wertheimer, die in der Schmidtenstraße 18 eine Mehl- und Getreidehandlung betrieben hatten. Der damals 27-jährige Markus hatte im Jahr 1906 die 22-jährige Julie Bloch aus Eichstetten geheiratet. Ein Jahr später wurde Erna und 1910 Rosa, die zweite Tochter, geboren. Erna und Rosa wuchsen unbeschwert in Nonnenweier auf. Als sie heirateten, wählten sie jedoch Männer von außerhalb. Erna heiratete den Kaufmann Julius Baer aus Butzbach in Hessen und Rosa zog es in die Schweiz, wo sie den Händler Arthur Neuhaus ehelichte. Als Markus und Julie im Jahr 1936 ihre Tochter Erna im elsässischen Molsheim, wo ihr Mann ein Geschäft eröffnet hatte, besuchen wollten, wurden sie bei der Grenzkontrolle am Rhein in gröbster Weise schikaniert. Aus Angst, dass Markus bei der Rückkehr festgenommen werden könnte, beschlossen sie, nicht mehr nach Nonnenweier zurückzukehren. Mit Hilfe von Rosa konnten sie das Inventar nach Molsheim holen, das Geschäft und das Anwesen waren aber für die Familie verloren. Das war für Markus alles zu viel, so dass er bereits am 1. Mai 1939 in Molsheim mit 60 Jahren starb. Zu Kriegsbeginn wurde Schwiegersohn Julius zunächst als „feindlicher Ausländer“ interniert und diente dann bei der englischen Armee als „Versorger“. Tochter Erna flüchtete kurz vor der deutschen Invasion in Frankreich mit ihrer Mutter und den beiden Söhnen nach Südfrankreich. Wie durch ein Wunder stieß Julius wieder zu seiner Familie. Zwei Jahre lebten sie in Verstecken. Mit Fluchthelfern gelang es ihnen, am 9. Oktober 1942 in die Schweiz zu entkommen. Nach Kriegsende kehrten sie alle nach Molsheim zurück, wo Julius sein Geschäft wieder erhielt. Julie (1963) und ihre Tochter Erna (1980) starben in Molsheim, Schwiegersohn Julius 1981 bei einem Urlaub in Baden-Baden.

Jette Rosenberger überlebte den Zweiten Weltkrieg. Foto: privat

Jette Rosenberger, Schmidtenstraße 14: Nur einige Häuser weiter wohnte Jette Rosenberger. Als ledige Tochter von Heinrich und Rosa Rosenbeger war sie als einziges Kind dieser Ehe in Nonnenweier geblieben. Am 22. Oktober 1940 wurde sie zusammen mit den 18 anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Nonnenweier in das Internierungslager Gurs in die Pyrenäen verschleppt. Dorthin waren auch die Familien ihrer Schwester Johanna aus Breisach und ihres Bruders Lazarus aus Freiburg gekommen. Wegen ihres Alters von 71 Jahren hatte sie wie auch ihr Bruder Lazarus (68) das Glück, durch die Hilfe von Rettungsorganisationen in einem südfranzösischen Altersheim unterzukommen. Dort hatte man sie wohl vergessen, als 1942 alle übrigen badischen Opfer nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurden. Jette Rosenberger war die Einzige der jüdischen Gemeinde Nonnenweier, die nach dem Krieg zurückgekehrt war. So war sie dann auch die Letzte, die nach ihrem Tod am 24. Mai 1950 auf dem jüdischen Friedhof Nonnenweier bestattet wurde. Als es im Ortschaftsrat um Straßennamen für das Neubaugebiet Ziegelgarten ging, fand der Vorschlag, eine Straße nach Jette Rosenberger zu benennen, volle Zustimmung. Somit wird dieser Name in Nonnenweier zukünftig deutlich sichtbar auf einem Straßenschild sein.

Samuel und Leonie Lehmann Foto: privat

Ehepaar Lehmann, Schmidtenstraße 10: Zwei weitere Steine werden für Samuel und Leonie Lehmann in der Schmidtenstraße 10 verlegt. Sie lebten seit 1919 gemeinsam in Nonnenweier und betrieben im Hinterhof ihres Anwesens ein Kolonialwarengeschäft. Im Rahmen der Reichspogromnacht wurden jüdische Geschäft demoliert sowie elf jüdische Männer für einige Wochen im KZ Dachau inhaftiert. Samuel blieb, vermutlich weil er schwer krank war, verschont. An dieser Krankheit ist er kurz darauf am 13. April 1939 gestorben. Zu Beginn des Krieges wurde eine rote Zone zur Grenze nach Frankreich eingerichtet, aus der die Bewohner evakuiert wurden. Leonie kam am 4. Dezember 1939 nach Stuttgart und später nach Flehingen. Am 22. Juli 1940 kehre sie wieder nach Nonnenweier zurück. Am Morgen des 22. Oktobers 1940 wurde Leonie wie Jette Rosenberger zuhause abgeholt, sie durfte innerhalb von zwei Stunden maximal 50 Kilogramm Gepäck zusammenraffen und höchstens 100 Reichsmark mitnehmen. Die Deportierten langten nach vier Tagen und Nächten in Gurs an. Ein Barackenlager mit 428 Holzhütten und mit einer Aufnahmekapazität von 18 500 Personen. Fast zwei Jahre war Leonie diesen furchtbaren Strapazen ausgesetzt und gehörte dann zu den ersten Internierten, die am 6. August 1942 aus Gurs nach Paris-Drancy verlegt und von dort vier Tage später mit Transport Nummer 17 nach Auschwitz/Birkenau deportiert wurden. Am Tag ihrer Ankunft, dem 12. August 1942, wurde sie in der Gaskammer ermordet. Sie war 55 Jahre alt.

Hilda Binder Foto: privat

Hilda Binder, Kürzeller Straße 20: Der letzte Stolperstein wird in der Kürzeller Straße 20 in Allmannsweier für das Euthanasieopfer Hilda Binder verlegt. Hilda wurde am 15. August 1927 als viertes Kind der Eheleute Daniel und Maria Binder in Allmannsweier geboren. Im Alter von wenigen Wochen erkrankt Hilda an einer Hirnhautentzündung. Die Krankheit hinterließ bleibende psychische Schäden und so lebte sie fortan mit einer geistigen Behinderung. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr blieb Hilda bei ihrer Familie, doch dann wurde sie in die Badische Taubstummenanstalt in Gengenbach gebracht, die ihr Onkel Georg Binder als Direktor leitete. Daraufhin wurde sie am 22. November 1939 in der „Erziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache Kinder“ im Schwarzacher Hof bei Aglasterhausen in Nordbaden aufgenommen. Mitte September 1940 wurden im Rahmen der sogenannten „T4-Aktion“ 167 Bewohner der Anstalt in die Tötungsanstalt Grafeneck geschafft und dort ermordet. Hilda hatte das Glück, dass sie erst in der Anstalt ankam, als die Meldebögen für die zu tötenden Menschen schon abgeschickt waren. So blieb sie im Schwarzacher Hof. Am 10. Juli 1944 wurde die Pflegeanstalt für die Kranken der nahen Rüstungsfirmen requiriert, die Kinder sollten in andere Anstalten verlegt werden. Obwohl der Direktor ihre Familie warnte, wurde Hilda nicht abgeholt. Hilda kam am 28. Juli 1944 in die hessische Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Eltville. Innerhalb eines Monats wurden dort 19 Kinder von dem Personal getötet. Hilda Binder starb am 14. August 1944, einen Tag vor ihrem 17. Geburtstag.

Info – Die Verlegung der Steine

Beginn der Verlegung ist um 10 Uhr in der Schmidtenstraße 10 in Nonnenweier durch Bürgermeister Marco Gutmann und Ortsvorsteherin Dagmar Frenk. Der letzte Stein wird um 11.30 Uhr in Allmannsweier verlegt.