Zwei niederländische Studenten kommen 1943 als Zwangsarbeiter ans Calwer Krankenhaus. Bald werden sie von der Belegschaft respektiert – und retten Leben.
Die beiden Weltkriege waren natürlich auch für das Calwer Krankenhaus eine gewaltige Zäsur. Das trifft vor allem auf die Zeit der NS-Diktatur zu. Da braucht es viel Mut, um Zivilcourage und Widerstand zu zeigen. Die Geschichte um die beiden niederländischen Medizinstudenten Jan Trimbos und Jan Pinckaers, die 1943 als Zwangsarbeiter ans Calwer Krankenhaus kamen, ist dafür ein Beispiel.
Der Mangel an Medizinern, von denen viele eingezogen waren, brachte es mit sich, dass die beiden jungen Holländer schon bald ärztliche Aufgaben wahrnahmen, die sie eigentlich gar nicht hätten ausführen dürfen. Nicht ganz wahrheitsgemäß hatten sie sich zudem als Ärzte im Praktikum ausgegeben.
Nach und nach machten sie Fortschritte. Nicht nur auf medizinischem Gebiet, sondern auch bei ihren Sprachkenntnissen, das bis hin zum Schwäbischen ging. Zunehmend wurden sie von der Belegschaft akzeptiert.
Vorgetäuschte Krankheiten sollen Leben bewahren
Als sich Trimbos von einem Taxifahrer provozieren ließ, sich darauf hin kritisch über die Deportation der Juden in seiner Heimat äußerte, wurde er angezeigt und ins Gefängnis geworfen. Chefarzt Hans Rieckert hat sich umgehend für ihn eingesetzt, Trimbos kam unter Auflagen frei.
Danach erkrankte der angehende junge Mediziner schwer an einer Herzentzündung. Nachdem Trimbos nach Monaten einigermaßen genesen war, fand er zusammen mit Pinckaers und dem ebenfalls am Calwer Krankenhaus tätigen luxemburgischen Arzt Olivier Gaasch Kontakt zur Widerstandsbewegung. Die Gruppe versuchte, Jugendliche davor zu bewahren, noch kurz vor Kriegsende eingezogen zu werden. Sie verabreichten den jungen Männern Spritzen, um Krankheiten vorzutäuschen. Das fand meist im Haus des Calwer Malers Kurt Weinhold statt, der die Gruppe unterstützte und mit dem Trimbos befreundet war.
Schon ab Mitte der 1930er-Jahre zeigte das menschenverachtende Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses Auswirkungen auf das Krankenhaus Calw. Das führte zu Zwangssterilisationen von geistig und körperlich behinderten Männern und Frauen. Vorgenommen wurden die Eingriffe von den Chefärzten Oskar Autenrieth (bis 1937) und seinem Nachfolger Rieckert.
Mit der deutschen Kapitulation und dem damit verbundenen Ende des Zweiten Weltkriegs rückten 1945 französische Soldaten in Calw ein. Darunter befanden sich viele Kolonialsoldaten nordafrikanischer Herkunft. Es kam zu unzähligen Vergewaltigungen von Frauen jeden Alters. Erst Jahrzehnte nach dem Krieg hat sich die Wissenschaft ausführlicher damit beschäftigt, dass Deutsche unter der Besatzung gelitten hatten, sei es durch Flucht, Vertreibung, durch die Bombardierung von Städten und die massenhafte Vergewaltigung von Frauen.
Zufluchtsort für vergewaltigte Frauen
Chefarzt Rieckert schritt auch hier ein. Er machte das Calwer Krankenhaus zum Zufluchtsort von rund 600 Frauen, die dort Schutz und Hilfe suchten. Bei bereits Vergewaltigten nahm Rieckert Ausschabungen vor und traf Vorsorge gegen Geschlechtskrankheiten. Im gesamten Kreis Calw wird die Zahl der während der Besatzungszeit geschändeten Frauen auf rund 1900 geschätzt, darunter Greisinnen und Kinder.
Auch der Erste Weltkrieg hatte gravierende Auswirkungen auf das gerade erst eröffnete neue Bezirkskrankenhaus gehabt. Schon mit Kriegsbeginn im August 1914 war die Klinik als Rotkreuzlazarett genutzt und mehr als 100 Soldaten waren versorgt worden. Bis 1916 wurden rund 600 Erkrankte und Verwundete behandelt.