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Althengstett Wanderung mit Tiefgang – und Radio-Show

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Ein bisschen geschafft sehen die Mädchen aus. Auch ein bisschen gezeichnet: Verbände zeugen von wund gelaufenen Füßen. Aber der tollen Stimmung im Garten der alten Neuhengstetter Schule, dem Haus der Lebenshilfe Calw im Ort, tut das keinen ­Abbruch.

Althengstett-Neuhengstett/Calw. Munter werden noch einmal Mikrofone und Notizblöcke gezückt – es gilt noch, eine abschließende Radio-Reportage einzusprechen. Dann den aktuellen Wetterbericht für die Region entlang des Hugenotten- und Waldenserpfads, von dem sie am Samstag die Etappe von Merklingen nach Neuhengstett mitgelaufen sind. Professionell machen die Mädels das. Ein Ferienspaß. Mit Tiefgang. Und körperlicher Bewegung.

"Ich fand’s cool, mal was Anstrengenderes zu machen als gewöhnlich", erzählt die elfjährige Julia, warum sie bei "Radio läuft", einer Aktion des Vereins "Hugenotten- und Waldenserpfad", mitmacht. Wenn auch nur auf der vorletzten, rund zehn Kilometer langen Etappe. Insgesamt absolvierten die Teilnehmer der Aktion in 17 Tagen rund 175 Kilometer – vom hessischen Schönau über den Enzkreis bis nach Calw – von dem insgesamt etwa 1800 Kilometer langen Gesamtweg des Pfads.

Kein Platz für Fremdenhass

Die ganze Strecke von Hessen ins Gäu abgelaufen sind Roland Siegwald (41) und Ana Berkenhoff (37) – zwei Theaterwissenschaftler aus Gießen, die aus der Wanderung mit immer wieder wechselnden Begleit-Gruppen ein Radio-Happening gemacht haben. Also eine Art Reportage zum Hören. Auch ein Hörspiel soll später daraus entstehen. Und ein Film. Beides wird dann im September auf dem Waldensertag in der Gemeinde Wiernsheim-Pinache (Enzkreis) Premiere feiern werden.

Ein Lehrstück. Auch eine Spurensuche, was noch von den Hugenotten, den Waldensern entlang deren einstiger Flucht- und Migrations-Route übrig und sichtbar ist. Und das ist nicht wenig.

Das wird einen Tag später deutlich – in einem anderen Garten: dem des Calwer Jugendhauses. Der Endstation der Radio-Wanderung. Von den Neuhengstetter Mädels ist nur noch Carina (neun Jahre) dabei. Aber das macht nichts. So hat sie das Mikrofon für sich. Und kann Calws Oberbürgermeister Ralf Eggert ganz alleine interviewen. Und er sie.

Beide plaudern erst mal übers Wetter: Während der Wanderung war es okay, sagt Carina. In Calw gab es schon ein paar heftige Gewitterschauer, sagt der OB. Und die beiden Theatermacher Siegwald und Berkenhoff erzählen von den übrigen, eindrucksvollen Begegnungen entlang des Hugenotten- und Waldenserpfades. Von knorrigen alten Handwerkern. Leckeren Waldenser-Rezepten. Von Fremde und neuer Heimat. Von dem Ortsvorsteher, der weiß, wie der Boden seiner neuen Heimat "schmeckt" – und dieser Geschmack so ganz anders ist als jener dort, wo die Hugenotten und Waldenser einst herkamen.

Ein Spiel wird gespielt: der Garten im Jugendhaus Calw wird zur Europa-Karte. Jeder stellt sich auf, wo die eigene Mutter einst herkam. Dann die Urgroßmutter. Fast jeder hier hat eine Fluchtvergangenheit in der Familie. Auch der OB: seine Eltern flüchteten noch kurz vor dem Mauerbau aus der DDR. Carina ist halb Neuhengstetterin (mit Waldenser-Wurzeln), halb Polin. Siegwalds Ur-Oma kam aus Luzern. "Nach ein, zwei Generationen spielt es keine Rolle mehr, wo jemand herkam. Dann ist man angekommen in der neuen Heimat." Siegwald sagt, dass man das irgendwann wohl auch einmal von den Syrern, und den Afghanen sagen wird, die im Moment nach Deutschland kommen. Und hier eine Chance auf neues Leben, auf neues Glück erhalten. Wie einst die Waldenser.

Zurück nach Neuhengstett. In den Garten der alten (Waldenser-)Schule. Nathalie (10) erzählt von ihrer Oma, die manchmal noch von den alten Geschichten berichtet. Von der alten Zeit, der Not. Und mit wem sie alles im Ort und Umkreis verwandt ist. Mit Ben zum Beispiel. "Welchem Ben?", fragt Lena (12), die morgen ihren 13. Geburtstag feiern wird, was auf einen heiteren Abendverlauf hindeutet. "Na, dein Bruder", antwortet Nathalie. "Dann bist du ja auch mit mir verwandt!?", schlussfolgert Lena. Eine irgendwie symbolträchtige Feststellung: Sind wir alle doch irgendwie mit einander vernetzt, verwoben. Kein Platz für Fremdenhass.

Und das genau ist die Mission von "Mobile Albania", wie die Theatertruppe von Siegwald und Berkenhoff heißt, die hier für den Verein "Hugenotten- und Waldenserpfad" unterwegs ist. Vor neun Jahren waren sie in Albanien; an der Peripherie der Europäischen Union. Und geschockt. Wie unbeschwert sie selbst mit ihren EU-Pässen alle Grenzen überwinden konnten. Und wie begrenzt, eingeschränkt, zur Bewegungsunfähigkeit verdammt die Albanier selbst waren – die einen solchen Pass nicht hatten. Zur Not verdammt. Seitdem ziehen Siegwald und Berkenhoff in wechselnden Besetzungen entlang der großen europäischen Wander- und Migrations-Routen. Als "Mobile Albania". Sie machen mit ihren Aktionen auf die Bedeutung und den Wert aufmerksam, den Bewegung – Migration – für die Gesellschaften entlang dieser Wege haben.

Eine zentrale Erkenntnis – auch auf dieser Wanderung auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser: Flucht beginnt immer mit Ausgrenzung, Ablehnung dort, wo die Flüchtenden ankommen. "Aber irgendwann leben alle in Harmonie zusammen." Woraus die finale Frage resultiert: "Wie kann man die Ausgrenzung (möglichst schnell) überwinden?" Um schneller zur Harmonie zu kommen?

Ihre Redaktion vor Ort Calw

Ralf Klormann

Fax: 07051 20077

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