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Althengstett GHV im Kontakt mit Projektpartnern in Libanon

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Zahlreiche Gebäude sind nach der verheerenden Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut zerstört oder schwer beschädigt. Foto: dpa/Georgia Pfleiderer

Althengstett/Chekka/Beirut - In Beirut mischen sich nach der verheerenden Explosion Wut, Trauer und Verzweiflung. "Wir fühlen alle mit", sagt Roland Leyhr aus Althengstett, der wie Bürgermeister Clemens Götz und weitere Mitglieder des Gewerbe- und Handelsvereins (GHV) Kontakt zu den Projektpartnern in der libanesischen Stadt Chekka hält.

Unvorstellbar dramatische Szenen müssen sich am Dienstag in Beirut abgespielt haben, als eine heftige Detonation große Teile des Hafens zerstört und ganze Straßenzüge im Zentrum in Trümmer und Scherben gelegt hat. Das lassen die Whatsapp-Nachrichten erahnen, die ­Leyhr und Götz erreichten. "Hallo, Roland, mir und meiner Familie geht es gut, aber ich habe einige Freunde verloren", schrieb Tony Antoun, einer der beiden Sprecher der libanesischen Delegation, die bereits wiederholt im Gäu zu Gast war, an Leyhr.

Stuhl zerfetzt es in sechs Teile

Toni el Beik, der zweite Sprecher, teilte Götz mit, seine Frau, die in einer Klinik in Beirut tätig sei, habe ihren Arbeitsplatz 20 Minuten vor der Detonation verlassen. Sieben Krankenschwestern seien durch die Explosion ums Leben gekommen, das Gebäude innen komplett zerstört. "Ihren Stuhl fand sie, als sie zurückkehrte, in sechs Teile zerfetzt vor", sagt Götz nach der Kontaktaufnahme in den Libanon im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Der Frau gehe es soweit gut.

"Jeder ist in irgendeiner Art von dem Unglück betroffen", betont Leyhr. Weil Angehörige oder Freunde sowie Bekannte ums Leben gekommen seien sowie Hunderte Häuser zerstört wurden, viele kein Dach mehr über dem Kopf haben und nicht einmal wissen, wo sie die nächste Mahlzeit her bekommen sollen. "Die brauchen jetzt Hilfe von überall her."

GHV-Mitglied: "Wir haben uns gefragt, wie wir helfen können"

Zum Teil unbändige Wut macht sich unterdessen unter der libanesischen Bevölkerung breit. Schon länger hat sie kein Vertrauen mehr in Behörden und Regierung. Die Menschen leiden unter hohen Lebensmittelpreisen. Korruption und Misswirtschaft haben laut Experten zur schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten in dem Land geführt. Und auch in der jetzigen Situation fühlen sich die Libanesen von ihrer Regierung im Stich gelassen, erwarten keine Hilfe und kümmern sich an vielen Stellen der Hauptstadt selbst um Aufräumarbeiten. Jeder versucht jedem zu helfen, packt an, wo Hilfe benötigt wird. Gelebte Solidarität ist den Menschen in dieser Situation wichtiger als jemals zuvor.

"Wir haben uns gefragt, wie wir helfen können", berichtet das GHV-Mitglied ­Leyhr. Am ehesten ist das seiner Meinung nach möglich, in dem man Geld an Hilfsorganisationen spendet. Mit der Explosion in der Hauptstadt "wurde der Nerv des Landes getroffen", sagt der Althengstetter, der sich bei einem Gegenbesuch einer Delegation aus dem Gäu in Chekka auch ein Bild von der Landeshauptstadt Beirut machen konnte. Unübersehbar seien die Spuren des Bürgerkriegs: "Immer wieder stößt man auf kaputt neben hypermodern". Das öffentliche Gesundheitswesen gilt als marode.

Die Gemeinde Althengstett hatte vor zwei Jahren auf Initiative des Rathauschefs eine Projektpartnerschaft mit der libanesischen Stadt Chekka, rund eine Stunde Fahrzeit von der Hauptstadt entfernt im Nordlibanon gelegen, gegründet. Inhaltlich geht es um die Projekte "Nachhaltige Stärkung der örtlichen Wirtschaftskraft" - beide Gemeinden wollen speziell in diesem Bereich voneinander lernen - sowie das Thema "Versorgung der Flüchtlinge aus Syrien". Althengstett hatte bei der Anbahnung der Projektpartnerschaft nach entsprechender Zustimmung des Gemeinderats eine Vorreiterrolle bei der Unterstützung libanesischer Gemeinden übernommen. Der Grundgedanke: Wenn man den dortigen Kommunen hilft, kann man eine weitere Flüchtlingswanderung in Richtung Europa weitgehend unterbinden.

Gemeinden stoßen an ihre Grenzen

Die 17.000-Einwohner-Kommune Chekka, 60 Kilometer von der Hauptstadt entfernt an der Küste gelegen, stößt wie viele andere Gemeinden in dem Land unter der Last der Flüchtlingsströme aus Syrien an ihre Grenzen. "Im Libanon kommen rund 20 Flüchtlinge auf 100 Einwohner, in Deutschland ein bis zwei", so Götz. Der Althengstetter Verwaltungschef hatte im April 2018 an einem Workshop des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Beirut teilgenommen und dort Chekka als Partnergemeinde ausgemacht. Jeder Euro, der dort für Flüchtlinge investiert wird, verhindere "das Mehrfache an Folgekosten in Deutschland", hatte Götz betont. Mit dem Euro könne man im Libanon sehr viel wirkungsvoller finanzieren als in Deutschland. Und weiter: "Für Althengstett bietet das Projekt die Chance, den eigenen Einzelhandel auf der Kontrastfolie des Libanon neu zu durchdenken, den Horizont zu erweitern und Ideen zu ent­wickeln". Der GHV hatte sich damals bereit erklärt, sich bei diesem Projekt einzuklinken.

Derweil sinkt mit jeder Stunde die Chance, Überlebende unter den Trümmern zu finden. Die Althengstetter GHV-Mitglieder werden den Kontakt zu den Projektpartnern in Chekka halten und, wenn es sich in den nächsten Wochen und Monaten ergibt, laut Leyhr direkt helfen, auch wenn momentan unklar sei, in welcher Form das überhaupt möglich ist.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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