Awet Kaysay (links) schleift sorgfältig einen Fensterrahmen ab. Bislang hat er in den Augen seines Chefs Markus Jourdan großes handwerkliches Geschick bewiesen. Foto: Selent-Witowski Foto: Schwarzwälder-Bote

Flüchtlinge: Markus Jourdan bietet jungem Mann aus Eritrea Praktikumsplatz / Appell an Handwerkerkollegen

Von Marion Selent-Witowski

Mitarbeiter, die pünktlich und zuverlässig sind, mitdenken und selbstständig anpacken, wo es notwendig ist – welcher Betriebsinhaber wünscht sich das nicht? An einen weiteren solchen Beschäftigten ist Markus Jourdan geraten, wenn auch nur auf Zeit.

Althengstett. Awet Kaysay schaut in eine ungewisse Zukunft. Der 21-Jährige floh vor rund sechs Monaten aus Eritrea, weil er in seiner Heimat wie viele andere Christen verfolgt wurde. Der islamische Extremismus in dem Land nimmt zu. Awets Familie blieb zurück, ein Bruder lebt inzwischen ebenfalls in Deutschland. Der junge Mann ist mit rund 20 weiteren Asylbewerbern in Unterreichenbach untergebracht. Ob er in Deutschland bleiben darf oder nicht, ist unklar.

Warten und Nichtstun

Das Warten und Nichtstun machten dem 21-Jährigen zu schaffen. "Er wollte unbedingt arbeiten, und ich wollte einem Flüchtling die Chance geben, in unsere Arbeitswelt hineinzuschnuppern", sagt Markus Jourdan, Inhaber des gleichnamigen Fensterbau- und Innenausbaubetriebs im Unteren Ried in Althengstett. Das sei allemal besser, als auf der Straße herumzuhängen. Über eine Flüchtlingshelferin, die Stiftung Lernen-Fördern-Arbeiten und die Agentur für Arbeit kam das vorerst sechswöchige Praktikum für Awet zustande. Dieses kann um sechs Wochen verlängert werden, wenn die Agentur für Arbeit zustimmt.

Dass ausgerechnet ein Praktikant aus Eritrea deutsche Tugenden wie die Pünktlichkeit pflegt, hat Awets Chef überrascht. Der 21-Jährige fährt täglich mit der Kulturbahn von Unterreichenbach nach Hirsau, steigt in den Bus nach Calw und fährt dann weiter nach Althengstett zu seinem Arbeitsplatz. "Ich bin erstaunt, wie gut er alles packt", sagt Jourdan. Das neueste Mitglied seiner Belegschaft sei nicht nur pünktlich, sondern auch handwerklich geschickt, arbeite zum Teil selbstständig und denke mit. "Das ist genau das, was einen guten Handwerker ausmacht", betont der Betriebsinhaber, der in der Vergangenheit mit Lehrlingen schon ganz andere Erfahrungen gemacht hat.

Um eine Lehre beginnen zu können, verfügt Awet über zu wenige Deutschkenntnisse. Zum Großteil verständigt man sich im Betrieb auf Englisch mit ihm. "Er lernt aber schnell und jeden Tag viel dazu", sagt Jourdan. Wenn er weiter solche Fortschritte mache, könne er in einem Jahr durchaus eine Ausbildungsstelle antreten, ist der Handwerksmeister sicher. Momentan besucht Awet jeden Freitag einen Deutschkurs für Flüchtlinge in der Calwer Badstraßenschule.

Jourdan appelliert an seine Handwerkerkollegen, Flüchtlingen ebenfalls ein Sprungbrett in die Zukunft zu geben. Mehr als seine Unterschrift unter ein fünfseitiges Schreiben habe es für das Praktikum nicht gebraucht. Alles sei völlig unkompliziert abgelaufen: "Der bürokratische Aufwand ist bei vielem in unserem Betrieb weitaus größer". Auch ein Syrer, der in Neuhengstett untergebracht ist, wird im Juni als Praktikant bei Jourdan beginnen.

Awet freut sich jeden Tag auf seine Arbeit in dem Althengstetter Betrieb. Von der 15-köpfigen Belegschaft wurde er freundlich aufgenommen. Der 21-Jährige lässt es sich inzwischen nur ungern nehmen, beim Feierabendschwätzchen der Kollegen dabei zu sein. "Er lacht sehr viel und ist immer gut drauf", sagt sein Chef. Also wird auch in den nächsten Wochen immer wieder ein fröhliches Pfeifen oder Singen in der Betriebshalle zu hören sein.