Viele Althengstetter sind gute Netzwerker und bringen sich ehrenamtlich im Ort ein. Einer von ihnen ist Nima Farahmand Bafi – promovierter Physiker und Konzertpianist. Wie es zu dieser außergewöhnlichen Kombination kam und warum die Gäugemeinde seine neue Heimat ist, schildert der Iraner im Interview.
Althengstett - Bürgermeister Clemens Götz fand Mitte 2022 in seinem Kalender einen Termin. Ein Musiker wollte sich vorstellen. Götz: "Ich googelte kurz den Namen und fand einen promovierten Physiker vom Max-Planck-Institut. Nima Farahmand Bafi kam in mein Büro. Er stellte sich ungefähr so vor: ›Ich stamme aus dem Iran. Ich habe in Stuttgart Physik studiert, am Max-Planck-Institut promoviert und bin seither beruflich auch im Bereich Künstliche Intelligenz tätig. Ich bin außerdem Konzertpianist mit einem Abschluss der Musikhochschule Stuttgart. Jetzt wohne ich in Althengstett. Ich bringe mich gerne ehrenamtlich ein, besonders in der Musikvermittlung an Kinder und junge Menschen. Wenn Sie mich brauchen können – hier bin ich.‹" Er habe dieses Angebot dann an Schulen, Musikschulen und Vereine im Kreis weitergeben, so Götz.
Neugierig geworden, wer sich hinter dem Namen verbirgt, haben wir den Physiker und Musiker in seinem Althengstetter Haus besucht. Im Wohn- und Musikzimmer, in dem der Yamaha-Flügel mächtig thront, sprach Farahmand Bafi über sein eigenes Tun, seine Wünsche und seine Ziele.
Sie wohnen noch nicht allzu lange in Althengstett. Zunächst, bevor wir auf Ihr musikalisches Schaffen eingehen, interessiert natürlich die Frage: wieso Althengstett?
Wieso nicht Althengstett? Von Stuttgart aus gesehen ist Althengstett eine attraktive Gemeinde. Das damals gefundene Immobilienangebot sprach mich sofort an und stellte sich als passend heraus. Ich habe sehr nette Nachbarn. Die Gemeinde hat großen Charme. Nach 25 Jahre Teheran und danach Stuttgart bin ich nun hier und wurde herzlich empfangen. Ich arbeite in Nürtingen, also immer noch in guter Reichweite. Die Arbeit im Homeoffice lässt jede Entfernung klein werden. Nach Althengstett zu ziehen, war somit die richtige Entscheidung.
Zunächst die Klarstellung zu Ihrem Namen. Was ist Vor-, was ist Nachname?
Nima ist der Vorname. Farahmand Bafi der Nachname.
Wie entstand in Ihrem Heimatland die Liebe zur Musik?
Mein Vater Mahmoud ist in Iran ein berühmter Musiker. Er ist Meister des Tonbaks (Anm. der Redaktion: eine mit den Händen geschlagene hölzerne Bechertrommel). Natürlich eiferte ich zuerst dem Vater nach. Musik und Tanzen spielten eine wichtige Rolle in meiner Familie und dadurch habe ich den Zugang zu Tonbak, Rhythmus und Takt gefunden. Im Alter von zehn Jahren begann ich Klavier zu spielen und als ich zwölf war, kam der magische Moment, der, ohne zu übertreiben, mein ganzes Leben änderte. Ich hörte die Fantasie und die Sonate in c-Moll von Mozart. Ab diesem Moment war Musik, insbesondere klassische Musik, meine Zukunft. Dort beschloss ich, Pianist zu werden. Seitdem entwickeln sich meine Musik, meine Liebe zur Musik und alles, was daraus folgt. Ich hoffe nun, dass ich durch meine Kunst und Konzerte anderen Menschen auch zu solch einem magischen Moment verhelfen kann.
Sie sind nicht einmal 40 Jahre alt. Trotz dieses noch jungen Alters haben Sie auf zwei grundverschiedenen Gebieten, nämlich der Physik und der Musik, bedeutende Auszeichnungen erworben.
Das ist richtig. Neben der Doktorarbeit in Physik habe ich gleichzeitig an der Musikhochschule Stuttgart den Bachelor und Master in Musik gemacht. Musik und Physik sind für mich keine Arbeit und kein Gegensatz. Es sind zwei große Lieben. Und beides hat für mich mehr miteinander zu tun, als man vermuten möchte. Mir bot sich die Chance, einen Weg zu finden, was Wissenschaft und Musik quasi verbindet. Ich arbeite im Bereich der Künstlichen Intelligenz und deren Verbindung zur Akustik und Musik.
Zwei Drittel ihres Lebens verbrachten sie bisher in Ihrem Heimatland Iran – ein Drittel in Deutschland. Sie bezeichnen sich selbst als gut integriert. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Können Sie anderen Menschen einen Tipp geben?
Grundsätzlich fühle ich mich sowohl als Deutscher als auch als Iraner. Bevor ich überhaupt nach Deutschland kam, hatte ich schon Freunde hier. Ich hatte Klavier- Meisterkurse in Deutschland besucht. Musik war schon immer eine große Hilfe zur Integration. Die Musik verbindet sozusagen die Herzen. Ich habe Freunde gewonnen, alleine durch die Musik. Ich habe Freunde, die sind so sehr bedeutend, dass ich zu ihnen "Bruder" sagen kann.
Sie spielen auch Konzerte auf internationaler Ebene. Zum Neujahrsempfang hat Sie Althengstetts Bürgermeister Götz als musikalische Bereicherung engagiert. Der Rathauschef erzählte, dass sie proaktiv angeboten haben, Ihr musikalisches Wissen weiterzutragen – ehrenamtlich. Was bewegt Sie dazu, so etwas zu tun?
Ich möchte helfen. Das ist mein großes Ziel. Neben normalen Konzerten spiele ich Benefizkonzerte, zum Beispiel für die Welthungerhilfe, für die Ukraine oder für das Volk im Iran. Das nächste Projekt ist schon in Planung. Meine Musik ist auch dazu da, die große Botschaft, die die Musik enthält, in die Welt zu tragen. Musik ist etwas Universelles. Tanzen – Musik – Liebe. Das gehört zusammen. Da gibt es kein richtig und kein falsch. Musik verbindet die Herzen. Egal, ob ich die gleiche Sprache spreche, wenn ich mit jemandem ein trauriges oder fröhliches Lied spiele, dann haben wir fast das gleiche Gefühl. Ich wünsche, dass irgendwann auf der ganzen Welt alle Menschen Musikinstrumente haben und alle im Haus zusammen musizieren; alle tanzen. Es gibt so viele schöne Dinge auf der Welt in Richtung Musik, Literatur, Kultur, Tanzen. Es gibt viel zu genießen. Auch, um stets dazu zu lernen. Wo Musik ist, ist kein Platz für Kämpfe, Gewalt, Krieg oder Depression.
Gibt es schon erste Arrangements aus diesem Kontakt mit dem Althengstett Bürgermeister?
Ja. Mittlerweile gab es Kontakte und Konzerte.
Herr Farahmand Bafi, wie beschreiben Sie selbst Ihre Musik?
Zunächst darf sich jeder selbst auf seine eigene Art und Weise ausdrücken. Wichtig ist, dass man ehrlich bleibt zu Komponisten und in ihren anderen Werken; ihr Leben und ihren Stil studiert. Man sollte authentisch bleiben. Es bleibt immer ein eigener Akzent oder ein Stück Interpretationsfreiheit. Wenn die Musik ehrlich ist, wenn sie von Herzen kommt, dann wird sie wieder die Herzen berühren. In meinem Spiel gibt es immer ein improvisatorisches Element.
Sie haben 2016 eine CD mit dem Namen »Persian Inspirations« auf den Markt gebracht. Was war die Idee dahinter?
Die Stücke inspirieren einander. Alles sollte als eine ganze Reihe gehört werden. Es ist eine Reise von Osten nach Westen. Ausgehend von der persischen Fantasie, über Chopins Polonaise und die Ungarische Rhapsodie, zurück zu den persischen Gedichten. Mittlerweile habe ich diese Reise fortgesetzt. Zuletzt wurde ich in die Scala Ludwigsburg als deutsch-iranischer Pianist eingeladen, zu spielen. Die Menschenrechte waren das große Thema des Konzerts. An diesem Abend wurden iranische, jüdische und deutsche Musik vereint, also Werke von Bach, meine Bearbeitungen des Schweizer und jüdischen Komponisten Ernest Bloch sowie meine Paraphrase über Chahargah von Kassai, ein iranischer Komponist.
Zuletzt sprachen Sie davon, dass sie ihre Eigenkomposition »Persische Fantasie« mit Gedanken an die iranische Frauen spielten. Was meinen Sie damit?
Die Menschen auf der Welt, auch im Iran, wünschen sich die essenziellen Rechte wie Freiheit und Demokratie. Ich versuche, das Motto "Frauen, Leben, Freiheit" in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rufen und wach zu halten. Außerdem bringt die Musik die Menschen zusammen.
Beschreiben Sie zum Abschluss Ihre Botschaft.
Ich habe so viel von der Welt, vom Iran und Deutschland mitbekommen. Nun möchte ich etwas zurückgeben. Ich will meine Liebe zur Musik mit anderen teilen. Ich will mit meiner Musik Menschen zusammen zu bringen.