Auf ältere Menschen wird gesellschaftlich oft mit einem negativen Blick geschaut – dabei gebe es viele Potenziale des Alters, meinen Forschende. Foto: Unsplash/ Matt Bennett

Die Wahrnehmung davon, wann jemand als alt gilt, verändert sich. Das scheint nachrangig, doch zeigen Studien, wie sich diese Auffassung auf unsere Gesundheit auswirken kann.

Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein“, schreibt Elke Heidenreich in „Altern“, ihrem 2024 bei Hanser Berlin erschienenen Essay, der zum Bestseller wurde. Die Gesellschaft wird älter, das Alter geht uns alle an. Wie aber denken wir übers Altwerden? Und ab wann, glauben wir, ist man wirklich alt? Wenn das Erwerbsleben endet? Wenn wir auf Hilfe beim Treppensteigen angewiesen sind? Wenn wir zum hundertsten Mal zum gleichen Urlaubsort in Südtirol fahren? Oder schon dann, wenn uns die ersten grauen Haare wachsen? Wer Letzteres glaubt, könnte wie Rilke schon den Moment der Geburt als Anfang eines lebenslangen Sterbens begreifen. „Denn wir sind nur die Schale und das Blatt“, schrieb Rilke. „Der große Tod, den jeder in sich hat, das ist die Frucht, um die sich alles dreht.“

 

Der Psychologe und Altersforscher Markus Wettstein interessiert sich für den gesellschaftlichen und individuellen Blick auf das Älterwerden, er forscht an der Berliner Humboldt-Universität und an der Universitätsmedizin Greifswald. In einer Studie hat er untersucht, was Menschen antworten auf die Frage: Wann ist man alt?

Wettstein und seine Kollegen haben Daten von Menschen ab dem Alter von 40 Jahren verwendet, die auf Umfragewerten aus dem Deutschen Alterssurvey beruhen, einer repräsentativen Befragung von Menschen in der Bundesrepublik über 40. Der Alterssurvey wurde 1996 erstmals realisiert, dabei wurde seither immer wieder unter anderem die Frage gestellt: Ab welchem Alter würden Sie jemanden als alt bezeichnen? Im Durchschnitt antworteten die Befragten: mit 73 bis 75 Jahren.

Wer ist diese mürrische Alte mit den zerzausten Haaren?

Wie fühlt es sich an, älter zu werden, das Alter zu sehen und zu spüren? Die Autorin Elke Heidenreich, 82 Jahre alt, schreibt, sie sei zufrieden mit ihrem Aussehen, doch: „Manchmal sehe ich mein Gesicht plötzlich irgendwo im Spiegel, meist im Kaufhaus, auf der Rolltreppe, und dann denke ich: Wer ist denn diese mürrische Alte mit den zerzausten Haaren? Und dann bin das ich.“

Das Alter hat die komische Angewohnheit, sich erst heimlich einzuschleichen, um dann wie ein Ball auf schiefer Ebene ins Rollen zu geraten. Es erscheint uns eines Tages womöglich so, als wäre alles von heute auf morgen passiert: Wir sehnen uns nach dem ersten Kuss (Heidenreich: „Wie furchtbar war sechzehn, siebzehn mit dem ständig gebrochenen Herzen!“), wir heiraten, die Eltern sterben, die eigenen Kinder ziehen aus. Ist man dann alt? Und wie konnte das so schnell gehen? Zeit zieht sich mal wie Kaugummi, beim Spielen mit dem Kleinkind auf dem Teppich, und dann wieder, im Rückblick, ist alles wie in einem Sekundenbruchteil verflogen. Unser Leben.

Nicht nur über die Lebenszeit hinweg verändert sich die Wahrnehmung davon, wann wir alt sind

Als wir jung waren, hielten wir jeden über 30 für alt, schwer lässt sich im Rückblick sagen, welches Alter die eigenen Lehrer damals hatten – sie wirkten uralt! Die Psychologin Stephanie Wurm zeigt in einer aktuellen Studie, dass für 18-Jährige der Beginn des Alters bereits bei 60 Jahren einsetzt – mehr als zehn Jahre früher als für Über-40-Jährige. Der Zeitpunkt verschiebt sich bei den Älteren jeweils immer noch ein bisschen nach hinten: Ich ja noch nicht!

Doch nicht nur über die eigene Lebenszeit hinweg verändert sich die Wahrnehmung davon, wann wir alt sind. Auch gesellschaftlich hat sich die Auffassung verändert. „Heute setzen Menschen den Beginn des Altseins etwas später an als noch vor 20 Jahren“, erklärt Markus Wettstein. Das könnte mit der gestiegenen Lebenserwartung zusammenhängen. Studien aus den USA zeigen, dass 1969 ältere Männer den Beginn des Alters schon bei 66 Jahren ansetzten, ältere Frauen bei 70 Jahren. Grob dürften diese Einschätzungen damals auch auf Deutschland übertragbar gewesen sein.

Interessant findet Wettstein, dass auch heute noch Männer und Frauen eine etwas unterschiedliche Wahrnehmung davon haben, ab wann man alt ist. Ältere Männer setzen den Beginn des Alters bei 73 bis 74 Jahren an, Frauen bei 76 Jahren. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. „Entweder Frauen sehen einen späteren Beginn, weil sie negativeren Altersstereotypen ausgesetzt sind als Männer und diesen Zustand und seine Zuschreibungen weiter von sich weg rücken wollen – oder sie tun es wegen ihrer höheren Lebenserwartung“, meint Wettstein.

Über die Potenziale des Alters werde zu wenig gesprochen

Elke Heidenreich schreibt: „Wir werden anders alt als unsere Eltern. Früher war man mit fünfzig abgearbeitet und alt. Heute sind viele Achtzigjährige geistig und körperlich noch fit und im täglichen Rennen. Die Welt ist im Wandel, wir wandeln uns mit, wir sind länger beweglich im Kopf, als es unsere Eltern waren, wir haben auch eine viel bessere medizinische Versorgung.“

Obwohl sich die Bedingungen des Alterns verbessert haben, hat sich der Ruf des Alterns offenbar verschlechtert. Das zeigen dem Psychologen Wettstein zufolge zumindest Studien aus den USA. „Wir sprechen wenig über die Potenziale des Alters, öfter sprechen wir über das Alter als Bürde in Zusammenhang mit Krankheit, Pflegebedürftigkeit, über körperlichen Verfall.“ Weisheit oder Lebenszufriedenheit älterer Menschen würden weniger gewürdigt. In der Coronapandemie sind Ältere besser klargekommen mit Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, und ihr Wohlbefinden hat weniger gelitten als das von jungen Menschen. Das spricht laut Markus Wettstein auch für die Resilienz älterer Menschen.

Für junge Menschen ist die Lässigkeit des Alters unsichtbar, weil Alte für Junge ohnehin oft unsichtbar sind. Eher selten wirkt auf Jüngere gerade die Lebenserfahrenheit Älterer attraktiv. Marguerite Duras schreibt in ihrem Roman „Der Liebhaber“: „Eines Tages, ich war schon alt, kam in der Halle eines öffentlichen Gebäudes ein Mann auf mich zu. Er stellte sich vor und sagte: ,Ich kenne Sie seit jeher. Alle sagen, dass Sie schön gewesen sind, als Sie jung waren, ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, dass ich Sie jetzt schöner finde als in Ihrer Jugend, ich mochte Ihr junges Gesicht weniger als das von heute, das verwüstete.’“ Dass man im Alter gar nicht mehr jung sein wollen würde (Heidenreich: „Wie viel sinnlos verschwendete Lebenszeit heulend im Bett und nächtelang am Tagebuch!“), erscheint den meisten Jungen unglaubwürdig.

Ältere Menschen leben heute oft länger gesund und zufrieden als noch ihre Eltern. Foto: IMAGO/Panthermedia

Aus gesundheitlicher Perspektive gibt es gegenwärtig unterschiedliche Tendenzen des Alterns, erklärt Markus Wettstein. Demenz beginne heute im Schnitt meist später als noch vor einigen Jahren. Doch Schmerzen nähmen tendenziell zu. Auch politische Entwicklungen und Unsicherheiten wirkten sich mutmaßlich künftig auf das Wohlbefinden und die Gesundheit älterer Menschen aus und darauf, wie wir alle altern.

„Dafür bin ich zu alt“ wird schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung

Wenig verwunderlich, spielt für die Wahrnehmung des eigenen Alters eine Rolle, wie gesund man körperlich und mental sei, erklärt der Psychologe Wettstein. Wer viel Stress empfinde, in negativer Stimmung sei oder Schmerzen habe, fühle sich älter. Und umgekehrt.

Elke Heidenreich schreibt: „Ja: mitunter ist man so alt, wie man sich fühlt. Aber meistens ist man älter.“ Und das kann sogar von Vorteil sein, denn die eigene Einstellung spielt eine entscheidende Rolle. Wer sich jünger fühlt, lebt meist gesünder und länger. Andernfalls werde die Einstellung „Dafür bin ich zu alt“ schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung, meint Wettstein.

Bob Dylan sang: „He not busy being born is busy dying.“ Im Grunde lässt sich diese Zeile doch auf zwei Arten verstehen: Entweder im Sinne eines Lebens als fortwährenden Sterbeprozesses – oder so, wie die meisten sie lesen: Wer sich ständig erneuert, immer wieder neu geboren wird, kann ja noch nicht mit Sterben beschäftigt sein. Erst wer sich gehen lässt und sich nicht mehr verändert, liegt eigentlich schon im Sterben.