Hendrik Streeck kritisiert, dass bei älteren, gebrechlichen Menschen noch aufwendige Behandlungen und Operationen vorgenommen werden. Er begibt sich auf einen gefährlichen Pfad.
Es ist rund zwei Jahrzehnte her, dass der damalige Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, forderte, man solle 85-Jährigen keine neue Hüfte auf Kosten der Solidargemeinschaft mehr einsetzen. Der Sturm der Entrüstung war riesig. Und das Thema wurde lange Zeit wieder in den politischen Giftschrank gepackt, weil man mit solchen Thesen keine Wahlen gewinnt.
In einer Zeit explodierender Kosten für Krankenhausbehandlungen und Medikamente fingert der Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck (CDU) wieder an diesem Giftschrank herum. Und es ist ja wahr: Gegen Ende des Lebens, bei Alten und Schwerkranken, schnellen die Behandlungskosten massiv in die Höhe. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen immer älter und mithin meist kränker werden, stellt das die Solidargemeinschaft vor das Dilemma, das Streeck ausspricht: Kann und will sie sich das finanziell noch leisten?
Ist altes Leben weniger lebenswert?
Von dort ist es allerdings nicht mehr weit bis zur ethischen Frage: Ist altes Leben weniger lebenswert, weil es nur noch wenige Jahre umfasst? Wenn man das zu Ende denkt, landet man auf einem sehr gefährlichen Pfad, bei dem es bis zur Einteilung über „lebenswertes“ und „unwertes“ Leben nicht mehr weit ist.
Es darf nicht sein, dass ältere Menschen sich fragen müssen, ob sie der Familie oder der Gesellschaft zur Last fallen, nur weil sie denselben medizinischen Fortschritt in Anspruch nehmen wie andere. Wer in solch einer Phase nicht oder nur eingeschränkt behandelt werden möchte, kann das auch heute schon laut sagen oder in einer Patientenverfügung festlegen. Niemand wird gezwungen, die modernste Medizin in Anspruch zu nehmen. Gesellschaftlicher Druck aber hat bei dieser Entscheidung nichts verloren.