Nasensprays könnten in Zukunft ein effektives Mittel werden, um eine Corona-Infektion frühzeitig zu stoppen. Foto: imago//Florian Gaertner

Nasenspray, Tabletten und Co. könnten künftig eine Ansteckung bereits im Mund- und Nasenraum eindämmen. Erste Tests zumindest sind positiv ausgefallen.

Stuttgart - An die AHA-Regeln haben wir uns alle seit einem Jahr zwangsläufig gewöhnt: Abstand halten, Hygiene beachten und im Alltag Maske tragen. Inzwischen sind aber viele Menschen gegen Covid-19 geimpft und wollen künftig gerne auf die Maske verzichten.

 

Die derzeit zugelassenen Impfstoffe verhindern aber zwar sehr zuverlässig einen schweren Verlauf. Das belegen erste wissenschaftliche Studien aus Ländern wie Israel, wo ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung bereits die zweite Impfung erhalten hat. Geimpfte können sich aber dennoch weiterhin mit Corona infizieren und damit auch ihre Mitmenschen anstecken. Deshalb sollen auch Geimpfte weiterhin Masken tragen und Abstand halten, um die Ansteckung noch mehr zu verringern.

Klinische Testphase

Viele hoffen nun, dass irgendwann auch die AHA-Regeln der Vergangenheit angehören. Deshalb forschen Wissenschaftler weiterhin daran, Mittel zu entwickeln, die eine Übertragung des Virus verhindern können. Derzeit befinden sich einige neue Medikamente und Impfstoffe in der Entwicklung oder sogar in der klinischen Testphase.

Warum verhindern die bisherigen Impfungen nicht auch die Ansteckung? Theo Dingermann, Experte für pharmazeutische Biologie und unter anderem Mitglied der Chefredaktion der „Pharmazeutischen Zeitung“, kennt den Grund: „Die jetzt eingesetzten Impfstoffe verhindern den schweren Verlauf der Krankheit, aber nicht zwingend die Infektion.“ Das wiederum habe mit jenen Antikörpern zu tun, deren Bildung durch die Impfung ausgelöst wird, und die das Virus am Ende bekämpfen. Denn davon gibt es unterschiedliche Sorten, die wichtigen Kämpfer gegen SARS-CoV-2 heißen Immunoglobulin (Ig) G und A.

„Leider lösen die in das Blut gelangenden Impfstoffe vor allem die Bildung von IgA-Antikörpern aus, aber nur wenig und nur kurzzeitig die von IgA-Antikörpern“, sagt Dingermann. Mit anderen Worten: die erste wichtigste Verteidigungslinie, die das Anlanden der Viren verhindern und diese bereits im Mund-, Nasen- und Rachenraum vernichten könnte, bleibt auch nach einer Impfung schlicht unbesetzt.

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Ohne ausreichende IgA-Antikörpern auf seinen Schleimhäuten dringen die Viren in den tiefen Teil des Atemtrakts vor. Erst dort werden die Angreifer von den IgA-Antikörpern aufgespürt und gestellt. Das allerdings könnte bald ein Ende haben. Forscher arbeiten längst an neuartigen Impfstoffen, die intranasal verabreicht werden – im Idealfall wie ein Nasenspray gegen Schnupfen. Die US-Firma Altimmune zum Beispiel hat die erste Phase klinischer Tests mit seinem neuen Impfstoff AdCOVID begonnen. Ergebnisse erwartet das Forschungsunternehmen in der zweiten Jahreshälfte.

Nach den auf seinen Internetseiten veröffentlichten Zahlen aus Tierversuchen klingen die Resultate vielversprechend: so habe das Mittel die Entwicklung von IgA-Antikörpern um das 29-fache ansteigen lassen. Gleichzeitig habe die Bildung von IgA-Antikörpern die Anforderungen der US-Medizinbehörde FDA an Covid-Impfstoffe um ein Mehrfaches übertroffen. Das Mittel lasse sich zudem bei Raumtemperatur lagern und könne wie ein Nasenspray selbst verabreicht werden.

Positive Signale

Von ebenfalls positiven Resultaten berichtet der indische Entwickler Bharat Biotech. Sein Impfmittel BBV 154 hat in Versuchen an Rhesusaffen vier Wochen nach dessen Verabreichung über die Nase sowohl die Bildung von IgG- als auch IgA-Antikörpern hervorgerufen und die Tiere vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 geschützt.

Einen ähnlichen Weg hat Richard Plemper eingeschlagen. Der Professor am Institut für Biomedizinische Wissenschaft hat keinen Impfstoff, sondern ein antivirales Medikament getestet, das bereits mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen helfen soll, die Krankheit sicher zu überstehen. Um die Wirksamkeit des Medikaments MK-4482 oder auch EIDD-2801 zu erproben, hat Plemper Versuche mit Frettchen unternommen. Denn: Frettchen geben Infektionen des oberen Atmungstrakts untereinander ähnlich schnell weiter wie auch junge Menschen – mit überraschender Geschwindigkeit.

Werden die Mittel zugelassen?

Plemper hatte eine Anzahl von Frettchen mit SARS-CoV-2 gezielt infiziert und den Tieren anschließend nach zwölf bis 36 Stunden das Anti-Covid-Medikament mit einer Schlundsonde verabreicht. Der Einsatz solch einer Sonde sei nötig gewesen, um die Gabe des Medikaments in Pillenform zu simulieren. Anschließend wurden die mit dem Medikament behandelten Frettchen für einige Tage mit nicht infizierten Tieren zusammengebracht. Die Ergebnisse ergaben: Am Versuchsende ließen sich infektiöse Spuren von SARS-CoV-2 weder in den behandelten noch in den gesunden Tieren finden.

Auf Grundlage dieser Versuche untersuchen inzwischen der US-Pharmakonzern Merck und die Firma Ridgeback Biotherapeutics den Wirkstoff Molnupiravir, wie gut das antivirale Mittel bei an Covid-19 Erkrankten hilft. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Medikament bei schwer Erkrankten wenig Wirkung zeigt, wohl aber im Anfangsstadium, wenn sich das Virus noch nicht an die Lunge und andere innere Organe herangemacht hat. Ob diese Impfstoffe und antivirale Medikamente es tatsächlich zur Zulassungsreife bringen, ist aber bisher natürlich unklar.