Der Fall des ermordeten Arztes in der ZDF-Fahndungssendung stieß auf großes Interesse. Steffen Siefert verriet, weshalb die Polizei die Nachforschungen neu aufgenommen hat.
Die Fernsehzuschauer in Lahr mussten sich am Mittwoch bis 21.24 Uhr gedulden, ehe die ZDF-Fahndungssendung den Beitrag über die Ermordung des Arztes in Lahr zeigte. Doch das Warten sollte sich lohnen – der Kurzfilm enthielt Details der Tat und der Ermittlungen, die der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt gewesen waren. Wir beantworten hier die wichtigsten Fragen.
Was für Hinweise sind eingegangen?
Bereits vor der Ausstrahlung von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ hatten sich Bürger bei der Polizei gemeldet, da die Presse vorab über die Wiederaufnahme des Falles berichtet hatte. Weitere Anrufe erhielt die Kripo dann nach der Sendung. Insgesamt seien rund 25 Hinweise über ein eigens geschaltetes Telefon sowie weitere Kanäle eingegangen, teilte die Polizei am Donnerstagmittag mit. Darunter seien Hinweise auf Personen und Zeugen, die bisher nicht befragt worden waren und eventuell zur Aufklärung der Tat beitragen könnten.
„Die Kriminalpolizei bedankt sich ausdrücklich für die Bereitschaft zur Mithilfe“, heißt es in der Mitteilung. Die neuen Informationen würden nun von der Ermittlungsgruppe „mit Hochdruck“ ausgewertet. Parallel dazu laufen auch weitere kriminaltechnische Untersuchungen, so die Polizei.
Was war in dem Film zu sehen?
Der Beitrag, bei dem Schauspieler Rasmus Max Wirth den Lahrer Arzt verkörperte, hatte die typische Machart eines XY-Filmfalles: Es gab kurze Szenen aus dem Familienleben zuhause – Benz beim Kochen und beim Abendessen mit seiner Frau sowie seiner Schwester –, um den Zuschauern das Mordopfer als Mensch näherzubringen.
Das meiste Geschehen spielte sich aber in der Herzklinik ab. Dabei entstand das Bild eines sympathischen, engagierten Arztes, der bei seinem Chefarzt aneckt mit der Forderung, Gelder aus der Behandlung von Privatpatienten gerechter zu verteilen. Zu sehen ist auch ein Medizinerkollege, der das forsche Auftreten von Benz offenbar nicht gutheißt – er wirft ihm immer wieder finstere Blicke zu.
Am Abend seines Todes wird Benz unerwartet bei einer OP abgelöst und braucht deshalb eine Mitfahrgelegenheit zum Bahnhof, um von dort mit dem Zug heim nach Offenburg zu kommen. In dem Beitrag wird suggeriert, dass er die Mitfahrgelegenheit in der Klinik gefunden hat. Seine Tötung wird dann in drastischen Bildern gezeigt – inklusive einer kurzen Großaufnahme vom Gesicht des Ermordeten.
Eine weitere Szene spielt in der Gerichtsmedizin in Freiburg, wo der Pathologe die Ermittler auf eine Verletzung am Hals des Toten aufmerksam macht: Benz sei durch einen kräftigen Schlag auf den Kehlkopf außer Gefecht gesetzt und danach erwürgt worden.
Auch der Besuch der Ermittler bei der wichtigsten Zeugin ist zu sehen. Die Rentnerin schildert ihnen, wie sie am Tatabend vom Balkon ihrer Wohnung in Bahnhofsnähe einen Streit in einem Auto auf dem Parkplatz unten verfolgt hat. Weitere Aufnahmen zeigen die Kripo-Beamten bei Nachforschungen in der Klinik und Vernehmungen, bei denen sie aber nicht weiterkommen.
Was war neu für die Zuschauer?
Die Polizei ist dem Täter offenbar recht nahe gekommen, diesen überraschenden Eindruck vermittelte die Fahndungssendung. Steffen Siefert von der Kripo Offenburg sagte im Interview mit Moderator Rudi Cerne, dass die Kripo die männlichen Mitarbeiter der Klinik unter die Lupe genommen hat – und dass sich daraus ein Verdacht ergeben habe. „Bestimmte Personen aus dem beruflichen Umfeld des Opfers“ würden im Fokus stehen. Um die Ermittlungen nicht zu beeinträchtigen, könne er aber keine Details nennen.
Neu für die Zuschauer dürfte auch der Einblick in ein Kliniksystem gewesen sein, bei dem Chefärzte durch die Behandlung von Privatpatienten unverhältnismäßig finanziell bevorteilt werden – und dass Benz das in der Form nicht mehr hinnehmen wollte.
Was sagte der leitende Ermittler Steffen Siefert?
Der Kriminaldirektor aus Lahr verriet im Gespräch mit Cerne, was die Kripo dazu veranlasst hat, den Fall neu aufzurollen: Im vergangenen Jahr hätten sich mehrere Personen gemeldet und Hinweise gegeben. Darunter sei „eine interessante Wahrnehmung am mutmaßlichen Tatort“ gewesen, ein Parkplatz in Bahnhofsnähe.
„Wir sind uns sicher, dass Opfer und Täter sich bereits an der Herzklinik begegnet sind“, der Zeitablauf lasse keine andere Interpretation zu, so Siefert. Es habe sich aber wohl um keine geplante Tat gehandelt, sondern um einen Streit, der eskalierte.
Der souverän auftretende Ermittler aus Lahr beantwortete aber nicht nur Fragen des Moderators, sondern nutzte die Chance, um möglichen Zeugen ins Gewissen zu reden und sie dazu zu bringen, sich endlich zu offenbaren. Siefert blickte in die Kamera, um den TV-Zuschauern zu sagen: „Ich möchte Sie direkt ansprechen, und zwar die Mitwisser, die damals Informationen zurückgehalten oder komplett geschwiegen haben. Es gibt immer noch viele Menschen, denen an der Aufklärung dieses Verbrechens gelegen ist.“
Der Kripo-Beamte nannte die Familie von Bernhard Benz, konkret die Ehefrau, Schwester und die Tochter, „die zum Zeitpunkt seines Todes gerade ein halbes Jahr alt und war und ohne ihren Vater aufwachsen musste“. Sie alle wollten endlich die Wahrheit erfahren und Gerechtigkeit haben.
Welche Fragen hat die Polizei ?
Die Ermittler bitten nach wie vor um Hilfe, konkret haben sie diese Fragen: Wer kann weitere Angaben zu den Bewegungen von Bernhard Benz am Abend des 21. Januar 2000 machen?
Wer hat am Lahrer Bahnhof oder in der Römerstraße etwas Relevantes beobachtet?
Wer kann Hinweise zu persönlichen Gegenständen des Opfers geben, die bisher nicht gefunden wurden?
Wer verfügt über Informationen aus dem damaligen beruflichen oder privaten Umfeld des Arztes, die bisher nicht bekannt sind?
Hinweise werden unter 0781/21 28 20 sowie über das eigens eingerichtete Telefon 0781/2169 00 entgegengenommen. Für Angaben, die zur Ermittlung oder Ergreifung des Täters führen, ist eine Belohnung bis zu 3000 Euro ausgesetzt.
Tagessieger beim TV-Publikum
„Aktenzeichen XY… ungelöst“ erreichte am Mittwoch trotz einer kurzfristigen Programmverschiebung den Tagessieg beim Gesamtpublikum: 4,21 Millionen Menschen schalteten ein, damit betrug der Marktanteil 18,9 Prozent. Die Ausstrahlung hatte aufgrund einer Sondersendung („Was nun, Herr Bundeskanzler?“ mit Friedrich Merz) erst um 20.35 Uhr begonnen. Sie ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.