Kein Tag ohne Baustelle: Für die Erweiterung des Boysen Werks im Altensteiger Turmfeld setzte Rolf Geisel im Mai 1987 einen seiner ersten Spatenstiche. Fotos: Boysen Foto: Schwarzwälder Bote

Unternehmer: Boysen-Geschäftsführer wird heute 65 und gibt neuerlich Gas für die technologische Transformation

Altensteig. Im Jahr 1972 startet Rolf Geisel bei Boysen in Altensteig als Auszubildender. 1985 wird er mit 29 Jahren zum Geschäftsführer berufen. Zu dieser Zeit erwirtschaftet der Abgastechnikhersteller mit 450 Mitarbeitern an vier regionalen Standorten einen Umsatz von rund 60 Millionen D-Mark. Ende 2020 liegt der Umsatz bei 2,4 Milliarden Euro – die Unternehmensgruppe aus dem Nordschwarzwald zählt weltweit 23 Standorte und weit über 5000 Beschäftigte. Heute feiert Rolf Geisel seinen 65. Geburtstag.

Der Werdegang ist wie gemalt: Nach der Lehre zum Werkzeugmacher ist Rolf Geisel zwischen September 1974 und Oktober 1978 zunächst in der Arbeitsvorbereitung tätig, ehe er als gerade einmal 22-Jähriger die Betriebsleitung des Werks in Altensteig-Walddorf übernimmt. Die marode Teilefabrik macht er in den nächsten sieben Jahren zum Vorzeigebetrieb und begründet damit seinen späteren Ruf als Produktionsprofi. Nachdem die seinerzeitige Firmenchefin Elisabeth Boysen mit externer Unterstützung nicht vorankommt, setzt sie voll auf das Eigengewächs: Bereits ab 1982 trifft Geisel bei Boysen alle wesentlichen Entscheidungen, ab September 1985 schließlich in offizieller Funktion.

In Geisels rund vier Manager-Jahrzehnten ist die Boysen Gruppe in nahezu jedem Jahr zweistellig gewachsen. Selbst das Finanzkrisenjahr 2009 wurde mit einer schwarzen Null gemeistert. Im ersten Pandemie-Jahr 2020 haben die Schwarzwälder knapp zwölf Prozent zugelegt, während die Umsätze beim Gros der Automobilzulieferer tief in den Keller gegangen sind. Die Feuerfestigkeit des Abgastechnik-Spezialisten begründet sich unter anderem in den drei Hauptkunden Audi, BMW und Mercedes Benz: Deutsche Premium-Automobile sind auch in Krisenzeiten gefragt, vor allem im wichtigsten Absatzmarkt China.

Rückläufige Auftragsvolumen aufgrund des zunehmenden Anteils von Elektroantrieben kompensiert Boysen durch neue Großaufträge und durch zusätzliche Komponenten für die Abgasreinigung. Zudem läuft am Standort Simmersfeld, ebenfalls um Kreis Calw, seit vergangenem Januar die Serienfertigung von Strukturbauteilen für E-Fahrzeuge und damit der erste Auftrag abseits der Abgastechnik. Weitere sollen folgen.

Zum 65. Geburtstag von Rolf Geisel ist das Feld also bestellt – und mit Blick auf die erste Firmengründung durch Schalldämpfer-Pionier Friedrich Boysen 1921 in Leipzig könnte es in diesem Jahr für Geisel die perfekte Inszenierung sein: Die Boysen Gruppe feiert ihr 100-jähriges Bestehen – und der Geschäftsführer tritt nach einem imposanten Schaffenswerk und insgesamt fast 50 Jahren bei Boysen von der Jubiläumsbühne in den Ruhestand. Nicht minder imposant, dass mit Gründer Friedrich Boysen, dessen Frau Elisabeth und Rolf Geisel gerade einmal drei Chefs für das erste Boysen-Jahrhundert verantwortlich zeichnen.

Die vierte Führungsgeneration wird sich jedoch noch gedulden müssen, denn Rastlosigkeit und Ruhestand schließen sich gegenseitig aus. Seit seinem Einstieg als Geschäftsführer, so heißt es im Unternernehmen, hat Geisel nicht einen Tag ohne eine oder mehrere (echte) Baustellen verbracht. Entweder wird bei Boysen seit Mitte der 1980er- Jahre ein neuer Standort gebaut oder ein bestehender ausgebaut. Alleine zwischen 2012 und 2014 ist die Unternehmensgruppe von zehn auf 17 Standorte gewachsen.

Das Tempo ist enorm hoch. Die Investitionen sind es ebenso. Doch Geisel bleibt seinem Credo treu: "Ohne Risiko keine Zukunft." Mit seinem strikten Wachstums- und Globalisierungskurs hat der Sohn eines Schuhmachers den früheren Handwerksbetrieb im Nordschwarzwald unter die Top 100 der umsatzstärksten Automobilzulieferer weltweit gebracht.

"Das ist nicht die richtige Zeit, um aufzuhören", sagt Rolf Geisel, der auch auf Wunsch des Aufsichtsrats des Stiftungsunternehmens entschieden hat, seinen Vertrag zu verlängern und Boysen auch die nächsten Jahre zu lenken: "Als Entwickler und Produzent stehen wir mitten in der digitalen Transformation. Als Automobilzulieferer stehen wir mitten in der technologischen Transformation. Ich glaube nach wie vor an den Verbrennungsmotor, der jedoch immer mehr auf die Standspur gedrängt wird", sagt er. Es sei "also gerade die Zeit, in der die Weichen dafür gestellt werden müssen, dass die Arbeitsplätze bei Boysen auch in 20 Jahren noch bestehen."

Einen erfolgreichen Weg in die Zukunft sieht der Boysen- Geschäftsführer im Bereich der Energietechnik. Seit zwei Jahren zählt das Dortmunder Unternehmen Volterion, das auf Redox-Flow-Batteriesysteme als stationäre Energiespeicher setzt und im vergangenen Monat mit dem Joseph-Fraunhofer-Preis ausgezeichnet wurde, zur Boysen Gruppe.

In Kooperation mit Cenmat aus Waldenbuch (Kreis Böblingen) forschen die Schwarzwälder an der Brennstoffzellentechnologie. Großprojekt 2021 wird für Boysen die Planung und Umsetzung eines eigenen Wasserstoffzentrums in Simmersfeld. Eine Zukunftswette, mit der Rolf Geisel wieder voll ins Risiko geht. Und wieder eine neue Baustelle.

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