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Altensteig (Württ.) Ensemble kämpft um sein Überleben

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Der Christophorus-Kinderchor Altensteig zeigt in der Freiluft-Arena im Schlossgarten, was ihm wichtig ist. Foto: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote

Es ist ein Bild mit ungewolltem Symbol-Charakter: Der Christophorus-Kinderchor Altensteig nimmt Aufstellung in der Freiluft-Arena im Schlossgarten, die glockengleichen Stimmen erklingen – aber kommen vom Band. Was passt, denn das vielfach preisgekrönte Ensemble kämpft um sein Überleben.

Altensteig. Was in diesem Fall allerdings mal (fast) gar nichts mit Corona zu tun hat. Die jungen Sängerinnen und Sänger wollen, dass ihre Chorleiterin Verena Kellerer sie auch weiterhin unterrichten darf. Die betreut – unter "erschwerten" Bedingungen – seit rund zwei Jahren den Christophorus-Kinderchor, der neben den Chor-Klassen der Klassenstufen fünf und sechs am Christophorus-Gymnasium als Vorbereitungs-Chor für die "große" Christophorus-Kantorei dient. Aber eigentlich auch schon selbst mit dem erreichten künstlerischen Niveau der letzten Jahre ein echtes Aushängeschild geworden ist – für Altensteig, aber auch die Region. Und wegen seiner Einmaligkeit auch für ganz Baden-Württemberg.

Planstelle ohne Angabe von Gründen gestrichen

Die Krux: Zwar hat Verena Kellerer seinerzeit (2018) die Ausschreibung für die damals vakante Stelle der Chorleiterin des Christophorus-Kinderchors samt dazugehöriger Anstellung als Lehrerin am Christophorus-Gymnasium gewonnen, aber mitten im Auswahlverfahren hatte die Landesregierung, beziehungsweise das Kultusministerium die seit Jahren bestehende Planstelle dafür gestrichen – bis heute ohne Angaben von Gründen.

Damals sprangen in einem Notentscheid die Stadt Altensteig und der Förderkreis Christophorus-Kantorei in die Bresche, um Verena Kellerer zumindest als Chorleiterin für zwei Tage die Woche nach Altensteig zu holen – wofür sie formal eine Teilanstellung an der städtischen Musikschule erhielt.

Ursprünglich sollte das nur eine Übergangslösung sein. Doch bis heute sei es nicht gelungen, Kellerer auch als Lehrkraft am Christophorus-Gymnasium Altensteig anzustellen (Fächer Musik und Deutsch, Master in Chorleitung). Weshalb sie seitdem zwischen der Chorleitung in Altensteig und ihrer Haupt-Lehrtätigkeit an zwei verschiedenen Gymnasien im Raum Stuttgart hin und her pendelt. Kürzlich erst wurde vom Schulamt ihre Versetzung nach Altensteig für das kommende Schuljahr abgelehnt. Dies machte alle Hoffnungen auf eine Weiterführung der professionellen Leitung des Christophorus-Kinderchores durch sie zunichte – denn im Moment bewältigt sie die Einsätze in Altensteig – nachdem ihre Hauptanstellungen wochentags auf 100 Prozent aufgeweitet wurden – ausschließlich an ihren freien Wochenenden. Definitiv keine Dauerlösung.

Was Eltern, Ehemalige der Christophorus-Kantorei und natürlich die jungen Sängerinnen und Sänger dabei richtig in Rage bringt: Bereits 2018 hatte man eine Petition gestartet, um das Voll-Deputat für Kellerer in Altensteig gegenüber dem zuständigen Regierungspräsidium (RP) als Schulamt durchzusetzen. Damals mit dem Erfolg, dass das RP den Eltern der Chorkindern ein baldige Lösung des Problems zusagte. Mehr als 1400 Unterschriften für die Vollanstellung von Kellerer waren damals gesammelt worden.

Doch passiert ist seitdem nichts, im Gegenteil: Mit dem jüngst gescheiterten Versetzungsgesuch der Musikpädagogin ist eine "gütliche" Lösung irgendwie in noch weitere Ferne gerückt.

Weshalb Eltern und Ehemalige jetzt ihre Petition reaktiviert haben und als Rettungsaktion für den Christophorus-Kinderchor ausweiten. Dafür diente auch der Playback-Auftritt der so musikalischen Kids im Altensteiger Schlossgarten: Kameramann Matthias Krumrey drehte mit ihnen einen Video-Trailer für die neue Website der Petition (www.rettet-den-kinderchor.de), machte Fotos.

Birgit Heintel, selbst Schauspielerin und Mutter eines der Chor-Mädchen, hat dafür eigens eine ausgefeilte Choreografie mit den Kindern einstudiert. Die halten Transparente hoch mit all den Begriffen, wofür dieser Kinderchor für sie steht: Gemeinschaft, Zusammenhalt, Stärke. Wobei ein Begriff fehlt: Einmaligkeit. Denn so einen aussergewöhnlichen Schul-Kinderchor wie diesen gibt es bisher in der Region, eigentlich im ganzen Land kein zweites Mal. "Wir wissen zumindest von keinen", sagt Werner Lauk.

Eine echte Persönlichkeitsschule

Lauk war einmal selbst Christophorus-Sänger, im Berufsleben später als Spitzen-Diplomat Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Afghanistan, später in Rumänien. Und das eine habe ziemlich viel mit dem anderen zu tun. Denn diese schulische Chorarbeit, die immerhin seit fast 60 Jahren in Altensteig beheimatet ist, sei "eine echte Persönlichkeitsschule" für immer neue, nachwachsende Generationen, von der auch er sein Leben lang profitiert habe. Denn der Preis, den die Kinder für das Gemeinschaftserlebnis des schönen Gesangs, die vielen internationalen Auftritte und die Siege bei den diversen Gesangswettbewerben "zahlen" müssten, sei "Disziplin, soziale Verantwortung und das Entwickeln echter Leidenschaft".

Womit Altensteig, sein Gymnasium, die Kantorei und "als für die kontinuierlich aufbauende Gesangsausbildung zentraler Baustein der Kinderchor" eigentlich Vorbild sein könnten für alle Schulen im Land. "Und darüber hinaus". Denn sei das nicht der eigentliche Erziehungs- und Bildungsauftrag aller Schulen überhaupt – "verantwortungs- und selbstbewusste Staatsbürger" hervorzubringen? "Bei uns gelingt das seit Generationen!" Noch.

(ahk). Wie einzigartig das ist, was diese herausragende schulische Chorarbeit in Altensteig in der Ausbildung mit den Kindern und Jugendlichen hier macht, zeigt ein Beispiel: Eigentlich habe er nur Fußball spielen wollen, erzählt der 17-jährige Gideon Bausch. Dann habe ihn sein Kumpel und Klassenkamerad Nabor-Levi Armbruster Geld angeboten, wenn er einmal zur Probe des Christophorus-Kinderchors mitkäme – stolze 40 Cent! Ein sehr gutes Investment, wie Gideon heute bestätigt. "Die Chorarbeit, das Singen bringen einen riesen Spaß." Und viel Selbstbestätigung. Dazu das "wahnsinnige Gemeinschaftserlebnis". Was Albrecht Joos, Ehemaliger der Christophorus-Kantorei, dazu heute stellvertretender Bürgermeister von Altensteig und Mitglied des Calwer Kreistages, bestätigt. "Ich habe weiß Gott nicht nah am Wasser gebaut – aber nach meinem letzten Konzert als Christophorus-Sänger habe ich geheult wie ein Schlosshund, weil diese einmalige Zeit nun auf einmal zu Ende war."

Dass das Schulamt, das Kultusministerium diese einmalige, eigentlich modellhafte Chor-Konstruktion, wie sie in Altensteig besteht, nicht anerkennt, würdigt und fördert, sondern ohne Angaben von Gründen "leichtfertig gefährdet", sei komplett unverständlich. Übrigens: Nabor-Levi Armbruster, der Klassenkameraden vom eigenen Taschengeld schon mal besticht, damit sie mitsingen, ist heute nicht nur Sänger der Christophorus-Kantorei, sondern als Absolvent der mit der Kantorei fest verbundenen Chorleiter-Ausbildung auch musikalischer Chef des Männergesangsvereins Rohrdorf, damit Beispiel für viele Vereins- und Kirchen-Chorleiter der Region. Diese ganze Kaskade aufeinander aufbauender Ausbildungs-Bausteine in der Chorarbeit sei aktuell ebenfalls gefährdet, wenn man die Chorleitung des Christophorus-Kinderchors nicht endlich dauerhaft sichere.

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